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Hannover 96 : Slomkas Festspiele

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Auf der Erfolgswelle: Für Mirko Slomka und Hannover 96 läuft es derzeit bestens Bild: dapd

Der sportliche Höhenflug bei Hannover rückt vor allem seinen Trainer immer mehr in den Mittelpunkt. An diesem Sonntag (15.30 Uhr) wartet mit Mainz die nächste Aufgabe.

          Einen wie ihn hätten sie plötzlich im ganzen Norden gern. Beim Hamburger SV, wo man jemanden sucht, der Fachkenntnis mitbringt und eine gewisse Ausstrahlung, etwas Weltmännisches. Beim VfL Wolfsburg, wo das Prinzip An- und Verkauf nur funktioniert, weil Volkswagen es am Laufen hält. Und auch beim stolzen SV Werder hat man in der vergangenen Saison am Rande des Abstiegs mal nach Hannover geschielt und sich einen Trainer gewünscht, der aus wenig viel macht. Und dazu immer lächelt.

          Mirko Slomka ist neben dem Gladbacher Lucien Favre der Trainer der Stunde. Der sportliche Erfolg mit Hannover geht weiter und führt in neue Dimensionen. Das Unentschieden am Donnerstag gegen den FC Sevilla langte, um sich in der Europa League nun Gruppenspiele gegen den FC Kopenhagen, Standard Lüttich und die Ukrainer aus Poltawa zu sichern. Dank Slomkas gefestigter Truppe wird es weitere Festspiele in der Arena am Maschsee geben. Dass Hannover 96 in dieser Gruppe gute Chancen hat, unter die besten 16 Mannschaften zu kommen, ist eine angenehme Begleiterscheinung.

          Unter Komplexen hat Slomka nie gelitten. Allein seine Ausbildung als Mathematiklehrer hebt ihn intellektuell aus der Masse der Kollegen hervor. Er hat sich zugetraut, den FC Schalke zu trainieren, und in seinen zwei Jahren dort fürs Leben gelernt. Die Station Gelsenkirchen habe ihm Gelassenheit geschenkt, hat Slomka gesagt. Er hat dort das Arbeiten in einem Großklub gelernt – mit all den Unwägbarkeiten und Begleiterscheinungen, die manchmal vom Cheftrainer kaum zu beeinflussen sind.

          Dass Slomka von der Schalker Zeit zwischen Januar 2006 und April 2008 auf der nächsten Station profitieren würde, war ihm klar. Allerdings vergingen fast zwei Jahre, bis es so weit war. Slomka musste sich fragen lassen, warum er nie irgendwo einsprang, wenn jemand gebraucht wurde, beim HSV etwa, immer wieder. Dort wäre er 2009 gern gelandet, doch Hamburg holte Labbadia.

          Slomka fuhr noch ein paar Runden auf dem Trainerkarussell, brachte sich durch Fernsehauftritte in Erinnerung und griff zu, als der Klub aus seiner Heimatstadt in der größten Not war: Nach Robert Enkes Suizid im November 2009 stand Hannover 96 unter Schock und galt zur Winterpause 2009/2010 als sicherer Absteiger. Präsident Martin Kind war gegen Slomka, Sportchef Jörg Schmadtke nicht vollkommen überzeugt, aber es gab keinen anderen, der ein so überzeugendes Konzept präsentierte. Der Retter aus der Heimat, das passte.

          Slomka stellte alles auf null, begann am 19. Januar 2010 so, als habe er sechs Wochen Zeit für die Vorbereitung: Medizinbälle im Januar. Nach harten Rückschlägen fing sich das Team und blieb in der Bundesliga. Der mürrische und unbequeme Schmadtke war zwar kein Freund des Dauerlächlers Slomka geworden, doch gegenüber Kind war er nun sein wichtigster Fürsprecher. So auch, als Slomka vor einem Jahr nach der Pokalniederlage in Elversberg auf der Kippe stand. Hannover bewahrte Ruhe – und nach fünf Spieltagen hatten sich die „Roten“ an der Spitze etabliert.

          Mirko Slomka kennt seinen Wert

          Jetzt hat Slomka eine Mannschaft beieinander, die im Verbund modernen, gut anzuschauenden Fußball spielt und gut trainiert wirkt. Dass die Schlussphase im heißen Sevilla ziemlich kühl blieb, lag an der Kampf- und Laufstärke dieser Mannschaft mit den Säulen Zieler, Pinto und Schlaudraff.

          Ein junger Torwart, ein mittelmäßiger Mittelfeldspieler und ein schon aussortierter Stürmer als Leistungsträger, das kann nur klappen, wenn die ganze Mannschaft funktioniert. Uneitle und unauffällige, aber leistungswillige Profis wie Christian Schulz, Konstantin Rausch und Manuel Schmiedebach, das ist genau das, was man beim HSV oder in Wolfsburg gern hätte. Slomkas nächste Aufgabe wird sein, sie vor dem Abheben zu bewahren und sie durch den Dschungel der Auftritte im Drei-Tages-Rhythmus zu führen.

          Manche hat es genervt, dass Slomka in Hannover gern heraushängen ließ, mit dem FC Schalke in der Champions League gespielt zu haben. Das hat er am Anfang einmal zu viel getan und lässt es inzwischen sein. Auch sein Poker mit Vereinschef Kind um die Vertragsverlängerung im vergangenen Winter mag manchen verstört haben. Dabei wollte sich Slomka einfach nur nicht abspeisen lassen. Der Mann kennt seinen Wert. Sollte er mit dieser Mannschaft am Ende der Saison das erreichen, was er mit Schalke geschafft hat, dann wäre er wieder ein Trainer für die großen Klubs der Bundesliga.

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