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Hannover 96 : Scheidung in 57 Minuten

  • -Aktualisiert am

Es gab keine Gemeinsamkeiten mehr: Die Wege von Manager Schmadtke und Trainer Slomka (l.) trennen sich Bild: dapd

Hannover 96 und sein Manager Jörg Schmadtke trennen sich. Der ehemalige Bundesliga-Torwart wird mit sofortiger Wirkung freigestellt.

          Sie brauchten nur 57 Minuten, um ihre fast vierjährige Zusammenarbeit zu beenden. Die Erklärung zur endgültigen Trennung war hinter den Kulissen längst vorbereitet worden. „Jörg Schmadtke hat den eindeutigen Wunsch formuliert, das Vertragsverhältnis zu beenden. Diesem Wunsch haben wir entsprochen“, lautete die Botschaft von Martin Kind, dem mächtigen Vereinspräsidenten von Hannover 96.

          Was seit Tagen vermutet worden war, fand am Mittwoch ein abruptes Ende. Schmadtke ist bei einem Klub, der zwei Spielzeiten in Folge die Europa League erreicht hatte, nicht an einer sportlichen Misere, sondern an einem internen Kompetenzgerangel mit Trainer Mirko Slomka gescheitert. „Ich gehe jetzt nach Hause“, sagte Schmadtke, der als Geschäftsführer Sport um die vorzeitige Auflösung seines unbefristeten Arbeitsvertrages gebeten hatte, in seiner typisch ironischen Art.

          Kind und Schmadtke machten nach ihrem letzten Krisengipfel betroffene Gesichter. Denn mit der beschlossenen Demission endet eine überaus erfolgreiche Zusammenarbeit, die trotz aller Konflikte der Garant für große Leistungen in der Fußball-Bundesliga war. Seit seinem Amtsantritt im Sommer 2009 konnte Schmadtke immer wieder beweisen, dass er ein besonderes Händchen für Transfers besitzt.

          Die beiden Stürmer Didier Ya Konan und Mohammed Abdellaoue etwa hatte der frühere Profitorhüter in den Niederungen des norwegischen Fußballs entdeckt. Auch Torjäger Mame Diouf, an dem derzeit unter anderen Borussia Dortmund Interesse anmeldet, war nach Hannover gewechselt, weil Schmadtke ihn in der Reserve von Manchester United entdeckt und voller Hartnäckigkeit nach Hannover gelotst hatte.

          Freigestellt: Jörg Schmadtke

          Mit dem Schweigen, das sich am Mittwoch alle Beteiligten bei Hannover 96 auferlegt haben, legt sich jetzt eine Art Deckmantel über das schwer belastete Miteinander. Denn der Zwist zwischen Slomka und Schmadtke, den Kind mehrfach vergeblich zu schlichten versucht hatte, war zur Plage für die formschwache Mannschaft und den gesamten Verein geworden.

          Zwei unterschiedliche Aspekte

          An diesem Samstag (15.30 Uhr/F.A.Z.-Liveticker) empfangen die Niedersachsen den deutschen Rekordmeister Bayern München. Aber das Duell mit der in dieser Saison alles überragenden Mannschaft war angesichts der Personalposse so weit in den Hintergrund gerückt, dass nur noch wenig Vorfreude auf den vermeintlichen Saisonhöhepunkt zu spüren ist.

          Der Blick zurück auf das Wirken von Schmadtke in Hannover fördert zwei höchst unterschiedliche Aspekte zutage. Seine Personalpolitik und die Arbeit von Slomka hatten in den beiden vergangenen Spielzeiten dazu geführt, dass sich Hannover 96 national, aber auch auf internationaler Ebene einen Namen machen konnte.

          Aber die Gerüchte darüber, dass das Duo einfach nicht miteinander kann und kaum noch miteinander spricht, ließen sich schon seit Monaten nicht mehr verscheuchen. „Die Zusammenarbeit ist wie immer“, hatte Slomka zuletzt behauptet. Dass er bei solchen Sätzen versäumte, seinem vermeintlich wichtigsten Kollegen den Rücken zu stärken, berührte selbst den treuesten der treuen 96-Anhänger unangenehm.

          Schmadtke wiederum hatte sich zuletzt immer mehr in den Schmollwinkel zurückgezogen, eine durch Slomka unterstützte Medienkampagne angeprangert und sich in Sarkasmus geflüchtet. „Ich werde bis Freitag alles vorbereiten, damit Herr Kind unbeschadet fortfahren kann“, sagte Schmadtke nun nach dem Trennungsgespräch, zu dem er mit seinem Anwalt erschienen war.

          Schmadtke glaubte nicht mehr an gedeihliche Zusammenarbeit

          Der Platz ganz in der Nähe von Slomka, den Schmadtke während der Bundesligaspiele auf der Ersatzbank stets eingenommen hatte, wird am Samstag bereits nicht mehr von ihm besetzt. „Der Zeitpunkt war gekommen, um eine Entscheidung zu treffen“, sagte der 49-Jährige, als er bei seinem Abgang gefragt wurde, warum sein Abschied so kurzfristig vollzogen werde.

          Kind machte nicht den Eindruck, als würde er bereits eine Nachfolgelösung präsentieren können. Er brachte nur sein großes Bedauern zum Ausdruck. Immer wieder hatte der Chef eines Hörgeräte-Imperiums versucht, dem Manager gut zuzureden. Schon im April 2012 war Schmadtke mit der Bitte vorstellig geworden, seinen Vertrag zu lösen. Nur die Bewilligung einer mehrwöchigen Auszeit, während deren sich Schmadtke um familiäre Probleme kümmern wollte, hatte ihn im Amt halten können.

          Über Details seines Vorgehens schwieg er damals wie heute. Die Zwischentöne, die von Schmadtke bis zuletzt zu vernehmen waren, ließen aber keinen Zweifel daran, dass er nicht mehr an eine vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit mit Slomka glaubte.

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