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Hannover 96 in der Krise : Ein Lebenswerk kurz vor dem Einsturz

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Reichlich Lesestoff: Die Nordkurve in Hannover liefert plakative Beiträge. Was genau die Anhänger wünschen, bleibt diffus. Bild: Reuters

Hannover 96 steht auf dem letzten Platz. Vor Weihnachten folgen noch zwei enorm wichtige Spiele. Doch nicht nur sportlich liegt einiges im Argen beim Fußballverein. Die Fans reagieren mit einer Generalabrechnung.

          Eigentlich investiert André Breitenreiter immer viel Zeit und Mühe. Er versucht, geduldig zu erklären, warum es bei Hannover 96 nicht läuft, woraus neuer Mut zu schöpfen ist und wie er die ständige Unruhe in Verein auszublenden versucht. Nach der bitteren 0:4-Niederlage am vergangenen Samstag aber trat der Cheftrainer der Niedersachsen eher ratlos ab. „Wir waren chancenlos. Da gibt es nicht viel zu analysieren“, meinte Breitenreiter. Sein Team war vom FC Bayern München im eigenen Stadion vorgeführt worden – was noch als normal eingestuft werden kann. Sein Verein ist jetzt aber auch noch Tabellenletzter der Fußball-Bundesliga und gibt ein Bild des Jammers ab. Eine Lösung kommt nicht in Sicht. An diesem Mittwoch (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) geht es im Auswärtsspiel beim SC Freiburg um äußerst wichtige Punkte.

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          Die Frage, ob er sich um seinen Job Sorgen macht, mag Breitenreiter nicht mehr beantworten. In der Aufarbeitung dessen, was 49.000 Zuschauer in Hannover miterlebt haben, gibt es viel zu tun und jede Menge zu zeigen. Neben den Fehlern auf dem Platz geht es um eine tiefe Stimmungskrise. Den bundesweiten Fokus, in den jeder Gegner des FC Bayern gerät, nutzten viele Fans in Hannover zu einer Generalabrechnung mit der Vereinsführung. Auf einem Meer an Transparenten war zu lesen, wie unzufrieden der Anhang in der „Nordkurve“ mit dem Kurs von Präsident Martin Kind ist. Unter dessen Regie wird eine außerordentliche Mitgliederversammlung verweigert. Kind kämpft um eine Ausnahme von der 50+1-Regel für sich und den Verein, um Investoren mehr Einfluss zu ermöglichen. Sein Beitrag dazu, grundlegende Entscheidungen bei Hannover 96 transparenter zu machen und die Vereinsmitglieder besser einzubinden, bleibt überschaubar. Und genau das sorgt für eine latente Unruhe.

          In der unbequemen Mitte zwischen einem schwachen Team und einer angefeindeten Vereinsführung müht sich Horst Heldt ab. Natürlich wurde er gefragt, ob er die Fan-Botschaften im Stadion zur Kenntnis genommen hatte. „Ich habe das mitgekriegt, aber nicht gelesen. Das sind auch Dinge, die wir nicht beeinflussen können“, sagte der Sportdirektor. Heldt bleibt anzulasten, dass die Mehrheit der von ihm verpflichteten Neuzugänge bisher enttäuscht. Er wirkt überfordert in der Frage, wie man aus 96 wieder einen harmonischen statt einen von Streit untergrabenen Verein machen könnte. „Ich weiß ja nicht, wie es von außen ausgesehen hat. Auf dem Platz hat es sich beschissen angefühlt“, berichtete Mittelfeldspieler Pirmin Schwegler. Er sprach vor allem über die Dominanz des FC Bayern. Aber natürlich klingt zwischen den Zeilen auch durch, dass die vielen Baustellen des Vereins abseits des Rasens nicht gerade leistungsfördernd sind.

          Sie zählen die Tage und Spiele bis zur Winterpause schon rückwärts in Hannover. An diesem Mittwoch stellt sich 96 in Freiburg vor. Am Samstag folgt im Kampf gegen den drohenden Abstieg das schwerwiegende Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf. Bis dahin soll es aus Sicht des Sportdirektors ruhig bleiben. „Wenn ich jeden anschreie, werden die Menschen nicht sicherer“, glaubt Heldt. Trainer Breitenreiter indes hat gedroht, den Spielern den Weihnachtsurlaub zu streichen, sollten vor Weihnachten nicht noch mindestens drei Punkte auf das 96-Konto eingehen. „Ich würde die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr auch lieber mit meiner Familie verbringen, aber es geht um 96“, sagte Breitenreiter zum möglichen Sondertraining zwischen den Jahren.

          Bild des Jammers: Sportchef Horst Heldt (links) und Trainer André Breitenreiter.

          Präsident Kind aber hat durchblicken lassen, dass er den üblichen Reflexen der Branche vorerst widerstehen will. Breitenreiter darf zunächst noch im Amt bleiben, was offenbar mit der Erkenntnis verbunden ist, dass bei der Planung der Mannschaft Fehler gemacht worden sind und nachgebessert werden muss. Aber welcher Profi mit Können oder einer guten Perspektive wechselt in Kürze zu einem innerlich zerrissenen Verein wie Hannover 96? „Es ist der falsche Zeitpunkt, um darüber zu reden“, meint Heldt. Er will keine zusätzliche Unruhe in einer Umkleidekabine, in der Zuversicht und Selbstvertrauen schon seit längerer Zeit keinen Stammplatz mehr haben.

          Was genau sich die unzufriedenen Fans wünschen, bleibt indes diffus. Mit immer neuem Zoff rund um die 50+1-Debatte ist bei Hannover 96 niemandem geholfen. „Kult statt Kaviar“, „Wir wollen Demokratie und Transparenz“ und „Gegen das System Kind“: Solche Botschaften waren am Samstag in einem Stadion zu lesen, in dem nicht die erfolglosen Spieler, sondern in erster Linie der Präsident angesichts seiner Machtfülle ins Kreuzfeuer gerät.

          Seine Kritiker stuft Kind regelmäßig als Ahnungslose ein. Den nicht enden wollenden Streit mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) will er mit aller Entschlossenheit austragen und zur Not vor ordentlichen Gerichten klären lassen. Der 74 Jahre alte Unternehmer, Funktionär und Entscheider empfindet sein Engagement über mehr als zwei Jahrzehnte im Auftrag von Hannover 96 als eine Art sportliches Lebenswerk. Die Tabelle und die Stimmung im Stadion sagen, dass dieses Lebenswerk trotz aller Verdienste stark einsturzgefährdet ist.

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