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Hamburger SV : Weg mit den Rundum-Sorglos-Paketen

  • -Aktualisiert am

In dieser Zusammensetzung wird die Hamburger Mannschaft nicht mehr lange jubeln können Bild: REUTERS

Der Hamburger SV steht personalpolitisch vor einem Schnitt. Die Zäsur zur kommenden Saison wird eine Reihe von Stammkräften treffen - vielleicht gar den Vorstandschef. Am Freitag (20.30 Uhr) steht zunächst das Spiel in Dortmund an.

          Verschiedene Begrifflichkeiten hat Bernd Hoffmann für das Kommende ausprobiert und sich dann nach längerem Überlegen für das Wort „Fluktuation“ entschieden. Womöglich erschienen dem Vorstandsvorsitzenden des Hamburger SV die anderen Optionen als zu scharf. Von „Zäsur“ hatte er gesprochen, der größten, seit er Chef des HSV ist, und vom „Umbruch“, der den aktuellen Kader im nächsten Sommer erwarte. Inzwischen haben er und Vorstandskollegin Katja Kraus sich auf folgende Sprachregelung verständigt: „Die Fluktuation wird gravierender sein als zuletzt.“ Verhüllt in zwei Fremdworte, kündigt Hoffmann also an, dass es im Sommer 2011 einen radikalen Schnitt geben wird.

          Weil Hoffmann die Entschlossenheit im Großteil der Mannschaft immer dann fehlt, wenn der letzte Schritt zum ersehnten Titel gemacht werden soll – die „Galligkeit“, wie er es nennt –, und weil er Stagnation nicht weiter dulden will, kann das schöne Leben als hoch bezahlter Profi beim HSV für einige bald beendet sein. Viele Spieler hat das aufgeschreckt; auch vor dem Spiel am Freitag (20.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) in Dortmund gibt es in Hamburg nur das Thema, wer denn wohl in der Spielzeit 2011/2012 noch das Trikot der Norddeutschen wird tragen dürfen. Gleich neun Verträge laufen im Sommer aus. Darunter die der Mannschaftsgrößen Frank Rost, Ruud van Nistelrooy und Zé Roberto. Ihnen kann man wenig vorwerfen, was die Leistung betrifft. Weil die Drei aber Großverdiener sind und der HSV ans Sparen denken muss – zumal dann, wenn der internationale Wettbewerb wieder verfehlt wird –, könnte es sein, dass alle drei gehen müssen.

          Für Spieler der zweiten bis dritten Reihe wie Collin Benjamin und den dauerverletzten Romeo Castelen wird im Sommer sicher Schluss sein mit dem HSV-Engagement. Bei anderen wird auf die Leistung geschaut: Spielt Piotr Trochowski weiter so gut wie zuletzt, könnten die auf Eis gelegten Gespräche mit einer Verlängerung der Zusammenarbeit beendet werden. Sollte der Nationalspieler Pendler zwischen Bank und Platz bleiben, gilt sein Abgang als ausgemacht. Selbst Profis mit Verträgen bis 2012 können und sollen sich nicht sicher fühlen.

          Der HSV-Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann kündigt an: „Die Fluktuation wird gravierender sein als zuletzt”

          Spiel mit dem Feuer

          „Wir haben sieben Jahre solide gewirtschaftet. Diesen Pfad werden wir nicht verlassen“, sagt Hoffmann. Also: Bevor der HSV ins Minus rutscht, könnten Profis verkauft werden. Gemeint sind trotz starker Leistungen Mladen Petric und gerade aufgrund von schwächeren Leistungen Guy Demel oder der Überflieger des Sommers 2009, Eljero Elia. Der wollte schon im Juli den Verein verlassen.

          Ganz schön viele Namen, ganz schön viele Spekulationen um Namen, vom Vereinschef durch seine Aussagen befeuert. Der Hintergrund ist verständlich: Rundum-Sorglos-Pakete will Hoffmann nicht mehr schnüren, jeder soll rennen und kämpfen fürs nächste Engagement beim HSV. Hoffmann wird wissen, dass das ein Spiel mit dem Feuer ist. Doch er bleibt guter Dinge: In Spielern wie Drobny, Westermann, Aogo, Jansen, Pitroipa und Jarolim sieht er ein gutes Grundgerüst. Hinzu kommt die neue Ausrichtung auf den Nachwuchs. Ja, auch beim HSV hat man entdeckt, dass es auf Sicht günstiger ist, auch mal einen jungen Spieler aus dem Internat hochzuziehen.

          Talente geben Anlass zur Hoffnung

          Das soll in Zukunft der Regelfall werden. Stolz haben die Hamburger gerade die Verträge der Talente Son, Stepanek und Besic verlängert. Es wird spannend sein zu sehen, ob dem Nachwuchs wirklich eine Chance gegeben wird – Sportchef Bastian Reinhardt wird sich daran messen lassen müssen. In Choupo-Moting, Son und Torun gaben einige Talente zuletzt Anlass zur Hoffnung. Doch die HSV-Führung möchte abwarten, wohin ihr Weg geht. Die letzten Trainer der Hamburger vor Armin Veh versprachen in der Öffentlichkeit immer, auf den Nachwuchs zu setzen, forderten dann aber erfahrene Kräfte, als es schlechter lief. Auch deswegen sagt Hoffmann: „Um unseren Weg zu gehen, brauchen wir den Rückhalt der Vereinsgremien. Und wir müssen es gemeinsam aushalten, mal eine schlechtere Saison dabei zu haben.“

          Hoffmann appelliert so ganz gewieft an den Aufsichtsrat: Ein Teil der Räte wird im Januar neu gewählt. Sollten die neuen Kontrolleure Hoffmann weniger gewogen sein, als das derzeit im Gremium der Fall ist, könnte es gut sein, dass Hoffmann den von ihm angekündigten Umbruch gar nicht mehr miterlebt – auch sein Vertrag läuft im nächsten Jahr aus. Allerdings weiß man in Hamburg auch, wie schnell sich der Wind dreht: Sollte der HSV zur Winterpause unter den ersten Dreien stehen, dürfte Hoffmanns Nachwuchskonzept von den Mitgliedern bejubelt und sein Kontrakt von den Räten verlängert werden. Das weiß der Chef, wenn er seinen hochbezahlten Angestellten nun zum wiederholten Mal Beine macht. Diesmal sollte allerdings niemand daran zweifeln, dass Bernd Hoffmann es ernst meint, gleichgültig, welches Wort er benutzt.

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