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Christian Titz ist erstmals am Samstag in Berlin Trainer der Bundesliga-Mannschaft des HSV. Bild: dpa

Hollerbach-Nachfolger Titz : Wie der HSV durch Zufall einen Trainer fand

  • -Aktualisiert am

Erst Markus Gisdol, dann Bernd Hollerbach, nun Christian Titz – der HSV setzt wieder auf einen neuen Trainer. Die Geschichte, wie er nach Hamburg kam, ist kurios. Und es werden schon Namen gehandelt, die Titz folgen sollen.

          Beim VfB Lübeck müssen sie sich über die Regenfälle in der Nacht auf Montag furchtbar geärgert haben. Zum Wochenstart sollte auf der Lohmühle die Regionalliga-Partie gegen Tabellenführer Hamburger SV II angepfiffen werden. Aber wie fast alles im unterklassigen Fußball des Nordens musste dieses Spiel abgesagt werden. Es wäre die Abschiedspartie des Hamburger Trainers Christian Titz in der vierten Liga gewesen, denn im Grunde stand seit Sonntagabend fest, dass Titz in die Bundesliga aufrücken würde, und das hatte sich natürlich auch bis Lübeck herumgesprochen, Stammland vieler HSV-Fans. Der neue Chefcoach hätte sicher ein paar mehr als die üblichen 1000 Zuschauer an die altehrwürdige Lohmühle gelockt. So aber blieb der erhoffte warme Regen für den VfB-Schatzmeister aus, und wenn das Spiel irgendwann nachgeholt wird, sitzt der bisherige U-16-Coach Steffen Weiß als Trainer auf der Bank der ältesten HSV-Talente.

          Der Nächste, bitte! Am Samstag gegen Hertha BSC (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) wird Christian Titz versuchen, es besser zu machen als Bernd Hollerbach und Markus Gisdol in dieser Saison. Und wenn es auch irre wirkt, dass sich ein Verein in fünf Tagen von Vorstand, Sportchef und Trainer trennt, so muss man ausnahmsweise sagen, dass der HSV diesmal nachvollziehbar handelt, denn es gab keine Gründe, mit Bruchhagen, Todt und Hollerbach weiterzumachen – Letzterer hatte seine Retter-Chancen nicht erst beim 0:6 in München vergeben, sondern schon zuvor in Bremen und gegen Mainz.

          „Wir haben die sportliche Gesamtlage intensiv analysiert und diskutiert. Am Ende sind wir zur Überzeugung gelangt, dass wir im Hinblick auf unsere Chancen im Kampf um den Klassenerhalt handeln mussten“, sagte der kommissarische Vorstandschef Frank Wettstein am Montagnachmittag: „Wir wollten einen Impuls setzen für die verbleibenden acht Spiele.“ Wettstein spricht aus, was Bernd Hoffmann will – der neue Aufsichtsratsvorsitzende der HSV Fußball AG ist die treibende Kraft hinter dem großen Umbau. Dass die schwindsüchtigen HSV-Finanzen durch eine Flut an Abfindungen oder Gehaltsfortzahlungen weiter belastet werden, scheint keine Rolle zu spielen.

          Neben Titz rückt Bernhard Peters als eine Art Generalbevollmächtigter im Profi-Bereich auf. Der „Direktor Sport“ des HSV hat schon der Nachwuchsabteilung Beine gemacht und arbeitet kompromisslos wie Hoffmann. Peters hatte Titz von der B-Jugend zur zweiten Mannschaft befördert und ist mit seiner Arbeit dort hochzufrieden. Titz selbst ist (wie Hollerbach) unerfahren als Trainer im Profifußball. Seit Sommer 2015 beim HSV, hat der 46 Jahre alte Mannheimer vor allem bei der intellektuellen Durchdringung des Fußballs überzeugt. Seine Spielideen und einige geläufige Formationen hielt er zusammen mit dem früheren Lauterer Profi Thomas Dooley in eigenen Lehrbüchern fest („Das 4-4-2-System“).

          Es passt zum HSV, dass die Einstellung Titz’ damals keinem Plan folgte, sondern Zufall war: Lewis Holtby hatte bei ihm Einzelunterricht in Pass- und Schusstechnik genommen, war begeistert und empfahl dem HSV daraufhin Titz. Anzunehmen also, dass sich Holtbys Lage als Tribünenhocker bald verbessert. Hollerbach hatte am Montag in einem Telefonat mit Wettstein von seiner Entlassung nach 49 Tagen erfahren. Drei Punkte aus sieben Spielen – das war wenig, weniger, als man ihm zugetraut hatte. Allerdings badete auch Hollerbach nur aus, was andere verbockt haben. Todt und Bruchhagen agierten in beiden Transferperioden fahrlässig. So sollte Hollerbach die Tor-Misere des HSV ohne Spielmacher, ohne treffsicheren Stürmer beheben.

          Das musste misslingen. Der wehrlose Eindruck von München verstärkte Hoffmanns und Wettsteins Bestreben, nicht kampflos abzusteigen. Nun soll unter Titz’ Regie der Rückstand gegenüber Mainz und Wolfsburg aufgeholt werden. Zur Seite gestellt wird ihm als „Sportlicher Berater des Vorstands“ der ehemalige Profi Thomas von Heesen als Kurzzeit-Sportchef. Titz’ Engagement gilt bis Saisonende. Im Falle des Abstiegs werden in Hamburg andere Namen gehandelt – Thomas Doll, Roger Schmidt, Hannes Wolf. Christian Titz ist samt Zwischenlösungen übrigens der 16. Trainer seit 2008.

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