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HSV-Trainer Labbadia : Einer zum Anlehnen

  • -Aktualisiert am

Ein schmaler Grat: Bruno Labbadia balanciert zwischen notwendiger Autorität und gerade noch zulässiger Nähe. Bild: dpa

Bruno Labbadia steht für die alten Werte des Fußballs. Selbst im Falle des Abstiegs glaubt der HSV, in ihm endlich den richtigen Trainer gefunden zu haben. Zu Recht?

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          Er beginnt nun langsam damit vorzubauen. Für den Fall des Abstiegs. Bruno Labbadia will nicht in die Rolle des Alleinverantwortlichen gedrängt werden. Deswegen hat der Trainer des Hamburger SV angefangen, vorsichtig und leise an die Versäumnisse der Vergangenheit zu erinnern. Daran, dass andere die entscheidenden Fehler gemacht haben – vor ihm. Der schier grenzenlose Optimismus, den er vor knapp sieben Wochen ausströmte, als er ausgezogen war, den Tabellenletzten zu retten, ist einem nüchternen Pragmatismus gewichen. Nach dem glücklichen 1:1 am Donnerstag im Hinspiel der Relegation gegen den Karlsruher SC sagte Bruno Labbadia also: „Wieder standen vier, fünf Spieler auf dem Platz, die keinen Vertrag haben. Aber ich diskutiere nicht über Einzelne. So ist unsere Lage hier. Das können wir nicht verändern.“

          Labbadias Voraussetzungen sind schlecht, weil das Vertragsmanagement der Vorjahre desolat gewesen ist. Darauf möchte er in seinen Worten dezent hinweisen. Seine Leistungsträger und Torschützen der vergangenen Wochen sind Auslaufmodelle. Spieler, die seit Jahren zwischen Amateuren und Profis hin- und hergeschoben wurden und mehrfach lesen konnten, dass der HSV sie loswerden will und es im Sommer auch wird: Gojko Kacar, Slobodan Rajkovic, Ivo Ilicevic. Auch der im Rückspiel am Montag beim KSC (19 Uhr / ARD, Sky und im Bundesliga-Liveticker) gesperrte Heiko Westermann und Rafael van der Vaart gehören dazu.

          Ein Team, das im Sommer auf jeden Fall zerbricht, soll sich mit aller Macht gegen den ersten Abstieg aus der Fußball-Bundesliga trennen – es gibt angenehmere Aufgaben, als eine solche Mannschaft zu trainieren. Labbadia soll zusammenhalten, was seit Jahren in verschiedene Richtungen strebt. Zumindest lassen ihn die Chefs Dietmar Beiersdorfer und Peter Knäbel in Ruhe. Sie können einschätzen, wie schwer Labbadias Arbeit am Ende einer langen Fehlerkette ist.

          Lange hat der HSV gebraucht, um einen Trainer zu finden, der gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen notwendiger Autorität und gerade noch zulässiger Nähe balanciert. Wenn Bruno Labbadia in den vergangenen Tagen Wasserspiele auf dem Kellersee, Schießwettkämpfe im Malenter Schützenklub und Lagerfeuer in der Sportschule anbot, war das deshalb nicht anbiedernd-lächerlich, weil er seine schlichten Teambuilding-Events mit handfester taktischer Ansprache und technischer Hilfestellung im Training unterfütterte.

          Labbadia „im Tunnel“

          Wer Labbadia auf dem Übungs-Grün erlebt, sieht keinen teilnahmslosen Fußball-General, die Hände über dem Rücken verschränkt dem Geschehen beiwohnend, das der Assistent anleitet. Labbadia eilt herbei, zeigt, wie es geht, macht zur Not auch vor, wie man trifft oder wo man steht. Der 49 Jahre alte Coach ist kein Fußball-Philosoph mit immer neuem Matchplan und geheimnisvoller Aura. Er steht für die alten Werte: Zusammenhalten, kämpfen, laufen – und das auf der Basis eines Systems, das der Kader hergibt und die Mannschaft versteht. Mit diesen Grundtugenden hat er den Tabellenletzten seit dem 15. April immerhin auf den Relegationsrang befördert. Oder wie Torwart René Adler sagt: „Bevor Bruno kam, waren wir mausetot.“

          Letzte Ansprache beim Trainingslager in Malente: Labbadia spricht zu seinem Team.

          Der Respekt vor dem mit allen Wassern gewaschenen Profi mit italienisch-hessischem Hintergrund ist groß. Sie haben jemanden gefunden, an dem sie sich festhalten können. Und vorn steht jetzt einer, der das Profi-Dasein vorlebt, ohne zu überziehen. Sehr genau hat die Mannschaft beobachtet, was Labbadia mit dem unbeliebten Führungsspieler Valon Behrami macht: Er lobte den verletzten Beiersdorfer-Protegée, und sortierte ihn doch aus.

          Keiner murrte, als es vergangene Woche wieder nach Malente ging. Ob das genügt, um in den Play-off-Partien zu bestehen, steht auf einem anderen Blatt. Labbadia sagte am letzten Bundesliga-Spieltag: „Als wir kamen, habe ich gedacht, dass zehn Punkte aus sechs Spielen reichen müssten. Es hat für die Relegation gereicht.“ Schon da wies er auf die Lage hin, wie er sie vorgefunden hatte. Er setzte Arbeit entgegen und die innere Überzeugung, es zu schaffen. Er stärkte die Arrivierten und ließ die Talente außen vor.

          Er sei im „Tunnel“, hat Labbadia ein paar Mal behauptet, er habe keine Zeit gefunden, sich mit dem zu beschäftigen, „was da wartet“. Gemeint war der Gegner in den beiden Relegationsspielen. Jeden Morgen um sieben Uhr hat sich Labbadia eine Halbzeit gegönnt und ist einmal um die Alster gejoggt. Dann ging er an die Arbeit.

          Bangen um Olic

          Der HSV hat so viel falsch gemacht in den vergangenen Jahren, dass er nun wieder vor dem Abstieg steht. Doch Bruno Labbadia zu holen, war eine richtige Entscheidung. Er könnte in der zweiten Liga sogar vergleichsweise unbeschädigt beginnen, weil er zu spät kam, um als Gesicht des Niedergangs schon beschädigt zu sein. Dafür kämpft er gerade. Er will seine zweite Chance beim HSV nutzen. Die Gründe, die den Klub 2010 veranlassten, Labbadia zu entlassen, waren vergleichsweise lachhaft. Man stand im Halbfinale der Europa League, war im oberen Bundesliga-Mittelfeld. Vieles deutet nun darauf hin, dass Labbadia seine beschworene Zuneigung zum HSV in der zweiten Liga wird ausleben können. Dann geht es nicht um Erhalt, sondern um Aufbau. Ob er auch das kann?

          Für das Rückspiel in Karlsruhe am Montag muss Labbadia um den Einsatz von Ivica Olic bangen. Der 35 Jahre alte Angreifer fehlte am Samstag beim Training. Olic hatte am Freitagabend einen allergischen Schock erlitten und war ins Krankenhaus gebracht worden. Dort befand sich der Kroate auch noch am Samstag.

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