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Hamburger SV : FC Hollywood auf hanseatisch

  • -Aktualisiert am

Hamburgs schwieriger Star: Rafael van der Vaart Bild: AP

Der HSV liefert den Stoff, aus dem Boulevardträume sind. Rafael van der Vaart und seine Frau liefern mehr Schlagzeilen als der FC Bayern. Nur Trainer Huub Stevens mag diese Form der Unterhaltung vor dem Traditionsgipfel nicht.

          Auf der Bühne gibt es Schurken und Lieblinge, schöne Frauen und süße Babys, geschätzte Versager und vertriebene Helden. Schmierenkomödien werden aufgeführt und Auswandererserien in mehreren Teilen. Dabei ist gute Unterhaltung immer garantiert. Nur Huub Stevens lacht nie. Aber gefreut hat er sich jetzt wenigstens über das 4:0 am Donnerstag im UI-Cup gegen Honved Budapest, dass den HSV mit dem Einzug in den Uefa-Pokal ein kleines sportliches Happy-End bescherte. (Siehe auch: Uefa-Cup-Qualifikation: Hamburg gewinnt 4:0 gegen Honved)

          Im dritten Sommer hintereinander hat der Hamburger SV filmreife Stoffe dargeboten. Zweimal war Rafael van der Vaart in der Hauptrolle, einmal Khalid Boulahrouz. „Eine Seifenoper in siebzehn Akten“, nannte der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann den Abstiegskampf in der letzten Rückrunde. Längst sehnt man sich beim HSV aber nach Normalität und Ruhe. Ist der Hamburger SV der neue „FC Hollywood“? Die „Bild“-Zeitung schuf den Begriff Mitte der neunziger Jahre, als Spieler des FC Bayern Stammgäste in den Klatschspalten der Boulevardmagazine waren und eher selten als Sportler auftraten (Lothar Matthäus, Mehmet Scholl).

          Duell der Schlagzeilenklubs

          Franz Beckenbauer nahm den Begriff bereitwillig auf. Heute als Kritik, morgen als erstrebenswerten Zustand ständiger Medienpräsenz. In Kahn, Effenberg und Schweinsteiger gab und gibt es weitere Vertreter dieser Gattung. Man weiß nicht, was aus Ribéry und Luca Toni wird. Für den Moment aber fällt der FC Bayern nur durch schönen, erfolgreichen, zielstrebigen Fußball auf. Der HSV eher durch sein volkstümliches Theater und andauernde Unruhe. Am Sonntag treffen die beiden derzeit schlagzeilenträchtigsten Klubs der Bundesliga aufeinander. (FAZ.NET-Liveticker)

          Die ständige Unruhe erschwert seine Arbeit: Huub Stevens

          Beim HSV fühlt man sich unschuldig. „Es ist ja alles nicht vom Verein inszeniert. Wir haben darauf doch keinen Einfluss“, sagt Sportchef Dietmar Beiersdorfer. „Unsere Saisonvorbereitung verlief ja relativ glatt, dann kam das Theater um Rafael van der Vaart dazwischen, dann die Niederlage in Bochum.“ Manche Stoffe haben sich verselbständigt und füllen dem HSV in ihrer Wechselwirkung zwischen Ereignis und Schilderung das Stadion: Man will dabei sein, wenn van der Vaart wieder aufläuft, nachdem man die ganze Woche von ihm und seinen spanischen Phantasien gelesen hat. Man will am liebsten auch Frau van der Vaart und das Baby auf der Tribüne erspähen.

          Endlich Glamour für die Stadt

          Während man von anderen Schauplätzen der Bundesliga kaum etwas wahrnahm, weil dort Sommerpause war, lieferte der HSV verlässlich Geschichten und Geschichtchen.

          Sommer 2005: Würde van der Vaart wirklich kommen? Was sollte er beim HSV? Ein Superstar für Hamburg! Und dann seine Frau! Endlich Glamour für die Stadt. Täglich gab es neue Meldungen der Boulevardzeitungen. Manchmal handelten sie auch von Fußball.

          Sommer 2006: Erst forcierte van Buyten den Wechsel zum FC Bayern, dann kam die Schmierenkomödie um den scheinbar verletzten Khalid Boulahrouz, der auf dem Platz zusammenbrach, um für Chelsea spielen zu dürfen. Er kam im Golf nach Hamburg und fuhr im Bentley nach London.

          Sommer 2007: Van der Vaart, Valencia, die Oma, das Baby, der Rücken, das Trikot – das war eine Fortsetzungsgeschichte mit allen wichtigen Inhaltsstoffen: Familie, Geld, Liebe, aber auch Enttäuschung, Entfremdung. Am Ende löste sich alles in Wohlgefallen auf. Bis auf Weiteres. Zur Ruhe ist der Verein bis heute nicht gekommen, weil sich wieder andere, diesmal thematisch mit Fußball besetzte Konfliktfelder hinzugesellten: die Rote Karte für Kompany, der Tritt von Demel.

          Selbst gegen Chisinau kommen 50.000

          Und auch im Winter, wenn die Bundesliga in den Süden fliegt, lärmte es zuletzt zweimal in Hamburg: Im vorletzten Winter kam Ailton und verzauberte die Stadt mit seinem putzigen Deutsch (mit Leistungen weniger), im vergangenen Winter verfolgten alle gebannt das Schicksal des traurigen Thomas Doll – vom Liebling beim „neuen HSV“ zum Protagonisten eines Fastabsteigers. Es ging weiter: der gestreckte Mittelfinger von Atouba, die wüsten Pfiffe gegen Sanogo, eine Hauptversammlung ohne Medien: es ist ziemlich viel passiert beim HSV in den vergangenen beiden Jahren, und man kann gar nicht genau sagen, warum. Jahrelang war einzig Sergej Barbarez überregional von Bedeutung. Der HSV war ein Langweiler. Nun plötzlich gibt es Unterhaltung pur.

          Natürlich wissen die Verantwortlichen des HSV, dass Schlagzeilen jeder Art einen Verein interessant machen, wenn ansonsten die Geschäfte seriös und höchst erfolgreich geführt werden – dafür stehen Hoffmann, Beiersdorfer und Katja Kraus ja vor allem. Eine lebendige Mannschaft mit Personen, Persönchen und Persönlichkeiten macht es den vier berichtenden Zeitungen Hamburgs leichter, täglich ihre HSV-Seite zu füllen und so kostenlos für den Stadionbesuch zu werben – auch deswegen kommen 50.000 Menschen gegen Chisinau. Aber immer ragt die Unruhe in die Mannschaft hinein. Das regt Stevens ungemein auf und erschwert seine Arbeit. Verhindern kann er es nicht.

          Neben dem ständigen Medienauftrieb in Hamburg gibt es einen Grund für die ständige gefühlte und tatsächliche Unruhe. Wegen seiner finanziellen Ausstattung ist der HSV gezwungen, immer wieder schwierige Charaktere für vergleichsweise kleines Geld einzukaufen, die zwar gut spielen, aber aus verschiedenen Gründen nicht oder noch nicht für die ganz großen Klubs in Frage kommen. Van der Vaart gehört nicht in diese Kategorie. Van Buyten, Atouba, Demel, Boulahrouz schon. Mal abwarten, wie viel „FC Hollywood“ dem HSV bleibt, wenn van der Vaart geht.

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