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Hamburger SV : Die hanseatische Bananenrepublik

  • -Aktualisiert am

Der Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer ist bereits angezählt. Bild: Picture-Alliance

Längst hat der Bundesliga-Dinosaurier die Rolle der Skandalnudel übernommen. Beim Hamburger SV geht es drunter und drüber. Ein Mann gerät dabei nun ins Kreuzfeuer der Kritik.

          6 Min.

          Ein grauer Herbst-Vormittag, wie ihn nur der Norden erschaffen kann. Die gelben Blätter im nahen Volkspark fallen. Nieselregen. Schräg links vor der Arena werkeln Bauarbeiter an einer besseren Zukunft des Hamburger SV - hier entsteht bis Mitte 2017 der Campus, das hochmoderne Nachwuchsleistungszentrum, 4600 Quadratmeter groß, die Rasenplätze gleich vor der Tür. Näher ran an die Profis sollen die Talente von der U15 bis zur U23, nicht mehr draußen in Norderstedt/Schleswig-Holstein vor sich hin trainieren.

          Der Hamburger Nachwuchs ist samt der zweiten Mannschaft in der Regionalliga nur eine kleine Nummer im Fußball-Norden. Andere spielen die erste Geige, Werder Bremen, der VfL Wolfsburg oder RB Leipzig. Bei keinem anderen Bundesligaklub ist die Durchlässigkeit nach oben zu den Profis so gering wie beim HSV. Daran hat auch die Arbeit von Bernhard Peters nichts verändert. Der ehemalige Hockey-Bundestrainer kam vor gut zwei Jahren als „Direktor Sport“ für die Felder Jugend, Nachwuchs und Koordination zum HSV. Er verdient hier eine hohe sechsstellige Summe im Jahr.

          Gebaut werden kann der Campus überhaupt nur, weil Gönner Alexander Otto mit zehn Millionen Euro eingesprungen ist. Ohne sein Gabe wären die Bagger in den Garagen geblieben, denn das Geld, das der HSV zum Vereinsjubiläum vor vier Jahren über seine Fan-Anleihe in Höhe von 17,5 Millionen Euro eingenommen hatte, ist längst für andere Zwecke draufgegangen. Unter dem ehemaligen Präsidenten Carl Jarchow waren die Anleihe-Millionen in den Jahren 2012 und danach nicht etwa geparkt worden, sondern größtenteils ins laufende Geschäft geflossen. Löcher stopfen statt Zukunft bauen – ein Passus im Vertragswerk der Anleihe hatte das möglich gemacht, illegal war Jarchows Griff nach dem Fan-Geld also nicht. Aber wenigstens unanständig.

          Dank Ottos Spende kann der Campus trotzdem gebaut werden. Alexander Ottos Vater ist der Versandhaus-Riese Werner Otto. Sohn Alexander saß einst im Aufsichtsrat des HSV, ist nun nur noch Gönner - sicher nicht zu seinem steuerlichen Nachteil. Fest steht, dass der HSV die 17,5 Millionen Euro bis 2019 an seine Anhänger zurückzahlen muss. Mit den Hintergründen zur Campus-Finanzierung steckt man mittendrin im verschlungenen Finanzkonstrukt der HSV Fußball AG. Und der Name Klaus-Michael Kühne war noch nicht einmal im Spiel.

          Beim Hamburger SV ist immer was los – aber nicht das, was sich die Fans wünschen.

          Der 79 Jahre alte Logistik-Milliardär hat von 2010 bis Mitte 2016 etwa 69 Millionen Euro in den HSV gesteckt. Zum Teil als Darlehen, wofür der Klub neue Spieler kaufte und ein Stück des Stadionkredits ablöste; zum Teil, indem er elf Prozent der Anteile an der HSV Fußball AG kaufte; zum Teil, indem er den Stadionnamen erwarb. Im Sommer ging die große Kühne-Show weiter – mehr als 30 Millionen Euro gab er seinem Lieblingsklub für neue Spieler. Die Namen der Profis waren mit ihm und seinen Beratern Reiner Calmund und Volker Struth abzustimmen. Zurückzahlen muss der HSV dieses kuriose und der Öffentlichkeit lediglich vage erklärte Darlehen nur, wenn er in den kommenden Jahren die europäischen Ränge erreicht*.

          Das aktuelle Geschäftsmodell des mit etwa 90 Millionen Euro verschuldeten HSV besteht also grob gesagt darin, über neue Schulden alte Verbindlichkeiten zu tilgen, oder wie Finanzvorstand Frank Wettstein es etwas verschlungener sagt: „Die Kernaufgabe beim HSV ist nicht, die Höhe der Verbindlichkeiten zu reduzieren, sondern deren Fristigkeiten in einem Gesamtplan aufeinander abzustimmen.“ Zu dieser Herkulesaufgabe gehört auch die neue Anleihe vom September, die der HSV am Finanzmarkt plazierte. 40 Millionen Euro will der HSV bis 2026 so einsammeln.

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