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Hamburger SV : Der letzte Dinosaurier lahmt

  • -Aktualisiert am

Erster Mann, was nun? Jarchow bespricht, Fink und Kreuzer hören zu Bild: dpa

Europa oder Abstieg? Der Hamburger SV zeigt sich zerstritten, die Nerven vor dem Bundesliga-Auftakt am Sonntag liegen blank. HSV-Chef Jarchow aber will den Dortmunder Weg gehen.

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          Ein vorzüglicher, uneitler Gastgeber ist Carl-Edgar Jarchow, selten genug in der Macker-Branche Bundesliga. „Ich bin mit meinen 58 Jahren zu alt für Glamour“, sagt er mit einem angedeuteten Lächeln, „aber aufregend ist noch einiges.“ Jarchows zweite Saison-Vorbereitung als Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV endet gerade, und wie immer war es ein aufregender Sommer - wobei einige Blamagen in Testspielen wie das 0:4 bei Dynamo Dresden und das 2:0 gegen den Sechstligaklub TSV Etelsen eher nebensächlich waren.

          Obwohl sie und das damit einhergehende Grundrauschen Trainer Thorsten Fink gewaltig nervten. „Wir haben zwei schwache Tests gehabt, klar, aber in diesem Klub gibt es immer einen Dummen, der etwas Negatives erzählt. Und das liest man am nächsten Tag in der Zeitung.“ So liegen die Nerven vor dem Spiel an diesem Sonntag (17.30 Uhr / Live im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) beim FC Schalke 04 wieder einigermaßen blank beim HSV.

          Hinter den Kulissen krachte es gewaltig in diesem Sommer. Man muss die Trennung vom Sportchef und Vorstandskollegen Frank Arnesen dazurechnen, auch wenn sie schon im Mai vollzogen wurde. Als großer Hoffnungsträger, ja als Mann, der gleich alle Probleme des HSV schultern sollte, vor gut zwei Jahren geholt - und dann doch wieder für zu leicht befunden, den Bundesliga-Dinosaurier in die Fußball-Neuzeit zu führen und titelfähig zu machen.

          Hinterlassen haben Arnesen und seine Vorgänger eine Fülle teure Profis wie Gojko Kacar, Robert Tesche, Paul Scharner und Marcus Berg, die man nicht oder nur mit großem Verlust los wird.

          „Ich kenne ihn ehrlich gesagt gar nicht“

          Nun versucht Neuling Oliver Kreuzer, an die erfolgreiche Ära Beiersdorfer anzuknüpfen, als der HSV jahrelang Teilnehmer an den europäischen Wettbewerben war. Oliver Kreuzer? „Ich kenne ihn ehrlich gesagt gar nicht, ich hätte mir Felix Magath gewünscht“, hat der Milliardär Klaus-Michael Kühne dem HSV aus der fernen Schweiz in einem Interview mit dem „Kicker“ zugerufen.

          Jener Kühne, der vor einem Jahr Mittelfeld-Star Rafael van der Vaart im Alleingang und auf eigene Rechnung nach Hamburg lotste. Seitdem darf der Mäzen immer mal wieder etwas sagen über seinen Lieblingsklub. Es ist selten schmeichelhaft. Vor allem Vorstand und Aufsichtsrat kriegen ihr Fett weg, das Kontrollgremium noch ein bisschen mehr.

          Trainer Fink macht nicht den glücklichsten Eindruck

          Man muss Jarchow nur mit Kühne und dem „Abendblatt-Interview Uwe Seelers konfrontieren (“Alle schütteln den Kopf über den HSV, überall wo man hinkommt, wird man doch darauf angesprochen, was da eigentlich los ist“), und man ist mitten drin im Gespräch über diesen ehrwürdigen Klub mit den veralteten, lähmenden Strukturen, bei dem das oberste, elfköpfige, meist zerstrittene Kontrollgremium Transfers über 500.000 Euro genehmigen muss - im Profifußball sind das quasi alle.

          Bei der Mitgliederversammlung am 1. Juli wurden schreiend alte Rechnungen beglichen, einer forderte den Rücktritt des anderen. Dann sickerte aus dem Gremium durch, es gebe aufgrund der prekären Finanzlage einen „Transferstopp“. Jarchow sagt: „Die Geschichte war ein Riesen-Quatsch. Wir sind liquide. Aber es kann natürlich nicht sein, dass wir dreimal nacheinander Verluste produzieren.“

          „Alle wären gut beraten, weniger zu sagen“

          Für das Geschäftsjahr 2013/2014 strebt Jarchow ein ausgeglichenes Ergebnis an. Sollte das misslingen, müsste Hamburg Tafelsilber in Form René Adlers und Rafael van der Vaarts veräußern. Schon bekommt diese Saison einen dramatischen Anstrich: „Europa oder Abstieg?“, titelten Blätter. So ist Hamburg: Top oder hop, dazwischen nicht viel.

          Jarchow kennt diese Zuspitzung. „Alle wären gut beraten, weniger zu sagen, und wenn, über Fußball zu reden.“ Der Ärger zwischen Räten und Geschäftsführung, die Verpflichtung teurer, schwacher Spieler und die Vernachlässigung des Nachwuchses, dabei aber der grundsätzliche Glaube, eine große Nummer zu sein - das ist es, was den Klub in den Augen vieler Fans so unsympathisch macht.

          Diese Mannschaft soll mindestens auf Platz sechs einlaufen

          Dass der HSV qua Größe und früherer Erfolge der naturgegebene Bayern-Jäger sein soll - das hält der Boss für ausgemachten Blödsinn. „Wir hatten eine große Phase - 1977 bis 1987. Aber davor und danach waren wir meistens Mittelmaß.“ Jarchow möchte Schritt für Schritt gehen, keine großen Parolen ausposaunen.

          Immerhin ist ein Führungstrio da, dem man eine längere Verweildauer zutrauen darf. Mit Fink, der Kreuzer unbedingt wollte und ihm freundschaftlich verbunden ist, wurde der HSV erst Elfter, dann Siebter. Das ist ein Erfolg, denn ruhige Wochen hat er beim chronisch aufgeregten Klub noch keine erlebt. Nun haben er und Jarchow Rang sechs als Saisonziel ausgemacht.

          Es deutet wenig auf eine grandiose Saison hin

          „Mit einem Budget für die Bundesliga-Mannschaft von 40 Millionen Euro muss man dazu in der Lage sein“, sagt Jarchow. Er sieht den HSV mit Schalke und Wolfsburg hinter Bayern, Dortmund, Leverkusen. Jarchow hatte diesen Satz als Mutmacher gemeint, er wollte anstelle der sonstigen Rumeierei ein mutiges Saisonziel setzen. Doch bundesweit stand er für die bekannt überhöhte Hamburger Selbsteinschätzung.

          Sportlich deutet wenig auf eine grandiose Saison hin. Die Antwort auf die Konzeptfrage bleibt Fink auch im dritten Jahr schuldig - der HSV spielt unansehnlichen Zweckfußball, mehr am Gegner ausgerichtet als an eigenen Stärken. Die Achse Adler, Johan Djourou und van der Vaart soll die Hamburger durch eine Saison tragen.

          Die Hoffnungen von Fink ruhen auf van der Vaart

          Ein treffsicherer Stürmer fehlt, seit Heung-Min Son für zehn Millionen Euro Richtung Leverkusen zog. Und ob sich der 30 Jahre alte Regisseur van der Vaart noch einmal zu Großtaten aufrafft, darf bezweifelt werden.

          Bange machen gilt nicht, findet indes Jarchow: „Mein Antrieb ist, das Modell HSV stabil aufzulegen. Am besten Schritt für Schritt, so wie es Dortmund gemacht hat.“ 2017, wenn das Stadion abbezahlt ist und der neue Jugend-Campus erste Früchte abwirft, könnte aus dem HSV wieder mehr werden als der Bundesliga-Dinosaurier.

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