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Hamburger SV : Der ewige Ausbildungsverein

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Olic (r.) wird im Sommer abspringen, keiner weiß, was mit seinem Sturmkollegen Petric (l.) ist Bild: dpa

Der Hamburger SV gilt als ideales Karriere-Sprungbrett und weist dazu eine glänzende Bilanz auf. Dennoch leidet Sportchef und Chefeinkäufer Dietmar Beiersdorfer unter den Marktmechanismen.

          Ja, auch Dietmar Beiersdorfer war am Sonntag dabei. Aber irgendwie auch nicht. Dieses ganze Getöse, es schien ihn kaum etwas anzugehen. Während sein Vorstandskollege Bernd Hoffmann durch den Saal tigerte, den Reden seiner Kritiker aufmerksam und aufgekratzt folgte und später der begehrteste und glücklichste Interviewpartner war, verlebte Beiersdorfer einen geruhsamen Nachmittag. Ihn hatte vor der Mitgliederversammlung auch niemand angegriffen.

          Der Vorstand, das waren und sind aus Sicht der Hoffmann-Gegner Hoffmann selbst und vielleicht noch Medien- und Marketingvorstand Katja Kraus. Auf keinen Fall aber der Sportchef, der ja offiziell Hoffmanns Stellvertreter ist. Es gab sogar Applaus und „Didi!Didi!“-Rufe als es um die Transferbilanz der letzten Jahre ging. Beiersdorfer stand auf und verneigte sich.

          Hoffmann ist die verteufelte Verkörperung der Kommerzialisierung

          Seit 2004 hat der HSV mit Chefeinkäufer Beiersdorfer an der Spitze 72 Millionen Euro eingenommen und knapp 30 Millionen Euro ausgegeben. Eine stolze Bilanz. 19 Millionen Euro für Nigel de Jong, 15 Millionen Euro für Rafael van der Vaart, knapp 10 Millionen Euro für Vincent Kompany: Es sind Erlöse, die den Einkaufspreis (oder wie bei Kompany den aktuellen Wert des Spielers) um ein Vielfaches übersteigen. Danke, Dietmar, das war die Botschaft der Mitglieder. Aber: Wie will der HSV als ewiger Ausbildungsverein wirklich vorankommen? Wie soll sich eine klare erste Elf herausbilden, wenn stets die besten Leute verkauft werden? Diese Frage stellt sich schon an diesem Freitag, wenn der HSV ohne den gesperrten Olic zum Rückrundenbeginn gegen den FC Bayern spielt.

          Beiersdorfer galt immer als Manager, der keine Stürmer einkaufen konnte

          Olic wird im Sommer abspringen, keiner weiß, was mit seinem Sturmkollegen Petric ist. Bei der Mitgliederversammlung fiel der zentrale Satz, dass man Fußball nicht fürs Konto spiele, sondern um Titel zu holen. Ein Verein dieser Größe in einer Stadt dieser Größe müsse jedes Jahr um die Meisterschaft mitspielen. Das richtete sich aber wieder an Hoffmann. Der Chef ist beim HSV die verteufelte Verkörperung der Kommerzialisierung, nicht der Chefeinkäufer. Das hängt mit etwas zusammen, das man im Fußball Stallgeruch nennt.

          Die Etappe „HSV“ passt ideal in den Karriereplan

          Beiersdorfer weiß, wie lang der letzte Titel des HSV zurückliegt. er stemmte den DFB-Pokal ja selbst in die Luft, damals, 1987. Und er möchte dort wieder hin. Beiersdorfer sagt: „Am liebsten würden wir gar keinen Spieler abgeben, um die Entwicklung der eigenen Mannschaft in Ruhe voran zu treiben. Aber leider können wir uns den Marktmechanismen nicht entziehen.“ Profis und ihre Berater haben längst gemerkt, dass dieser HSV mit seiner nahezu perfekten Infrastruktur die ideale Basis ist, um sich zwei, drei Jahre auf den ganz großen Transfer vorzubereiten.

          Van der Vaart und de Jong haben das genauso gesehen. Da passte die Etappe „HSV“ ideal in den Karriereplan. Solange Beiersdorfer mit gutem Scouting-Team, dem Auge für Talente und unermüdlicher Arbeit Nachschub besorgt, mag das Ganze gut ausgehen. Petric für Zidan, das hat gepasst. Mathijsen für van Buyten auch. Thiago Neves für van der Vaart nicht. Der unbedingt wechselwillige Neves wurde nur gehalten, weil Trainer Jol der Kader schon jetzt gar zu zerbrechlich erscheint.

          Der Trainer fordert neue Spieler, der Vorstandschef guckt aufs Geld

          Den Fall Petric muss man noch mal genauer ansehen. Beiersdorfer galt immer als Manager, der keine Stürmer einkaufen konnte: Takahara, Mpenza, Zidan, Lauth, Ljuboja – eine Liste der Gescheiterten. In Olic und Petric hat der ehemalige Verteidiger nun zwei Topstürmer geholt. Er kann es also doch. Zu den anderen Namen sagt er: „Ich werde keine Fehler mehr zugeben. Ich habe keine Lust, immer der Einzige zu sein, der es macht.“ Mögen 900.000 Euro Jahresgehalt auch üppig sein für einen Sportchef des HSV, so ist der Job oft genug ziemlich nervig: Der Trainer fordert neue Spieler, der Vorstandschef guckt aufs Geld. Dazwischen steht der Sportdirektor. Mit Hoffmann hatte es Ende 2006 richtig geknirscht, als Beiersdorfer sich für den damaligen Trainer Doll aussprach. Beinahe wäre er mit über Bord gegangen.

          Hoffmann und Beiersdorfer, diese beiden komplett unterschiedlichen Männer, haben sich inzwischen arrangiert. „Es ist nicht immer einfach mit dir, aber es macht Spaß“, rief Hoffmann, ein glänzender Redner, seinem Kollegen am Sonntag zu. Die freie Rede: ein Graus für Beiersdorfer. Ob er über sein neues Haus in Alsternähe, das anstehende Mittagessen oder die Ausrichtung des HSV spricht: Man muss Geduld mitbringen. Dazu hat Dietmar Beiersdorfer der „Tageszeitung“ im vergangenen Dezember eine schon legendäre Antwort gegeben: „Wenn man jedes Wort, jeden Satz immer wieder an seinem Wertesystem abprüft, dann ist es halt schwierig, schneller zu sprechen.“

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