https://www.faz.net/-gtm-83kaw

Hamburger SV : Gefangen im Irrgarten

  • -Aktualisiert am

Und zum Abschied singt Lotto King Karl: Hamburg, meine Perle? Bild: dpa

Das Trainingslager in Malente soll neuen Teamgeist beschwören. Scheitert der Hamburger SV am letzten Spieltag, steigt der Verein erstmals aus der Bundesliga ab – es wäre die Rechnung für Fehler der Vergangenheit.

          3 Min.

          Die Holsteinische Schweiz ist eine landschaftliche Perle im Osten Schleswig-Holsteins, und jetzt, wo der Raps blüht, eine Harmonie in Gelb. Mittendrin liegt Malente, besser: Bad Malente. 27 mehr oder weniger prominente Berufs-Fußballspieler beheimatet die Sportschule des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes seit Mittwochmittag, und wenn es nach ihrem Trainer Bruno Labbadia geht, sollen die Profis des Hamburger SV ruhig etwas mitbekommen von der prächtigen Region: „Wir wollen nicht, dass die Jungs auf ihren Zimmern sitzen und mit ihren Kopfhörern Musik hören“, sagte Labbadia der „Bild“-Zeitung. Der Teamgeist soll noch einmal gestärkt werden kurz vor Saisonende, vielleicht auch durch gemeinsame Spaziergänge.

          Wer den HSV am Samstag in Stuttgart sah, wird Labbadias letzte Maßnahme für bitter nötig halten. Der Geist von Malente soll die Hamburger vor dem ersten Abstieg aus der Bundesliga bewahren. In der inzwischen schick modernisierten Sportschule sollen Körper und Geist bis zum Freitag in Form gebracht werden, um den Beanspruchungen des Finales gegen den FC Schalke 04 am Samstag (15.30 Uhr / Sky und im Bundesliga-Liveticker von FAZ.NET) standzuhalten. Dass die jüngst für 3,5 Millionen Euro renovierte Anlage im April 2013 als „Uwe-Seeler-Fußball-Park“ eingeweiht wurde, passt ins Bild. Wer hat Kampfgeist und Widerstandskraft im Trikot mit der Raute je besser verkörpert als „Uns Uwe“? Genau daran mangelte es den aktuellen Profis beim VfB für jedermann sichtbar. Und während die Verantwortlichen nach dem 1:2, das leicht ein 1:5 hätte werden können, die Mannschaft aufs Korn nahmen, formierte sich im Hintergrund die Kritik an den Machern. Was haben Sportchef Peter Knäbel und Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer da bloß für ein Team zusammengestellt?

          35 Millionen Euro haben sie ausgegeben, um eine möglichst geruhsame Saison zu verbringen. Der Irrgarten der Vorjahre sollte verlassen werden, das Trainerkarussell sollte diesmal ohne den HSV rotieren, ja sogar eine Spielidee sollte entwickelt werden. Und ganz nebenbei wollte man Schulden abbauen. Herausgekommen sind Platz 17, eine Saison mit dem inzwischen vierten Trainer, dazu Geschäftszahlen, die ein nächstes Jahresminus in Höhe von zehn Millionen Euro erwarten lassen.

          Was ist schiefgelaufen? Auf dem Rasen fast alles. Kein Zugang hat überzeugt. 8,5 Millionen Euro kostete Pierre-Michel Lasogga. 6,5 Millionen Euro wurden für Lewis Holtby ausgegeben, 4,5 Millionen Euro für Nicolai Müller. Valon Behrami kostete 3,5 Millionen Euro, Cléber Reis 3 Millionen, Johan Djourou und Matthias Ostrzolek knapp drei, die Winterzugänge Marcelo Diaz 2 Millionen und Ivica Olic 1,5 Millionen Euro. Neun Namen, fast alle Stammspieler, aber Leistungsträger? Keiner von ihnen konnte die Erwartungen erfüllen. Die Bilanz von Knäbel und Beiersdorfer ist schlecht. Allein der 1,3 Millionen Euro teure Zoltan Stieber, den Beiersdorfer gar nicht wollte, kann als positive Überraschung gewertet werden.



          Kampf um den Klassenverbleib



          Geben Sie bitte Tore ein, deren Auswirkung im Abstiegskampf Sie testen möchten.

          Hannover 96 vs SC Freiburg


          Hamburger SV vs Schalke 04


          TSG Hoffenheim vs Hertha BSC


          SC Paderborn vs VfB Stuttgart




          Verein Pkt. Tordiff. Tore
          Hertha BSC 35 -15 35
          SC Freiburg 34 -10 35
          Hannover 96 34 -17 38
          VfB Stuttgart 33 -19 40
          Hamburger SV 32 -27 23
          SC Paderborn 31 -33 30

          Abstieg
          Relegationsspiel



          Die Erklärung, warum keiner der teils namhaften Kicker beim HSV in dieser Saison auch nur ansatzweise das leistete, wozu er imstande ist, kann niemand liefern. „Manche Spieler haben einen Rucksack auf, wenn sie für den HSV auflaufen“, hat Beiersdorfer vor einiger Zeit gemutmaßt. Klar, die Tätigkeit beim stolzen Großverein in der aufgeregten Medienstadt mit der vielfältigen Anteilnahme mag einige lähmen, die woanders beflügelt waren. Ob in Augsburg, Wolfsburg oder Mainz. Von dort kannten sie es auch nicht, unter vier Coaches in einer Saison zu arbeiten.

          Die Spielzeit begann mit Mirko Slomka, dann übernahm Joe Zinnbauer, ehe Peter Knäbel und Bruno Labbadia sich versuchten. Es wäre schon ein Fußballwunder, sollte ein Team, das so durchgeschüttelt wurde, das sich viermal auf neue Worte und Ideen einlassen musste, am Ende belohnt werden. „Einige unserer Jungs hatten Angst“, versuchte vergangenes Wochenende René Adler den Abstiegskrampf zu erklären, „einige haben die Erfahrung in ihrer Karriere ja noch gar nicht gesammelt.“ Dabei standen fünf Spieler der Anfangsformation schon vor einem Jahr in der Relegation gegen Greuther Fürth auf dem Platz. Es ist eben schwer, Erklärungen zu finden – außer die übergeordnete, dass der HSV jetzt die Quittung für die seit 2010 gemachten Fehler erhält.

          Wird er das Gesicht des ersten Hamburger Abstiegs? Sportdirektor und Interimstrainer Peter Knäbel

          Doch noch gibt es Hoffnung. Malente, Schalker Schwäche, das direkte Aufeinandertreffen Hannover gegen Freiburg. Ein Sieg am letzten Spieltag und gewogene Ergebnisse an anderen Schauplätzen – dann wäre wenigstens die Saisonverlängerung namens Relegation am 28.Mai und 1.Juni möglich. Wenn nicht, tritt das ein, was die Fans am Dienstag auf einem großen Banner an den Zaun des Trainingsplatzes gehängt hatten: „Samstag muss Herz, Kampf&Glück auf unserer Seite sein, sonst geht ihr als die größten Deppen in die Vereinsgeschichte ein.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bei der fünften TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftsanwärter ging es vor allem auch um die Anschuldigungen gegen Präsident Trump.

          TV-Debatte der Demokraten : Biden kämpft um seinen Status

          Bei der fünften Debatte der Demokraten versuchten sich vor allem die zentristischen Kandidaten zu profilieren: Joe Biden ist nicht mehr der unumstrittene Favorit. Natürlich ging es dabei auch um das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Trump.
          Der amerikanische Präsident Donald Trump gemeinsam mit Apple-Chef Tim Cook in einem Computerwerk in Austin, Texas

          Freundschaftstest : Trump macht Apple Hoffnung

          Tim Cook empfängt den Präsidenten zum Fototermin in einem Computerwerk in Texas. Dieser nützt die Kulisse für Attacken gegen seine politischen Gegner – und signalisiert, dass Apple von Strafzöllen verschont werden könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.