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Hamburger Krisenklub : Das Theater beim HSV geht los

  • -Aktualisiert am

Kaum hat das neue Fußballjahr begonnen, fangen schon die Probleme an: HSV-Profi Tim Leibold und sein Team senken die Köpfe. Bild: dpa

Der Hamburger SV hat schon vor dem Start der zweiten Liga die alten Probleme zurück – und der neue Trainer Daniel Thioune lernt sein schwieriges Umfeld gleich genau kennen. Was bedeutet das für die Zukunft?

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          Ziemlich schnell hat Daniel Thioune mit den unangenehmen Seiten im Leben eines HSV-Trainers Bekanntschaft gemacht. Das Spiel in Dresden genügte. Eigentlich hatte der Hamburger Vorbereitungssommer wenig Anlass geboten, an der Möglichkeit eines ordentlichen Saisonstarts zu zweifeln. Ja, auch diesmal hatte der HSV den Vorstand (schon im März) und den Trainer (erst im Juli) ausgetauscht. Aber mit der Troika aus Coach Thioune, Sportvorstand Jonas Boldt und Sportchef Michael Mutzel schien da eine Männergemeinschaft zu arbeiten, der man zutraute, den Aufstieg am Ende des dritten Jahres in der zweiten Liga bewerkstelligen zu können – unter Corona-Bedingungen, mit nun deutlich weniger Geld.

          Die drei und die Mannschaft können den Beweis noch immer antreten, dass das gelingt. Aber das 1:4 am Montagabend bei Dynamo hat doch erhebliche Zweifel geschürt, ob dieses Team tatsächlich die nötige Widerstandskraft hat, um in der zweiten Liga zu bestehen.

          Vom Ziel abgewichen

          Für mehr Robustheit soll Innenverteidiger Toni Leistner stehen, 30 Jahre alt. Doch der frühere Dresdner Profi hatte seine auffälligste Szene nach Abpfiff. Da lief er vom Interview weg auf die Tribüne und schubste wütend einen Zuschauer, der ihn und seine schwangere Frau wüst beleidigt haben soll. Worte der Entschuldigung fielen noch am Abend. Dynamo machte den Zuschauer ausfindig, der widersprach, dass er die Familie des Profis verunglimpft haben soll – sondern nur Leistner, was die Sache auch nicht wesentlich besser machte.

          Der Deutsche Fußball-Bund erbat Leistners Stellungnahme zu dem Vorfall; eine Sperre für mehrere Pokalspiele könnte folgen. Irritierend wirkte das Ganze nicht nur wegen der Abwesenheit von Masken der beiden Streithähne – in Zeiten ausgeklügelter Hygienekonzepte war es überraschend, wie schnell Leistner auf die Tribüne gelangte. Am Dienstagabend schrieb Leistner auf Instagram, er habe mit dem Fan telefoniert: „Er hat genau wie ich seinen Fehler eingesehen. Ich nehme seine Entschuldigung an, zwischen uns ist die Sache damit aus der Welt.“

          Harte Hamburger Realität: Der HSV scheidet im DFB-Pokal aus. „Ich dachte, wir wären schon einen Schritt weiter“, sagt Trainer Daniel Thioune.
          Harte Hamburger Realität: Der HSV scheidet im DFB-Pokal aus. „Ich dachte, wir wären schon einen Schritt weiter“, sagt Trainer Daniel Thioune. : Bild: Reuters

          Mehr Robustheit will Thioune von seiner Mannschaft nur auf dem Rasen sehen. Dafür sind in allen Mannschaftsteilen erfahrene Spieler geholt worden: hinten Leistner, in der Mitte Klaus Gjasula, vorn Simon Terodde. Dass der HSV mit diesen Verpflichtungen von seinem eigentlichen Ziel abweicht, das „Entwicklung“ heißt, haben Boldt und Mutzel in Kauf genommen, weil sie meinen, dass niemand nur mit jüngeren Potential-Spielern aufsteigt. Man kann diesem Argument folgen, zumal die finanzielle Lage des HSV wirklich keine großen Sprünge mehr erlaubt. Am besten ablösefrei, heißt die Devise .

          Es war nun fast tragisch, für andere gewiss amüsant, wie weder Leistner noch Gjasula noch Terodde fürs Erste irgendetwas verbesserten. Gjasula erinnerte beim Pokal-Aus in der ersten Runde an den einstigen Transfer Valon Behrami (2014/15), der die Addition vieler Zweikämpfe mit Fußball verwechselte. Terodde war nach Verletzung nur als Joker mitgereist. Und Leistner sorgte mit seinem Ausraster dafür, dass ganz Fußball-Deutschland über den HSV sprach. Die gute Laune war jedenfalls nicht an Bord, als der HSV aus Dresden zurückreiste, um sich für das erste Zweitligaspiel der Saison gegen Düsseldorf an diesem Freitagabend (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Liga und bei Sky) vorzubereiten.

          Statement von Toni Leistner auf Instagram
          Statement von Toni Leistner auf Instagram : Bild: Screenshot www.instagram.com/tleistner37

          „Ich dachte, wir wären schon einen Schritt weiter“, sagte Daniel Thioune. Der 46 Jahre alte Fußball-Lehrer hat in sieben Osnabrücker Jahren gezeigt, wie man aus wenig viel macht. Nicht verhehlt hat er dabei, dass der VfL sein Sprungbrett für einen größeren Klub sein soll. Das ist nun geglückt. Und es ist keine Dankbarkeit, sondern Realismus, wenn Thioune den „Ist-Zustand“ beim HSV als „gut“ bezeichnet – mit immer noch 25 Millionen Euro Kaderkosten sind die Hamburger naturgemäß einer der Aufstiegsanwärter, auch wenn die Führung um Jonas Boldt das nicht herausposaunt. Natürlich fehlt es an Geld, weil Klaus-Michael Kühne das Namenspatronat fürs Stadion aufgegeben hat, weil die Fernsehgelder weniger üppig fließen, weil Zuschauereinnahmen ausbleiben wie anderswo auch und zudem das Stadion saniert werden muss.

          Doch mit dem neuen Kapitän Tim Leibold, mit Aaron Hunt, Sonny Kittel, Gideon Jung, Simon Terodde und Bakery Jatta sind genug namhafte Profis vorhanden, die inzwischen auch wissen sollten, wie zweite Liga geht. Oder? Entwicklung wird von Thioune gefordert, er soll die jungen Profis mit seinem Trainerstab besser machen, aus Talenten wie Vagnoman, Ambrosius und Onana Stammspieler machen. Das ist ein hartes Brot. Eine große Aufgabe auch deswegen, weil Thioune nicht den Namen eines Dieter Hecking hat, der auch daran scheiterte, was der frühere Vorstand Heribert Bruchhagen im „Kicker“ als Hauptgrund für all den Misserfolg beim HSV benannt hat: „Alle handelnden Personen sind letztlich immer an der Qualität der Mannschaft gescheitert.“

          Thioune kennt die Problemfelder im Kader. Unter Hecking fehlte eine Spielidee gegen tiefstehende Mannschaften (das waren fast alle in der zweiten Liga), wenn individuelle Klasse nicht reichte. Stabiler soll der HSV werden, weniger leicht zu überrennen, aber auch schwieriger auszurechnen – variabler eben. Aber gelingt das, wenn am Ende doch vieles an Hunts Form hängt? Zudem mangelt es den Hamburgern an einem starken Torwart, und die Innenverteidigung wackelte schon in Dresden bedenklich. Das so wichtige Tempo auf den Außenbahnen verkörpert allein der aktuell verletzte Jatta.

          Dieser Hamburger SV ist kein Aufstiegsfavorit wie in den Jahren davor. Auch kein selbsternannter. Die Fans, das Umfeld, die Stadt – man erwartet wenig vom HSV. Vielleicht ist das eine ganze gute Ausgangslage, um aufzusteigen.

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