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Gewalt im Fußball : Brennglas gesellschaftlicher Probleme

Fußball und Gewalt ist nicht nur im Stadion ein Problem Bild: ZB

Eine Reihe von Experten macht den Sportausschuss des Deutschen Bundestages auf die Schnelle mit den dunklen Seiten des Fußballs bekannt. Aber Gewalt oder Rechtsextremismus sind nicht nur Auswüchse im Lieblingssport der Deutschen.

          Theo Zwanziger ist kein Funktionär, dem man vorwerfen kann, dass er Probleme verharmlost. Auf zwei dürren Seiten hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zu Papier gebracht, was ihm zu den 23 Fragen des Sportausschusses zum Thema „Extremismus und Gewalt“ einfiel und dabei behauptet: „Fußball selbst ist nicht Ursache für Gewalt und Extremismus.“

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Dem DFB-Präsidenten hat das nicht gefallen. Als Zwanziger diese Zeilen bei der Anhörung im Sportausschuss las, sagte er den Abgeordneten, „dass ich diese Antwort so nicht unterschreiben möchte, denn wir erleben doch ständig, dass es im Fußball gröbste Körperverletzungen gibt“. Er erzählte dem Ausschuss dann aus eigener Erfahrung von einem Amateurspiel aus seiner Heimat, wo er zuletzt selbst Zeuge von „Tätlichkeiten schlimmsten Ausmaßes“ gewesen sei. „Im Fußball spielt nicht der Papst gegen seinen Stellvertreter“, sagt Zwanziger. „Die Ursachen für Gewalt und Extremismus liegen in der Gesellschaft, aber auch im Fußball begründet.“

          Zwanziger: „Der Fußball muss menschenwürdiger werden“

          Und weil er auch bei den anderen Themen des Tages genauso wie die anderen Experten weder etwas beschönigte noch alarmistisch daher redete, sondern differenziert berichtete, war die 61. Sitzung des Sportausschusses des Deutschen Bundestags für den Vorsitzenden so etwas wie eine Sternstunde. „Das ist ein echtes Highlight“, sagte Peter Danckert am Mittwoch. Er sagte es gleich zweimal.

          Der deutsche Profifußball bekennt mit Aktionen (rote) Farbe

          Danckert mochte bei der Anhörung seine Begeisterung über die Qualität der Sachverständigen mit Zwanziger an der Spitze nicht verhehlen, die den Ausschuss in knapp zwei Stunden auf die Schnelle Bekanntschaft mit den dunklen Seiten des Fußballs machen ließ. Aber ebenso schnell wurde klar, dass es bei den Themen Hooligans, Rechtsextremismus, Rassismus, Sexismus, Homophobie, Diskriminierung und Gewalt nicht nur um die Auswüchse im Lieblingssport der Deutschen geht, sondern um weit mehr. „Der Fußball ist nicht nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, sondern in ihm bündeln sich die gesellschaftlichen Probleme wie in einem Brennglas“, sagte Professor Gunter Pilz vom Sportinstitut der Leibniz-Universität in Hannover. „Der Fußball muss menschenwürdiger und respektvoller werden“, forderte Zwanziger. „In den kommenden drei Jahren wollen wir die Chance nutzen, das Bewusstsein zu verändern.“

          Gewalt in den unteren Klassen

          Wie es auf deutschen Plätzen zugeht, kann man seit Jahren nach jedem Wochenende in den Zeitungen nachlesen. Zuletzt hat der badische Fußballverband vor zwei Wochen alle Spiele von der Kreisliga A an abwärts abgesagt – als Konsequenz auf die Gewaltausbrüche am Spieltag zuvor, als der Kapitän des TSV Schönau zusammen mit anderen Spielern den Schiedsrichter brutal angegriffen und verletzt hatte.

          Auch die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Hooligans in und vor allem um die Stadien im Profifußball sind ein ständig wiederkehrendes Problem, ebenso die rassistischen Parolen nicht zuletzt im Amateurfußball sowie die Versuche von rechtsextremen Organisationen, in Fußballvereinen und bei Fußballfans Nachwuchs zu finden. „Wenn ich ein Neonazi wäre, würde ich das auch tun“, sagte Zwanziger ganz offen.

          Konflikte im Jugendfußball

          Weit weniger in den Blickpunkt sind bisher jedoch die Konflikte im Amateur- und Jugendfußball zwischen deutschen Jugendlichen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gerückt. Auch im Sportausschuss kam dieses Thema bei der Fülle der Themen nur am Rande zur Sprache. „Aber das ist ein drängendes, zentrales Problem“, sagt Pilz. „Wir müssen leider konstatieren, dass der sportliche Wettkampf auf dem Spielfeld Stellvertreterfunktion angenommen hat für den Kampf um soziale Anerkennung und Gleichbehandlung.

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