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Bayern München : Germanisierung des deutschen Meisters

Die Deutschen-Fraktion wächst: Bayern München baut auf Stallgeruch Bild: dpa

Bayern betreibt Akquise auf dem Heimatmarkt: Für die Konkurrenz in der Bundesliga ist das keine gute Nachricht. Schalke 04, der Gegner an diesem Samstag, hat es gerade erst zu spüren bekommen.

          Weißt du noch, damals? In diesen Tagen in der Bundesliga bleibt manchmal nur Nostalgie. Die Dauerüberlegenheit der Bayern gegenüber den statistisch schlechtesten Verfolgern, die sie je hatten, hat solch einen Gewöhnungseffekt, dass sich die Fans vieler Klubs kaum noch erinnern können, wie sich das anfühlt: die Bayern zu schlagen.

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          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Vor sieben Jahren hat Schalke 04, das an diesem Samstag nach München kommt, den Rekordmeister zuletzt besiegt. Das war im Pokal-Halbfinale im März 2011, und es gelang vor allem dank der beiden letzten Weltklassespieler, die Schalke bis heute hatte: den jungen Torwart Manuel Neuer, der danach zu den Bayern wechselte (und dort der aktuell einzige verletzte Spieler ist), und den alten spanischen Torschützen Raúl, inzwischen längst in Rente. Das Ergebnis von 0:1 tat damals keinem der beiden Trainer gut. Felix Magath hielt sich nur noch zwei Wochen, Bayern-Kollege Louis van Gaal fünf.

          Zumindest das wird diesmal, unabhängig vom Ergebnis, anders sein. Beide Klubs feiern ihre Trainer. Jupp Heynckes, der die Bayern nach vier Rentnerjahren wieder in die Spur gebracht hat, wird von den Vereinsbossen bedrängt, im Sommer, mit dann 73 Jahren, noch eine Saison dranzuhängen, wovon er aber partout nichts wissen will. Domenico Tedesco, vierzig Jahre jünger als der Veteran, der ihn am Freitag als „qualifizierten jungen Trainer“ lobte, hat Schalke spielerisch zwar noch nicht besonders inspiriert, aber zumindest so stabilisiert, dass Schalke-Boss Clemens Tönnies Bayern-Präsident Uli Hoeneß bei einer Podiumsdiskussion kürzlich freundschaftlich „die Prügelstrafe“ androhte, sollte er auf der Suche nach einem Heynckes-Nachfolger sein Auge tatsächlich auf Tedesco werfen.

          Stallgeruch für den Weltklub

          Die Warnung mag verfrüht sein, doch man weiß nie. Schließlich erfüllt Tedesco, obwohl in Italien geboren, die von den Bayern formulierte Voraussetzung an den nächsten Trainer an der Säbener Straße, wo man unter Pep Guardiola und Carlo Ancelotti nicht immer dieselbe Sprache sprach. Er kam als Zweijähriger nach Deutschland, ist Deutscher, spricht Deutsch, ja heißt sogar so – Tedesco, der Deutsche.

          Auch im Kader, in den noch vor wenigen Jahren angesichts des spanischen Trainers Guardiola und spielender Landsleute wie Alonso, Bernat, Martinez oder Thiago eine bayrische „Hispanisierung“ hineininterpretiert wurde, wird nun kräftig germanisiert. Ein wenig Stallgeruch braucht schließlich auch ein Weltklub, erst recht, seit nach Philipp Lahms Rücktritt in München kein echter Münchner mehr spielte. Und seit der FC Bayern dadurch nur noch einen echten Bayern hatte, Thomas Müller. Als Backup für beide Rollen, neben der für Mittelstürmer Robert Lewandowski, dient seit Januar nun der gebürtige Münchner Sandro Wagner, der nach zehn Jahren Wanderschaft zu den Bayern heimgekehrt ist.

          So scheint derzeit die Frage, wer deutscher Meister wird, weniger spannend als die, welche Deutschen demnächst beim deutschen Meister spielen. Für die Konkurrenz in der Bundesliga ist das keine gute Nachricht. Für sie und ihre Kader ist es besser, wenn die Bayern im Ausland kaufen. Das war jahrelang so. Nachdem 2011 Neuer und Boateng gekommen waren und der FC Bayern mit ihnen und Spielern wie Schweinsteiger, Lahm, Müller das Rückgrat der Nationalmannschaft stellte, wurde in München vorwiegend international akquiriert.

          Der nächste Deutsche: Sandro Wagner kam im Winter als Lewandwoski-Backup

          Ein paar deutsche Jungprofis holte man nebenbei zwar auch, doch Spieler wie Rode, Kirchhoff, Weiser, ja nicht mal Mario Götze konnten sich beim Rekordmeister etablieren. Nur Joshua Kimmich gelang das. Das Suchprofil wurde seitdem etwas verändert. Nachdem Mats Hummels 2016 aus Dortmund nach München zurückkehrte, setzen die Bayern zunehmend auf deutsche Profis, die sich im Nationalteam durchgesetzt oder zumindest dort schon die ersten Schritte gemacht haben. In den vergangenen sieben Monaten verpflichtete man Niklas Süle, Serge Gnabry, Sebastian Rudy und zuletzt Wagner.

          Zu groß für Bayern: Leon Goretzka wechselt nach München

          Und im Januar entschied sich der umworbene Leon Goretzka, statt in Schalke zu bleiben oder ins Ausland zu gehen, lieber für jenen Transfer, der Titel garantiert, den nach München – wo er, wenn er von diesem Sommer an die Erwartungen erfüllt, im Mittelfeld einen Latino verdrängen wird, Vidal oder Thiago. So hat Schalke sieben Jahre nach dem letzten Erfolg gegen Bayern, dem der Weggang von Neuer folgte, wieder einmal einen zentralen Spieler Richtung München verloren. Man könnte es als Kompliment verstehen, dass man nun wieder auf dem Niveau ist, als Zulieferbetrieb für den Münchner Luxuskader zu taugen. Doch das wäre ein schwacher Trost. Die Schalker Bilanz gegen Bayern in mageren sieben Jahren: zwölf Spiele und zwei Spieler verloren. Aber wenigstens noch keinen Trainer.

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