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Gerd Müller ist tot : Kleines dickes Müller

Die großen Erfolge – nur durch Stürmer Müller möglich, wie hier der WM-Titel 1974 Bild: Imago

Er war der größte Torjäger in der Geschichte des deutschen Fußballs. Jetzt ist er im Alter von 75 Jahren gestorben. Zum Tod von Gerd Müller.

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          Er war so unvergleichlich, dass man einst für ihn ein eigenes Verb erfand: das „Müllern“. Viel später kam ein anderer Bayer, der auch Müller hieß und auch Weltmeister und WM-Torschützenkönig wurde; und noch später dann ein anderer Bayern-Mittelstürmer, der einen fast ein halbes Jahrhundert unübertrefflich scheinenden Müller-Rekord, vierzig Tore in einer Bundesligasaison, übertraf. Doch an Gerd Müllers Einzigartigkeit änderte das nichts.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Als Robert Lewandowski nach seinem 41. Saisontreffer im Mai unter dem Trikot ein Konterfei des großen Vorgängers enthüllte, den er danach „für immer unerreicht“ nannte, konnte niemand wissen, dass es eine Abschiedsbotschaft war. An diesem Sonntagmorgen ist Gerd Müller, der größte Torjäger in der Geschichte des deutschen Fußballs, im Alter von 75 Jahren in München gestorben.

          „Ein trauriger, schwarzer Tag“

          „Heute ist ein trauriger, schwarzer Tag für den FC Bayern und all seine Fans. Gerd Müller war der größte Stürmer, den es je gegeben hat – und ein feiner Mensch, eine Persönlichkeit des Weltfußballs“, erklärte Bayern-Präsident Herbert Hainer. „Der FC Bayern wäre ohne Gerd Müller heute nicht der Klub, wie wir ihn alle lieben. Sein Name und die Erinnerung an ihn wird auf ewig weiterleben.“

          Die Geschichte des Mannes, der als wortkarger Webergeselle 1964 aus Nördlingen für 160 Mark im Monat in die Weltstadt München gekommen war, sie als Weltstar und Millionär 1976 wieder verließ, dann in Florida vom Glück verlassen wurde, alles verlor und die letzten Jahre, an Alzheimer erkrankt, in einem Pflegeheim lebte, spiegelt den rasanten Aufstieg zum großen Geschäft und zum hektischen Gesellschaftsereignis, das der Fußball in jenen Jahrzehnten nahm. Es war eine Entwicklung, die viele Spieler reich und berühmt machte, viele aber auch überforderte – zumindest in den frühen Jahren des Booms, als die Vereine noch nicht wussten, wie sie die Spieler, ihr Kapital also, auf deren immer weiter wachsende öffentliche Rolle vorbereiten, sie schützen konnten.

          Fußballer wurden Popstars, und Müller machte das Spiel halbwegs mit, zum Beispiel als Schlagersänger. Er blieb aber wie in seinem Hit „Dann macht es bumm“ stets den einfachen Wahrheiten des Fußballs verhaftet – vor allem der, die hinter der größten aller Künste steckt, dem Toreschießen. „Ein Fußballspiel ist gar nicht leicht, weil es nur schwer zum Torschuss reicht“, sang er, wobei er, um zu treffen, auf der Tonleiter so wenig Spielraum benötigte wie im Strafraum. Und während man irgendwann später für jede Art von Fußball eine „Philosophie“ zu benötigen begann, passte die von Gerd Müller und seinen Toren in einen einzigen Satz: „Wenn’s denkst, ist’s eh zu spät.“

          Im deutschen Nationalteam, das in jener Ära seine größten Jahre erlebte, erzielten Beckenbauers Eleganz und Netzers Weiträumigkeit größere Außenwirkung. Doch die großen Erfolge konnten nur dank Müller gelingen: Europameister 1972, Weltmeister 1974. „Tore, die Gerd Müller schießt“, sagte Kommentator Rudi Michel nach dem Siegtor gegen die Niederlande im WM-Finale: „Tore, die eigentlich nur Gerd Müller schießt.“

          „Darf ihn mit keinem anderen vergleichen“

          Mit 68 Treffern in 62 Länderspielen kam er auf die Quote von 1,1 Toren pro Spiel – es hätten sogar noch viel mehr sein können, wäre Müller nicht nach dem WM-Sieg 1974 im Ärger über DFB-Funktionäre aus dem Nationalteam zurückgetreten. Seit dem Krieg hat kein anderer Deutscher am Ende einer Karriere auch nur die Hälfte der Müller-Quote geschafft. Die Zweitbesten, Fritz Walter, Helmut Rahn, Rudi Völler, Oliver Bierhoff oder, in der DDR-Auswahl, Joachim Streich, bewegen sich bei 0,5 bis 0,55 pro Länderspiel – ebenso wie Miroslav Klose, der Müller 2014 als Rekordtorschütze im Nationalteam ablöste, für seine 71 Tore aber auch 137 Länderspiele brauchte und jeden Vergleich ablehnte: „Gerd Müller darf man mit keinem anderen Stürmer vergleichen.“

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          Gerd Müller : Der „Bomber der Nation“ ist tot

          Müller schaffte es sogar, den Meistern des Zu-null-Fußballs, den Catenaccio-Italienern seiner Zeit, ein Tor zu stehlen, ein Tor ohne Torchance – jenes Stochertor an Verteidiger und Torwart vorbei im „Spiel des Jahrhunderts“, dem 3:4 im WM-Halbfinale 1970. „Wenn Sie je ein echtes Müller-Tor gesehen haben“, sagte Reporter Ernst Huberty, „dann jetzt.“

          Seit er mit 18 Jahren zum aufstrebenden FC Bayern gekommen war, wo ihn Trainer Cajkovski „kleines dickes Müller“ taufte, war er ein Naturereignis in deutschen Strafräumen. Er schoss Tore, als wolle er einen täglichen Abreißkalender füllen: 365 in 427 Bundesligaspielen. Er schoss sie mit allen erlaubten Körperteilen, nicht nur mit seinen an der dicksten Stelle 48 Zentimeter Umfang messenden Beinen; nicht nur mit den Füßen, die er, obwohl sie nur Größe 38 maßen, in 41er-Schuhen unterbrachte, dick bandagiert, um die Knöchel zu schonen und sich noch schneller drehen zu können. Und als Inbegriff eines Torjägers war Müller jemand, der die Bälle eben gar nicht immer ins Tor jagte, sondern eher: schob, drückte, blockte, köpfelte, spitzelte, stocherte. Oder eben: müllerte.

          Müller-Tore waren keine Traumtore

          Dabei waren Müller-Tore keine Traumtore. Nur eines wurde „Tor des Jahres“, 1976 gegen TB Berlin, als er einen Ball per Grätsche abfing und in 0,8 Sekunden per Drehschuss ins lange Eck setzte. Meist waren es Tore, die einfach aussahen und die doch kein anderer schoss.

          Es ist eine beliebte, aber müßige Frage, ob man es als Stürmer damals besser hatte als heute oder umgekehrt. In den freizügigen Siebzigern war es zweifellos einfacher, durchs Mittelfeld zu kommen, so dass Angreifer häufiger zum Abschluss kamen. Doch Müller selbst fand, seine Nachfolger hätten es besser: „Die Verteidiger hauen lange nicht mehr so hin wie damals.“ Beckenbauer behauptete, „dass der Gerd heute genauso viele Tore schießen würde“.

          Es wären sogar noch mehr, wäre nicht ausgerechnet ihm, dem größten Torjäger, die scheinbar leichteste Übung so schwer gefallen: der Elfmeter. Als er vor fünfzig Jahren in einer einzigen Saison vierzig Tore schoss, verschoss er drei Elfmeter. Mit der Frage, wer die meisten Elfer in der Bundesliga vergab, hat sich schon manche Wette gewinnen lassen: Es war Müller – zwölf, bei 63 Versuchen. Natürlich steckt darin eine Auszeichnung: Keinen anderen hätte man nach so vielen Fehlversuchen wieder antreten lassen.

          Doch auch er brauchte das Erfolgsgefühl des letzten Treffers. Lag der zu lange zurück, kam selbst bei ihm die Unsicherheit. Trainer Dettmar Cramer schilderte, wie er Müller von dessen seltenen Ladehemmungen befreite: Er ließ ihn stundenlang von seinen schönsten Toren erzählen. Schon traf er wieder.

          Abseits des Strafraums war es nicht so einfach. Müller vergab Chancen, die er auf dem Platz verwandelt hätte. Geschäfte in Florida, wo er am Ende der Karriere ein paar Dollar verdiente, gingen schief, seine Ehe auch, er geriet in Geldnot, in Alkoholprobleme. Sein alter Klub und der alte Mitspieler Uli Hoeneß ließen ihn nicht fallen. Zwölf Jahre lang durfte er sein Wissen als Assistenztrainer der zweiten Bayern-Mannschaft an spätere Weltmeister wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Thomas Müller weitergeben – ehe die Krankheit ihn völlig in seine eigene Welt abtauchen ließ. „Er ist immer ein Kämpfer gewesen, war immer tapfer, sein ganzes Leben lang“, sagte seine Frau Uschi anlässlich des 75. Geburtstags im vergangenen November. „Das ist er auch jetzt. Der Gerd schläft seinem Ende entgegen.“ Zuletzt äußerte sie die traurige Hoffnung, „dass er nicht nachdenken kann über sein Schicksal, über eine Krankheit, die dem Menschen die letzte Würde raubt“.

          Am Ende ist es die Tragik dieses einmaligen Fußballers, dass er all das, was er Millionen Menschen an unvergänglicher Erinnerung schenkte, in den letzten, dunklen Jahren seines Lebens selbst vergaß. Doch Gerd Müller bleibt unvergesslich.

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