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Gerd Müller ist tot : Kleines dickes Müller

Mit seinem Treffer zum 2:1 gegen die Niederlande im WM-Finale 1974 macht sich Gerd Müller unsterblich. Bilderstrecke
Gerd Müller : Der „Bomber der Nation“ ist tot

Müller schaffte es sogar, den Meistern des Zu-null-Fußballs, den Catenaccio-Italienern seiner Zeit, ein Tor zu stehlen, ein Tor ohne Torchance – jenes Stochertor an Verteidiger und Torwart vorbei im „Spiel des Jahrhunderts“, dem 3:4 im WM-Halbfinale 1970. „Wenn Sie je ein echtes Müller-Tor gesehen haben“, sagte Reporter Ernst Huberty, „dann jetzt.“

Seit er mit 18 Jahren zum aufstrebenden FC Bayern gekommen war, wo ihn Trainer Cajkovski „kleines dickes Müller“ taufte, war er ein Naturereignis in deutschen Strafräumen. Er schoss Tore, als wolle er einen täglichen Abreißkalender füllen: 365 in 427 Bundesligaspielen. Er schoss sie mit allen erlaubten Körperteilen, nicht nur mit seinen an der dicksten Stelle 48 Zentimeter Umfang messenden Beinen; nicht nur mit den Füßen, die er, obwohl sie nur Größe 38 maßen, in 41er-Schuhen unterbrachte, dick bandagiert, um die Knöchel zu schonen und sich noch schneller drehen zu können. Und als Inbegriff eines Torjägers war Müller jemand, der die Bälle eben gar nicht immer ins Tor jagte, sondern eher: schob, drückte, blockte, köpfelte, spitzelte, stocherte. Oder eben: müllerte.

Müller-Tore waren keine Traumtore

Dabei waren Müller-Tore keine Traumtore. Nur eines wurde „Tor des Jahres“, 1976 gegen TB Berlin, als er einen Ball per Grätsche abfing und in 0,8 Sekunden per Drehschuss ins lange Eck setzte. Meist waren es Tore, die einfach aussahen und die doch kein anderer schoss.

Es ist eine beliebte, aber müßige Frage, ob man es als Stürmer damals besser hatte als heute oder umgekehrt. In den freizügigen Siebzigern war es zweifellos einfacher, durchs Mittelfeld zu kommen, so dass Angreifer häufiger zum Abschluss kamen. Doch Müller selbst fand, seine Nachfolger hätten es besser: „Die Verteidiger hauen lange nicht mehr so hin wie damals.“ Beckenbauer behauptete, „dass der Gerd heute genauso viele Tore schießen würde“.

Es wären sogar noch mehr, wäre nicht ausgerechnet ihm, dem größten Torjäger, die scheinbar leichteste Übung so schwer gefallen: der Elfmeter. Als er vor fünfzig Jahren in einer einzigen Saison vierzig Tore schoss, verschoss er drei Elfmeter. Mit der Frage, wer die meisten Elfer in der Bundesliga vergab, hat sich schon manche Wette gewinnen lassen: Es war Müller – zwölf, bei 63 Versuchen. Natürlich steckt darin eine Auszeichnung: Keinen anderen hätte man nach so vielen Fehlversuchen wieder antreten lassen.

Doch auch er brauchte das Erfolgsgefühl des letzten Treffers. Lag der zu lange zurück, kam selbst bei ihm die Unsicherheit. Trainer Dettmar Cramer schilderte, wie er Müller von dessen seltenen Ladehemmungen befreite: Er ließ ihn stundenlang von seinen schönsten Toren erzählen. Schon traf er wieder.

Abseits des Strafraums war es nicht so einfach. Müller vergab Chancen, die er auf dem Platz verwandelt hätte. Geschäfte in Florida, wo er am Ende der Karriere ein paar Dollar verdiente, gingen schief, seine Ehe auch, er geriet in Geldnot, in Alkoholprobleme. Sein alter Klub und der alte Mitspieler Uli Hoeneß ließen ihn nicht fallen. Zwölf Jahre lang durfte er sein Wissen als Assistenztrainer der zweiten Bayern-Mannschaft an spätere Weltmeister wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Thomas Müller weitergeben – ehe die Krankheit ihn völlig in seine eigene Welt abtauchen ließ. „Er ist immer ein Kämpfer gewesen, war immer tapfer, sein ganzes Leben lang“, sagte seine Frau Uschi anlässlich des 75. Geburtstags im vergangenen November. „Das ist er auch jetzt. Der Gerd schläft seinem Ende entgegen.“ Zuletzt äußerte sie die traurige Hoffnung, „dass er nicht nachdenken kann über sein Schicksal, über eine Krankheit, die dem Menschen die letzte Würde raubt“.

Am Ende ist es die Tragik dieses einmaligen Fußballers, dass er all das, was er Millionen Menschen an unvergänglicher Erinnerung schenkte, in den letzten, dunklen Jahren seines Lebens selbst vergaß. Doch Gerd Müller bleibt unvergesslich.

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