https://www.faz.net/-gtm-8griu

Kevin Großkreutz : Das Stuttgarter Mentalitäts-Monster ist zurück

  • -Aktualisiert am

„Arsch aufreißen“: Vor den entscheidenden Spielen wählt Kevin Großkreutz deftige Worte. Bild: Picture-Alliance

Vor dem wichtigen Bundesligaspiel gegen Mainz hofft ganz Stuttgart auf die mitreißende Wirkung von Kevin Großkreutz. Ohne ihn legte der VfB einen beispiellosen Absturz hin – jetzt meldet er sich mit markigen Worten zurück.

          3 Min.

          Immer, wenn es mal wieder ganz schlecht steht um den VfB Stuttgart, ist Erwin Staudt gefragt. Er war in seiner Amtszeit von 2003 bis 2011 der bisher letzte Präsident des fünfmaligen deutschen Meisters, unter dem der Traditionsklub auch ein Erfolgsklub war. Staudt, ein moderner Patron, feierte mit den Schwaben 2007 den letzten Titelgewinn, als auch der damalige Fußballlehrer Armin Veh noch als Erfolgstrainer galt. Der 68 Jahre alte Schwabe führte den VfB mit viel Optimismus und Urvertrauen in die sportliche Qualität seines Vereins an.

          Umso bedenklicher klingen seine jüngsten Einlassungen zur Lage seines Klubs, die er gegenüber dem Online-Portal Sport1 äußerte. „Ein Abstieg“, sagte er beim Blick auf den Tabellen-Vorletzten der Bundesliga vor dem vorletzten Spieltag, „wäre der Super-Gau.“ Und: „Wenn wir am Samstag (im Heimspiel gegen Mainz 05 / 15.30 Uhr / live auf Sky und im Bundesligaticker auf FAZ.NET) nicht über uns hinauswachsen und endlich gewinnen, dann sieht es düster aus.“

          64 Prozent glauben nicht an Rettung

          Viele Anhänger der Stuttgarter, die auch in diesen schweren Zeiten ihrem Verein für Bewegungsspiele die Treue halten, sehen jetzt schon schwarz. 64 Prozent der von der „Stuttgarter Zeitung“ zur Abstimmung aufgerufenen Leser und User glauben nicht mehr daran, dass der VfB wie in den beiden vergangenen Jahren unter dem Niederländer Huub Stevens den Klassenverbleib auf den letzten Drücker packt.

          Wer spendet diesmal Trost nach sieben Spielen ohne Sieg, darunter die jüngste 2:6-Erniedrigung beim genauso bedrohten SV Werder Bremen? Zum Beispiel ein Ur-Dortmunder, der im Winter nach seiner Verirrung zu Galatasaray Istanbul auf den Cannstatter Wasen geholt wurde und in der stärksten Stuttgarter Saisonphase zwischen Ende Januar und Ende Februar tatkräftig mithalf, die alten Sorgen für ein paar Wochen zu vertreiben: Kevin Großkreutz gehörte während der sechs goldenen VfB-Wochen, in denen der Klub bis auf den Mittelfeldplatz zehn vorankam, wie beim BVB zu den Vorkämpfern seiner Mannschaft. Dann zog er sich Anfang März einen Muskelbündelriss zu, und sein Team, Zufall oder nicht, verlernte danach das Gewinnen.

          Hilft ihm Großkreutz? VfB-Trainer Kramny steht unter Druck
          Hilft ihm Großkreutz? VfB-Trainer Kramny steht unter Druck : Bild: Reuters

          Großkreutz ist früher als gedacht ins Mannschaftstraining zurückgekehrt und wird an diesem Samstag in die Mannschaft zurückkehren. Auf Instagram bekannte sich der Westfale mit Sätzen wie „Arsch aufreißen, kämpfen, gewinnen, Ausreden zählen nicht mehr“ zu seinem neuen Verein und seinem alten Arbeitsethos. Dazu versprach er für den Fall des Abstiegs, dass er den VfB „niemals so verlassen“, sondern mithelfen würde, den millionenschweren Betriebsunfall „wieder auszubügeln“.

          Abgesehen davon, dass Großkreutz’ Vertrag auch für die Zweite Bundesliga rechtsgültig wäre, fand der Stuttgarter Sportvorstand Robin Dutt die dezidierten Worte des „Mentalitätsspielers“ und Weltmeisters von 2006 „absolut beeindruckend“. Trainer Jürgen Kramny wies am Freitag darauf hin, „dass Kevin auch das Bild unseres Erfolges war“. Er sei „charakterlich top“, besitze eine „überragende Einstellung“ und wolle „immer gewinnen“.

          Endlich wieder Fußball: Nach seiner Verletzung will Großkreutz nun mit Stuttgart den Abstieg verhindern.
          Endlich wieder Fußball: Nach seiner Verletzung will Großkreutz nun mit Stuttgart den Abstieg verhindern. : Bild: dpa

          An dem Siegeshunger der Stuttgarter zweifelten zuletzt viele Anhänger des Klubs, seit der Trend des VfB steil nach unten weist – anders als in den Rettungsjahren mit Stevens, dem unerschrockenen Wegweiser zurück ans Licht. In dieser Spielzeit haben die Stuttgarter zunächst dem erstligaunerfahrenen und von sich und seiner reinen Balleroberungslehre allzu überzeugten Trainer Alexander Zorniger vertraut und ihm nach dem dreizehnten Spieltag fast zu spät die Gefolgschaft aufgekündigt; der danach von der zweiten Mannschaft des VfB zu den Profis beförderte Kramny lotste sein Team zunächst mit ruhiger Hand heraus aus der Gefahrenzone und muss nun erschrocken feststellen, dass der vermeintliche Aufschwung des VfB eine viel zu kurze Blüte war.

          Was von Anfang März an einsetzte, war die Rückkehr einer labilen Mannschaft mit vielen begabten Profis zur überwunden geglaubten Selbstgenügsamkeit und danach die aufs Neue zerbrechende Fähigkeit zur Selbstverteidigung. Der VfB hat mit 69 Gegentoren mehr Wirkungstreffer als jeder andere Bundesligaklub einstecken müssen. Ein Hauptgrund dafür, dass die Stuttgarter den zweiten Abstieg seit 1975 befürchten müssen. Dass in dieser höchst prekären Lage der Einsatz des Kapitäns und Vorkämpfers Christian Gentner wegen einer Wadenblessur auf der Kippe steht, wirkt zusätzlich beunruhigend.

          Nur gut, dass Verteidiger Großkreutz, noch ziemlich neu in Stuttgart, nun vorangehen will, auch wenn Dutt, rhetorisch einer der besten Ligamanager, sonst aber noch nicht mit Fortüne gesegnet, einschränkend sagt: „Allein kann er es nicht schaffen, wir brauchen ganz Stuttgart.“ An Mobilisierungskampagnen hat es beim VfB in vergleichbarer Lage noch nie gefehlt, diesmal aber ist der Pessimismus nicht mehr wie von selbst zu verscheuchen. Daran wird auch die neue Initiative, „Im Brustring vereint“, wenig ändern. Wo etwas gerichtet werden kann, ist ganz einfach zu erkennen: Auf dem Platz ist so etwas wie ein reichlich später Urknall gefordert, will der VfB seiner Bredouille mit 33 Punkten und der schlechtesten Tordifferenz aller Mitbewerber im Kampf um die Rettung oder zumindest den Relegationsplatz entkommen.

          Kramny, der seine Spieler auf den finalen Countdown ohne abgenutzte Parolen und mit gefestigter Zuversicht einstimmen wird, schien es am Freitag kaum erwarten zu können, dass die ultimative Bewährungsprobe im Duell mit den Mainzern endlich losgeht. „Wir waren der Verlierer des letzten Spieltags, aber arbeiten daran, der Gewinner des nächsten Spieltags zu sein. Wenn der erste Zweikampf gewonnen wird und der erste Pass zum eigenen Mann kommt, sind das für mich kleine Siege. Wir brauchen gegen Mainz viele kleine Siege.“ Gefragt ist der Stuttgarter Schulterschluss im fast ausverkauften Stadion. Dazu gehört diesmal aber eine sehr große Glaubensbereitschaft.

          Weitere Themen

          Am Tisch mit Europas Elite

          Basketball beim FC Bayern : Am Tisch mit Europas Elite

          Die Euroleague hat dem FC Bayern eine Dauerkarte für ihren Wettbewerb angeboten. Einen Deal gibt es noch nicht, aber daran zweifelt keiner. Denn beide Organisationen sind aufeinander angewiesen.

          Topmeldungen

          Eine Frau telefoniert in einer Telefonzentrale für die Arzthotline 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes.

          Keine Impftermine möglich : Nette, aber hilflose Impfhotlines

          Die Impfstoffbeschaffung ist Bundessache, das Verabreichen aber die der Länder. In keinem von ihnen lässt sich ein Termin für eine Impfung vereinbaren. Die Länder halten den Bund für schuldig – und Pfizer.
          Das erste Interview nach seiner Wahl zum CDU-Vorsitzenden: Ministerpräsident Armin Laschet in der Düsseldorfer Staatskanzlei.

          Interview mit Armin Laschet : „Auch mit Friedrich Merz“

          Ein Gespräch mit dem neuen CDU-Vorsitzenden Armin Laschet über die Einbindung des unterlegenen Konkurrenten, die Kanzlerkandidatur, den Kampf gegen Corona, sein Verhältnis zu Russland, die Seidenstraße – und über Twitter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.