https://www.faz.net/-gtm-14ey4

Fußballrandale : DFB und DFL wehren sich gegen „maßlosen Populismus“

Bilder, die in kein Fußballstadion gehören - und die zu einer Diskussion führen Bild: dpa

Nach der Randale in Rostock fordert die Polizeigewerkschaft Geld vom deutschen Fußball. DFB und DFL antworten scharf. Doch auch die Verbände haben Fehler gemacht. DFB-Präsident Zwanziger schließt Spiele ohne Publikum nicht mehr aus.

          3 Min.

          Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat Theo Zwanziger am Mittwoch in Berlin mit dem Leo-Baeck-Preis geehrt. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erhielt die Auszeichnung, die zuvor auch schon an die Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, Johannes Rau und Roman Herzog sowie zuletzt an Bundeskanzlerin Angela Merkel vergeben wurde, für sein beharrliches Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Rechtsextremismus.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch, würdigte Zwanzigers „couragierte, aufgeklärte und offensive Art“ bei der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit. Der Preis für Zwanziger ist ein Höhepunkt in der langjährigen Arbeit des DFB-Präsidenten, den Fußball, anders als seine Vorgänger, auch gesellschaftspolitisch zu verankern.

          Zu der besonderen Feierstunde im Hotel Adlon für Zwanziger und den gesellschaftspolitisch aktiven Teil des deutschen Fußballs drang aber auch gleich das tagesaktuelle politische Getöse. Angestimmt hat es die Deutsche Polizeigewerkschaft nach den schweren Fan-Ausschreitungen vom Montag in Rostock, bei denen 29 Polizisten verletzt und 23 Randalierer festgenommen wurden.

          DFB-Präsident Theo Zwanziger bekam den Leo-Baeck-Preis 2009 - und mahnte
          DFB-Präsident Theo Zwanziger bekam den Leo-Baeck-Preis 2009 - und mahnte : Bild: ddp

          „Es ist eine Großveranstaltung wie jede andere“

          „Wir erwarten, dass sich der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball Liga zu einem angemessenen Teil an diesen Kosten beteiligen“, sagte der Vorsitzende Rainer Wendt im ZDF. „Eine pauschale Gebühr, die für eine Saison bezahlt wird, etwa 50 Millionen Euro, wären ein echter Freundschaftspreis.“

          Zwanziger gab auf diese Forderung nach der Ehrung eine ganz eigene Antwort: „Wenn man diese Spiele nur mit einem Riesen-Polizeiaufgebot überhaupt noch sicher halten kann, dann muss man irgendwann in der Tat sagen: Dann spielt der Fußball nur noch beim Fernsehen, dann ist eben niemand mehr da.“ Die Forderung nach zusätzlichem Geld empfinden die Verbände dagegen als „maßlosen Populismus“, wie DFL-Präsident Reinhard Rauball sagte. Mit Geld löse man keine gesellschaftlichen Probleme.

          Zwanziger sprach von „Wichtigtuern“ und unterstrich die langjährige Position des Verbandes: „Es ist eine Großveranstaltung wie jede andere – dort ist der Schutz des Staates gefragt.“ Zudem führten, wie die Verbände sagen, die Bundesligavereine im vergangenen Jahr 650 Millionen Euro an Steuern ab. Allein für die Personalkosten in den vier obersten Ligen zahlten die Klubs jährlich selbst rund 25 Millionen Euro, bei Bundesligaspielen stellten sie im Schnitt 150 Ordner.

          Abendspiele erschweren die polizeiliche Arbeit

          Angesichts der öffentlichen Diskussionen lädt die DFL aber nun gemeinsam mit dem DFB zu einem Runden Tisch, mit dem Bundesinnenministerium, der Innenministerkonferenz der Länder, der Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze (ZIS) sowie der Gewerkschaft der Polizei – der mitgliederstärkeren Gewerkschaftskonkurrenz der Deutschen Polizeigewerkschaft.

          Wendt, der zuletzt schon den Besuch von Fußballspielen als „lebensgefährlich“ bezeichnet hatte, was Zwanziger als „unverantwortlich“ zurückwies, kritisierte scharf das Vorgehen von DFB und DFL bei Ansetzungen von sogenannten Problemspielen auf den Abend wie bei der Begegnung in Rostock. Dies erschwere die polizeiliche Arbeit und geschehe nach kommerziellen Aspekten.

          „Der Preis ist eine Mahnung an den Fußball“

          An diesem Vorwurf ist etwas dran, wie bei den Verbänden zumindest inoffiziell eingeräumt wird. Zwar werden die Spiele mit der ZIS, die Gewalttäter im Fußball beobachtet, sowie mit der Polizei weit im Voraus abgestimmt. Aber da die genauen Termine erst wenige Wochen vorher festgelegt werden, muss im Alltag die Polizei auf eine Verlegung drängen. Denn der Verband gestaltet den Spielplan eben auch nach dem Interesse des Fernsehens, seinem Geldgeber – und da können Quote und Sicherheitsfragen miteinander kollidieren.

          Er könne zwar nicht versprechen, dass es nie wieder Vorfälle geben werde, sagte der DFB-Präsident. Aber er könne versprechen, „dass wir nicht weggucken, diese Dinge betrachten, auswerten und mit den Möglichkeiten, die ein Verband hat, umsetzen“, sagte Zwanziger. Das passte zu seiner Dankesrede für die Auszeichnung, die Zwanziger auch als Verpflichtung ansieht: „Der Preis ist eine Mahnung an den Fußball, nicht und niemals tatenlos zuzuschauen, wenn auf irgendeinem Bolzplatz, in irgendeinem Stadion oder irgendeinem Vereinsheim die Toleranz mit Füßen getreten wird.“

          Politischer Mitspieler für eine tolerantere Gesellschaft

          Der Zentralrat würdigte mit dem Leo-Baeck-Preis die Entschlossenheit des DFB-Präsidenten, auch denen die „Rote Karte“ zu zeigen, „die den Sport als Forum für ihre menschenfeindlichen und extremistischen Angriffe missbrauchen wollen“, wie es zur Begründung hieß. Der Zentralrat erkannte mit der Auszeichnung aber auch die von Zwanziger betriebene Wandlung des DFB zu einem politischen Mitspieler für eine tolerantere Gesellschaft an.

          Der Verband wolle „in einer demokratischen Ordnung nie mehr unpolitisch“ sein, sondern „für das, was eine Demokratie für Menschen leisten kann, aufgeschlossen und aktiv eintreten“, wie Zwanziger sagte. Auf den aktuellen Alltag übersetzt, heißt das im Falle von Randale beim Fußball für den DFB-Präsidenten: „Wenn man spürt, das ist nur mit einer unverhältnismäßigen Zahl von Sicherheitsmaßnahmen überhaupt friedlich zu halten, dann muss man die Frage stellen, ob man dort noch mit Publikum spielen kann.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) stürmen in Calw während einer Übung in eine Tür (Archivbild).

          Wehrbeauftragte Eva Högl : „Es wäre falsch, das KSK aufzulösen“

          Das Kommando Spezialkräfte wird grundlegend reformiert, um rechtsextreme Umtriebe künftig unmöglich zu machen. Die Wehrbeauftragte war bei der „Höllenwoche“ des Verbands dabei. Ein Gespräch über ihre Eindrücke.
          SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach

          SPD-Gesundheitsexperte warnt : Lockdown möglicherweise schon in wenigen Wochen

          Die jetzigen Einschränkungen reichten nicht aus, um einen deutlichen Anstieg der Todeszahlen zu verhindern, sagt Karl Lauterbach laut einem Bericht. Er fordert mehr Homeoffice und eine Aufteilung von Schulklassen. Auch der Außenhandelsverband warnt vor einem neuen Lockdown.

          Verbannung beim FC Arsenal : Warum Mesut Özil polarisiert und spaltet

          Mesut Özil wird beim FC Arsenal nicht mehr gebraucht. Sein Verhalten auf und neben dem Platz wirft Fragen auf, auf die es keine Antworten gibt. Denn Politik lässt sich nicht mit Fußballschuhen vermessen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.