https://www.faz.net/-gtm-a0u9e

Darmstadts Marcel Heller : Niemals geht er so ganz

  • -Aktualisiert am

Keiner kann so schön entgeistert gucken wie Marcel Heller. Bild: EPA

Er ist ein Musterprofi, ein Publikumsliebling, einer der nie aufgibt, hat bei ein und demselben Klub gezeigt, dass er erste, zweite und dritte Liga kann. Kaum zu glauben, dass Marcel Heller die Lilien verlässt.

          2 Min.

          Keiner kann so schön entgeistert gucken. Niemand kann sich so herrlich empören. Der an den Außenlinien auf- und abflitzende Marcel Heller gehört so sehr zum Standardprogramm am Böllenfalltor, dass sich jedermann an das eindrucksvolle Schauspiel gewöhnt hat, das zigmal häufiger aufgeführt wurde als „Dinner for one“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

          2. Bundesliga

          Heller rennt, Heller scheint der Ball am Fuß zu kleben, Heller strauchelt, Heller stürzt zu Boden – Heller breitet, auf dem Hintern auf dem Rasen sitzend, die Arme aus, die Augen vor Entrüstung geweitet. Und seine Empörung findet stets eine Zielscheibe: Entweder den Gegenspieler, der es wagte zu foulen. Oder den Schiedsrichter, der er es wagte, das Foul nicht zu erkennen.

          Heller ist auf dem Platz stets voll und ganz bei sich. Keinen Moment in sechs Darmstädter Jahren, in dem nicht klar war, dass da einer leidenschaftlich brennt für das Spiel. Nie erlebten die „Lilien“- Fans einen schlappen oder gar lustlosen Auftritt Hellers. Unwirksame, unglückliche, unsichtbare Auftritte, die gab es schon. Aber auch unzählige Auf- und Antritte, in denen Funken zu sprühen schienen. Und so könnte Heller noch ewig so weiterrennen und weiterspielen, seinen 209 Darmstädter Pflichtspielen in drei verschiedenen Ligen, Hessen- und DFB-Pokal (22 Tore, 34 Torvorbereitungen, kein Platzverweis) weitere hinzufügen.

          Niemand würde sich wundern, wenn er heimlich einen Vertrag auf Lebenszeit bei Darmstadt 98 unterzeichnet hätte. Denn „Helle“, wie er intern gerufen wird, hat bewiesen, dass er erste, zweite und dritte Liga kann. Dass er sich auch in Krisenzeiten nie wegduckt, zwar nicht druckreif, aber ehrlich formuliert, wo andere sich in Floskeln flüchten.

          Doch nun folgt das Erwachen: Eine Ära endet, der Vertrag des 34-Jährigen läuft am Monatsende aus und wird nicht verlängert. Heller wird den SVD nach dem letzten Zweitligasaison-Match an diesem Sonntag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Fußball-Bundesliga und bei Sky) beim VfB Stuttgart verlassen, sein Ziel, das hat er mal verlauten lassen, ist weiter Fußball zu spielen. Die Vereinigten Staaten würden ihn reizen. Sicher ist, auch dort würde ihn das Publikum schätzen, wenn er den Rücken auf seine charakteristische Weise durchdrückt und seine kurzen Beine im Nähmaschinentakt über den Rasen rattern. „Schnell, schneller, Heller“, wurde zu einem beliebten Ruf in Darmstadt. Ein einst ihm gewidmeter Punkrock-Song beinhaltet die Textzeile: „Es ist kein Flugzeug und auch kein ICE – es ist der blaue Blitz vom Bölle.“

          Heller ist der Methusalem im SVD-Kader, das letzte Relikt, das noch das „Wunder von Bielefeld“ auf dem Rasen erlebt hat, den sensationell anmutenden Aufstieg in die zweite Liga im Mai 2014. Seitdem der einstige Eintracht-Profi von den Darmstädtern 2013 aus der Aachener Viertliga-Konkursmasse geholt wurde, blieb er bis auf einen einjährigen Abstecher zum FC Augsburg den „Lilien“ treu.

          In dieser Saison wurde es etwas stiller um ihn. Der Punch schien ihm mit 34 Jahren abhandengekommen zu sein, diese Durchsetzungsstärke, wenn zu Tempo und Technik noch ein Schuss Robustheit dazukommen muss. „Ich sage immer unseren jungen Spielern: Wenn ihr Profi sein wollt, dann haltet euch an Marcel Heller“, sagt der nun mit ihm scheidende Cheftrainer Dimitrios Grammozis: „Er ist ein absoluter Musterprofi, wie ich auf diese Art und Weise kaum einen Spieler gesehen habe. Wie er trainiert, wie er sich ernährt, wie er sich vorbereitet, wie er auf den Platz kommt, wie er nach dem Training noch etwas macht. Mit dieser Professionalität hat er vielen jungen Spielern aufgezeigt, was dazugehört, um in seinem Alter kaum verletzt und immer da zu sein, wenn man ihn braucht.“ Die Darmstädter sollten, wenn der Corona-Spuk vorbei ist, über ein prunkvolles Abschiedsspiel für Heller nachdenken. Verdient hätte er es.

          Weitere Themen

          Leben, Tod und Schreiben

          Zsuzsa Bánk über neues Buch : Leben, Tod und Schreiben

          Die Schriftstellerin Zsuzsa Bánk berichtet in ihrem neuen Buch „Sterben im Sommer“ vom Tod ihres Vaters und davon, wie man das eigene Erleben erzählt. Getröstet hat sie das Schreiben nicht – aber es hat ihr dabei geholfen, sich heute besser zu fühlen.

          Tat im Drogenrausch

          Lastwagenattacke in Limburg : Tat im Drogenrausch

          Vergangenes Jahr soll Umar A. in Limburg einen Lastwagen in seine Gewalt gebracht und damit mehrere Autos gerammt haben. Am Freitag hat er die Tat gestanden.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.