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Krise des Fußball-Mittelstands : Genug Geld, aber kein Plan

Fredi Bobic, der neue Sport-Geschäftsführer der Hertha Bild: dpa

Mehr als zwölf Jahre ist es her, dass ein deutscher Verein das Finale der Europa League erreicht hat. Der Fall Hertha steht für die Krise des Mittelstands in der Bundesliga. Und die lässt sich nicht mit Geld erklären.

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          Im Januar 2020 konnte Krzysztof Piatek, ein Stürmer aus Polen, nicht nein sagen. Er war damals Stammspieler beim AC Mailand, aber es gab ein Angebot aus dem Ausland, das weder er noch sein Klub ausschlagen wollten. Der ausländische Bieter lockte mit einer 24-Millionen-Euro-Ablösesumme für Mailand und einem Fünf-Jahres-Vertrag für Piatek. Es war aber erstaunlicherweise keiner der Player aus der Premier League oder La Liga, den großen Fußballligen in England und Spanien, sondern einer aus dem Mittelstand der Bundesliga: Hertha BSC.

          Europa League

          Am Samstag, 20 Monate später, ist der 24-Millionen-Euro-Stürmer Krzysztof Piatek in der 83. Minute des Bundesligaspiels gegen RB Leipzig eingewechselt worden. Er hat in diesen finalen sieben Minuten drei Ballkontakte gesammelt. Und selbst wenn er drei Tore geschossen hätte, wäre seine Mannschaft an diesem Tag ohne Punkt geblieben. Als Piatek eingewechselt wurde, stand es schon 0:6.

          Am Fall Hertha BSC kann man momentan mal wieder sehen, wie wenig Bundesligavereine oft aus ihren vielen Möglichkeiten machen. Der Unternehmer Lars Windhorst hat laut eigener Aussage seit 2019 insgesamt 375 Millionen Euro in den Verein investiert. Das reicht nicht unbedingt, um den FC Bayern herauszufordern, müsste sehr wohl aber reichen, um in sechs Spielen nicht weniger als 18 Gegentore zu bekommen. So viele haben nicht mal die Neulinge Bochum und Fürth einstecken müssen. Und sie kaufen ihre Spieler nicht vom AC Mailand.

          Fehlleistung der Führungskräfte

          Es war nicht nur Piatek, der in der Saison 2019/2020 für viel Geld in die Hauptstadt gewechselt ist. Die Berliner zahlten damals laut dem Online-Portal „transfermarkt.de“ 25 Millionen Euro für Lucas Tousart, 20 Millionen Euro für Dodi Lukebakio, 18 Millionen Euro für Matheus Cunha und zehn Millionen Euro für Santiago Ascacibar. Am Samstag gegen Leipzig standen nur Tousart und Ascacibar in der Startelf. Lukebakio? Verliehen. Cunha? Verkauft. Immerhin für 30 Millionen Euro – ausgehandelt durch Fredi Bobic, dem neuen Sport-Geschäftsführer der Hertha, mit dem alles besser werden soll. Und dennoch kann man am Fall Cunhas auch die Fehlleistungen der Führungskräfte in Berlin erkennen: Sie scheiterten daran, das große Potential des Brasilianers frei- und einzusetzen.

          Sie sind in dieser Hinsicht nicht die Einzigen. Die Krise der Hertha steht auch für die Krise des Mittelstands in der Bundesliga. Man sieht das nicht national, sondern international. Anders als die Bundesliga ist vor allem die Europa League ein Wettbewerb, den man auch guten Gewissens so nennen kann. Es ist mittlerweile aber mehr als zwölf Jahre her, dass ein deutscher Verein das Finale der Europa League erreicht hat – und sogar 24 Jahre, dass eine deutsche Mannschaft das Finale gewonnen hat. Das lässt sich nicht mit Geld erklären.

          Die Bundesliga-Vertreter scheiden seit vielen Jahren regelmäßig gegen Klubs aus, denen sie finanziell überlegen sind. In der Saison 2019/2020 hat Hertha BSC – wenn man die Transfersummen von Zu- und Abgängen gegenrechnet – mehr Geld ausgegeben als der FC Sevilla, der dann die Europa League gewonnen hat. Zum vierten Mal in sieben Jahren. In Sevilla gibt es einen Plan – und Führungskräfte, die Jahr für Jahr das passende Personal rekrutieren. Warum gibt es keinen deutschen FC Sevilla? Es fehlt dem Mittelstand der Bundesliga nicht an Geld, sondern an Kompetenz und Konstanz.

          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

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