https://www.faz.net/-gtm-90xq9

Videobeweis als Ärgernis : Technischer Totalschaden

Sowohl technisch als auch inhaltlich besteht Nachholbedarf für den Videobeweis. Bild: AFP

Nach dem Totalausfall des Video Assistenten müssen nicht nur die Kriterien, wann und wie er zum Einsatz kommt, noch weiter geschärft werden. Doch eines darf dabei nicht vergessen werden. Ein Kommentar.

          2 Min.

          Von den vielen Hypothesen und Prognosen zur Einführung des Videobeweises hat sich eine fürs Erste als besonders haltlos erwiesen: Dass die neue Hilfe von oben den Fußball seiner Debattierfreude an der Basis beraube, wird nach diesem Spieltag niemand mehr ernsthaft behaupten wollen. Im Gegenteil. Nach der Premierenrunde in der Bundesliga lauteten die Fragen der (und an die) Experten nicht nur: Elfmeter oder nicht? Abseits oder gleiche Höhe? Gelb oder Rot?

          Vielmehr schob sich noch eine weitere Ebene darüber, die sich mit der Rolle der Regelhüter vor den Monitoren befasste: War das ein Fall für den Videoassistenten? Durfte oder musste er sogar eingreifen? Wieso tat er das hier, nicht aber dort? Manche strittige Szene ließ sich so, wenn man wollte, doppelt so lange wie bisher diskutieren.

          Das allerdings ist ebenso wenig im Sinne der Erfinder wie das ungleich größere Ärgernis des Wochenendes: Dass am Samstag gleich in allen fünf Nachmittagsspielen das Instrument ganz oder teilweise versagte, das helfen soll, den Menschen von seiner Fehlbarkeit zu befreien, ist ein technischer Totalschaden – der mit Recht der Deutschen Fußball Liga so peinlich war, dass sie nicht einmal 20 Minuten nach Abpfiff der Spiele ihrem Dienstleister, der englischen Firma Hawkeye, per Pressemitteilung einen schrillen Anpfiff verpasste. Erklärungen sind gefordert, wenn Hawkeye zu Wochenbeginn in Frankfurt zum Rapport antritt.

          Eines jedenfalls ist klar: Auch wenn, was manchmal vergessen wird, der Videobeweis offiziell immer noch im Test- und nicht im Regelbetrieb läuft, darf sich solch ein Desaster nicht wiederholen. Das Ziel, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, wird ad absurdum geführt, wenn der eine davon profitiert – wie die Bayern, die am Freitag gegen Leverkusen einen Elfmeter zugesprochen bekamen –, der andere aber nicht. Schon jetzt, könnte man sagen, ist das Bild verzerrt.

          Bundesliga-Tippspiel 2017/2018
          Bundesliga-Tippspiel 2017/2018

          Jetzt anmelden und gewinnen

          Sobald die Leitungen nach Köln wieder stehen, besteht aber auch inhaltlich Nachholbedarf. Die Kriterien, wann und wie der Videobeweis zum Einsatz kommt, müssen noch weiter geschärft werden, so dass das Procedere für alle nachvollziehbar und, vor allem, überall unter gleichen Bedingungen abläuft. Was sich aber schon jetzt abzeichnet, ist, dass der Ansatz, den Videobeweis besser sparsam als freigebig einzusetzen, der Richtige ist: als Ultima Ratio in Fällen groben Irrtums. So, wie am Freitag in München – und so, wie auch am Sonntag in Freiburg, als das vermeintliche Führungstor des Sport-Clubs gegen Frankfurt wegen Abseits nicht anerkannt wurde.

          Zwar kann man im Fall der Abseitsregel philosophisch trefflich darüber streiten, ob es überhaupt sinnvoll ist, die Wahrnehmung von der menschlichen in eine technische zu überführen. In der errechnete Linien millimetergenau Aufschluss darüber geben, ob der Angreifer eine Nasen- oder Fußspitze voraus ist. Über eine Regel also, die mit technischer Hilfe so haarklein ausgelegt wird, dass der Spieler auf dem Platz gar keine Ahnung mehr davon haben kann, ob er sie einhält oder nicht. Ganz praktisch aber kommt es am Ende darauf an, den Überblick zu behalten. Angesichts der Probleme, die offenkundig just die Kalibrierung der Linien bereitet, kann man daher nur eines hoffen: Dass das künstliche Auge dazu wirklich auch das Zeug besitzt.

          Weitere Themen

          Wolfsburg erlebt spät noch ein Debakel

          0:3 in Europa League : Wolfsburg erlebt spät noch ein Debakel

          Knapp fünf Monate nach dem 1:2 im Achtelfinal-Hinspiel der Europa League tritt der VfL zum Rückspiel bei Schachtar Donezk an. Zur Wende reicht es nach der Corona-Pause nicht mehr. Vielmehr bricht Wolfsburg am Ende völlig ein.

          Topmeldungen

          Der türkische Präsident mit seiner Ehefrau Emine in der Hagia Sophia

          Zukunft der Türkei : Kommt jetzt das Kalifat?

          Versperrte Wege: Wofür die Türkei dem Westen nicht mehr zur Verfügung steht und wohin sie unter dem „neuen Sultan“ treibt. Ein Gastbeitrag.
          Der Hauptangeklagte Stephan E. mit seinem Verteidiger.

          Geständnis von Stephan E. : „Es war falsch, feige und grausam“

          Eine schwere Kindheit, Jähzorn und Ausländerhass, der vom Vater übernommen sein soll. Nach dem Geständnis von Stephan E., Walter Lübcke erschossen zu haben, ist dessen Familie empört.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.