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Fußball-Trainer Streich : Freiburger Freigeist

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Der Gefühlsmensch hat sich nicht darum gerissen, die Profis zu trainieren

Der verstorbene Vorsitzende Achim Stocker sagte einst, vom jungen Christian Streich angesprochen, ob er denn mal eine Nachwuchsmannschaft trainieren dürfe: „Sie können mal in der C-Jugend vorbeischauen.“ Es wurde eine dauerhafte Verbindung. Heute ist er länger dabei als der frühere Rekordtrainer Volker Finke. Streich, Sohn eines Metzgers, gelernter Industriekaufmann, der über den zweiten Bildungsweg Abitur machte und anschließend Geschichte, Germanistik und Sport auf Lehramt studierte, wurde in Freiburg zu einem der renommiertesten Ausbilder des Landes.

Neben fußballerischen Fähigkeiten vermittelte er Werte, die sich der SC auf die Fahnen geschrieben hat: Gruppentauglichkeit, Rücksichtnahme, Respekt. Was neben dem Sport wichtig ist an der Freiburger Fußballschule fasst er so zusammen: „danke schön, bitte schön, Tisch abräumen“. Und „nicht so viel Angst haben“, neugierig sein. So wie er als junger Mann, der gerne durch die Welt gereist ist. Es hat ihn weitergebracht, nicht nur geographisch, denn „in anderen Ländern sieht es anders aus, es riecht anders, man lacht und heult anders“.

„Komplett unabhängig“

Er braucht auch nicht viele Worte, um deutlich zu machen, wie wichtig ihm die jungen Spieler immer waren. Nichts gegen Männer in den Vierzigern, er ist selbst 46. Andererseits: „Ich habe schon Zwölfjährige getroffen, die größere Persönlichkeiten waren als Vierzigjährige.“ Kein Wunder also, dass Streich, der für den FC Homburg in der Bundesliga eine Handvoll Spiele bestritten hat, keinen Berufsfußball brauchte, um zufrieden zu sein. „Ich habe mich auch als A-Jugendtrainer wie ein kleiner König gefühlt.“

Er ist ein Kauz mit dem Potential zum Kult

Am Spielfeldrand wirkt er eher wie Rumpelstilzchen. Streich ist immer noch ein Irrwisch an der Linie, er brüllt, gestikuliert, man macht sich Sorgen um seinen Blutdruck, wenn man ihn so sieht. Und er sagt schon, nach drei Monaten auf dem neuen Posten, dass er gar nicht wisse, wie lange er diesen Job machen könne. Zehn, fünfzehn Jahre seien aus heutiger Sicht jedenfalls nicht vorstellbar. Diese Offenheit ist typisch für ihn. Streich sei „komplett unabhängig“, sagt Manager Dufner, und er überlege nicht ständig, was er sagt und wie das verstanden werden könnte.

Der „Streich der Woche“

Allerdings gab es schon Ausnahmen. Streich, geboren in Weil am Rhein, ist von sich selbst als Gast im Fernsehen nicht immer überzeugt. „Red doch mal so, dass die Leute dich verstehen“, habe er sich schon gedacht. Aber dann merkte er, wie er sich plötzlich selbst in Frage stellte, sich untreu wurde - und dann entschied er, einfach zu bleiben, wie er ist. Und eben in breitem Alemannisch zu reden. Da mag er hundertmal Trainer in der Bundesliga sein.

Er will auch weiter mit dem Fahrrad zum Training fahren, ohne gleich als Sonderling zu gelten. „Ich finde es wahnsinnig lustig, dass darüber berichtet wird“, sagt er. Tatsächlich ist die Frage, wer hier sonderbar ist: ein Trainer, der ein paar hundert Meter entfernt vom Stadion lebt und regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, oder eine Branche, in der genau das manchem kurios vorkommt. Das gilt auch für seine Beschreibung eines Arbeitstages, die ohne Überhöhung auskommt: trainieren, umziehen, nach Hause fahren, einkaufen, Abendbrot, mit seinem Sohn spielen, der wird bald zwei. Eine ältere Tochter hat er auch noch, aber die ist schon siebzehn und macht bald Abitur.

In den Lokalmedien wird schon der „Streich der Woche“ veröffentlicht

Nein, es bleibt beim Alltag à la Streich, beim Fahrrad und beim Alemannisch. In Freiburger Medien gibt es inzwischen den „Streich der Woche“, Fußballansichten eines Freigeists. Eine der letzten ging um das Wesentliche im Fußball, frei von künstlicher Aufgeregtheit, also: gut trainieren, er nennt das üben, leidenschaftlich spielen, mit Anstand gewinnen oder verlieren. Mehr ist da nicht. Dieser Streich geht im Original so: „Übscht, spielscht, wirscht ja sonst verrückt, kommt eh nicht, wie du willscht.“

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