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Fußball-Talentreport (7) : „Das Schlimmste ist der Menschenhandel“

Lennart Hartmann (Mitte) spielt mittlerweile in der sechsten Liga und studiert Jura Bild: Imago

Junge Stars haben Deutschland zum Weltmeister gemacht. Aber das System, das sie hervorbringt, ist gnadenlos: Der Einzelne zählt nicht. Lennart Hartmann gehörte zu den Top-Talenten – und wurde aussortiert.

           Lennart Hartmann (24) ist der jüngste Bundesligaspieler in der Geschichte von Hertha BSC. Verletzungen und unglückliche Trainerwechsel haben ihn die Profikarriere gekostet. Jetzt studiert er Jura. 

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Lenny: Viele Leute fragen mich, wenn sie meine Geschichte hören, ob ich traurig bin, weil ich kein Profi geworden bin. Aber das bin ich nicht. Klar ist es schade, der ganze Fokus meines Lebens lag schließlich sehr lange auf einer Karriere, die ich dann doch nicht hatte. Jetzt bin ich in ein komplett neues Leben gewechselt, ich studiere Jura im vierten Semester. Und natürlich ist es etwas völlig anderes, ob du ständig mit 20 Typen in der Kabine hockst oder mit 450 Leuten im Hörsaal. Ich merke jetzt aber auch, wie der soziale Aspekt in meinem Leben eine ganz andere Rolle spielt. Ich kann an der Uni Gespräche führen, die ich auf dem Fußballplatz in hundert Jahren nicht hätte führen können. Das ist ein echter Gewinn.

          Es stand mal über mich in der Zeitung, dass ich nicht mehr ins Olympiastadion ginge, weil ich so frustriert bin, da ich es nicht in den Profifußball geschafft habe. Aber so ist es nicht, zumindest nicht ganz so. Ich habe kein Problem, ins Stadion zu gehen, um mir Fußball anzuschauen, aber ich habe ein Problem, mich dort mit Leuten aus dem Verein zu unterhalten, die mich in Jugendjahren hochgejubelt und dann eiskalt fallengelassen haben. Ich bin ja nicht der einzige, dem das passiert ist, das ist aus meiner Generation vielen so gegangen.

          „Alles ging wahnsinnig schnell“

          Ab der U15 war ich so etwas wie ein Star in der Hertha-Jugend. Ich wurde vom DFB mit der Fritz-Walter-Medaille ausgezeichnet, spielte von der U16 bis U20 in allen Nationalteams und war bei Hertha ein Liebling der Trainer. Die behandelten mich irgendwann auch anders als die anderen. Wenn ich zum Beispiel mal von vier Trainingseinheiten dreimal nicht da war, habe ich trotzdem gespielt, aber so eine bevorzugte Behandlung ist nicht gut, das führt immer zu Neid und Missgunst.

          Mit 17 Jahren, vier Monaten und 14 Tagen war ich dann der jüngste Bundesligaspieler in der Geschichte von Hertha. Das stand damals in allen Berliner Zeitungen. Ich wurde im August 2008 in Frankfurt im ersten Saisonspiel von Lucien Favre eingewechselt. Ich habe das aber kaum wahrgenommen, das ging alles so wahnsinnig schnell. Ich kam rein beim Stand von 2:0, wir haben das Spiel gewonnen, das war super, auch wegen der Prämie, das war viel Geld für mich. Alles echt der Wahnsinn, ich ging ja noch zur Schule.

          In der Saison 2009/2010 zählte Hartmann (dritte Reihe, Zweiter von rechts) noch zu den Hoffnungsträgern im Kader von Hertha BSC

          Aber das Schwierigste ist nicht, oben anzukommen, sondern oben zu bleiben. Ich habe ein paar Spiele gemacht, auch im DFB-Pokal und in der Europa League, habe mich pudelwohl gefühlt. Die Mannschaftskollegen sind dann deine besten Freuden, alles ist gut. Aber wenn du dann rausfällst, verstehst du die Welt nicht mehr. Am zweiten Spieltag gegen Bielefeld saß ich auf der Bank, und dann ging das mit den Verletzungen los. Ich hatte monatelang Schmerzen in der Hüfte.

          Doch anstatt mich aufzubauen, wurde ich von einem Physiotherapeuten zur Sau gemacht. Dass ich mich nicht richtig ernähre, hat er gesagt, dass ich also irgendwie selbst schuld an der Verletzung wäre. In so einer Phase, wenn man gerade 17 Jahre alt ist, und den Männerfußball kennenlernt, steht man doch sowieso schon unter Druck. In dem Alter braucht man Zuspruch, da braucht man jemand, der einem die Richtung vorgibt. Mit 17 ist man doch noch kein Profi, da ist man ein Jugendlicher. Das wird oft vergessen.

          Ich war damals täglich mit Mannschaftskollegen zusammen, die sich nur darüber unterhalten haben, welches Auto sie fahren und welche Frauen sie mit nach Hause nehmen. Da beschäftigt man sich plötzlich mit solchen Dingen, und versucht, genauso zu leben. In Sachen Party habe ich das dann auch gemacht, und das war natürlich auch super. Da habe ich mich schon sehr verändert in dieser Zeit. Krass fand ich immer, wenn wir mit der Mannschaft feiern waren, wie die Frauen auf Profispieler reagiert haben. Das ist schon eine ganz eigene Welt.

          Wegen der Hüftverletzung war ich zunächst sieben Monate raus, und wer in diesem Alter sieben Monate raus ist, der muss eine Menge aufholen. Favre hat fast jede Woche einmal angerufen, um zu fragen, wie es mir geht. Seine Nachfolger haben das nicht gemacht, und dann verliert man schnell den Anschluss ans Team, man fühlt sich abgehängt. Aber auch unter Favre hat sich im Alltag niemand wirklich gekümmert. Das einzige, was gut war in dieser Phase, war die Verbindung zwischen Bundesliga und Schule. Das lag allein an Favre, der sagte, dass wir unbedingt die Schule machen sollen. Er hat uns dann einen Plan gegeben mit Extra-Lehrern, was der Manager dann in die Tat umgesetzt hat. Jetzt höre ich aber von Hertha-Spielern, dass sie wieder dazu gedrängt werden, die Schule abzubrechen.

          Favre musste dann bald gehen, und sein Nachfolger war Friedhelm Funkel, der bekanntlich nicht auf junge Spieler setzt. Und wenn es dann nach so einer Verletzung auch mit dem Trainer nicht stimmt, wird es immer schwerer. Einmal kam ein bekannter Spielerberater im Stadion zu mir. Er sagte, ich habe da was für dich, und wenn du zu mir kommst, können wir es durchbringen. Er hat mir dann den Bundesligaklub genannt, und weil ich immer loyal zu meinem Berater war, habe ich ihm das gesagt. Mein Berater hat dann auch bei diesem Klub angerufen, alles wurde ausgehandelt: Gehalt, Vertragsdauer, Unterschriftsort. Aber kurz vor dem Termin hat sich der Manager des Klubs nicht mehr gemeldet, er rief gar nicht mehr zurück. Er wollte offensichtlich nur mit einem bestimmten Spielerberater kooperieren, nicht mit meinem.

          „Es gibt nicht den einen einzigen Grund“

          Wenn ich heute darüber nachdenke, warum es bei mir mit dem Profifußball nicht richtig geklappt hat – ich habe es noch ein paar Jahre bei Alemannia Aachen und dem SV Babelsberg versucht – dann gibt es bei mir nicht den einen einzigen Grund, der alles erklärt. Bei mir kamen verschiedene Komponenten zusammen: Verletzungen, Trainer und der Umstand, wie die Dinge zusammen fielen. Als ich zum Beispiel in Aachen war, wurde auch dort der Trainer entlassen – sein Nachfolger war wieder Funkel.

          Ich war aber auch wirklich verletzungsanfällig. Es war nicht nur die eine schwere Hüftverletzung, mit der ich zu kämpfen hatte. Wenn es dann mal wieder gut lief, meldete sich die Leiste, dann wieder die Hüfte und dann wieder die Leiste. In der Jugend hatte ich nie Probleme. Die Verletzungen sind erst aufgetreten, als ich bei den Profis war. Später hat ein Spezialist herausgefunden, dass ich einen Fehler in meiner Hüftstellung habe, vermutlich von Geburt an. Das hatte aber zuvor niemand bemerkt, und dass die Beschwerden durch die hohe Trainingsintensität, die man in der Zeit zwischen Jugend- und Männerfußball hat, dann ausgebrochen sind, sei völlig klar gewesen. Seit ich bei TeBe Berlin in der sechsten Liga spiele, mit nur dreimal Training in der Woche, ist es okay, aber bei fünf Einheiten hat mein Körper nicht mitgemacht.

          Bei TeBe Berlin trainiert Hartmann (links) nur noch drei Mal pro Woche – seinem Körper tut das gut

          Heute schaue ich ganz anders auf das Fußballgeschäft. Ich sehe jetzt auch die Schattenseiten. Als Kind sieht man immer nur den Glanz, die vollen Stadien, den Hype um die Spieler, die schöne, heile Welt. Aber das ist nur ein Bruchteil der Realität. Das Schlimmste finde ich den Menschenhandel, den betitelt zwar kaum einer so, aber viele empfinden es genau so. Es wird überhaupt nicht auf die Emotionalität der Spieler geachtet, es geht nur ums Geschäft.

          Es macht natürlich einen Unterschied, wenn man schon mal einen Profivertrag über vier, fünf Jahre hatte. Dann rutscht man nicht mehr so schnell raus aus dem System. Aber an der Schwelle, wo ich mich und viele andere befunden haben, ist es sehr schwer. Die Abhängigkeit ist da wahnsinnig groß. Man muss es irgendwie schaffen, einen zweiten Bundesligavertrag zu bekommen, erst dann eröffnen sich neue Wege. Das sind die entscheidenden Jahre.

          Der Unterschied zwischen denen, die zu Stars werden, und denen, die es nicht schaffen, ist wahnsinnig schmal. Das kann man manchmal gar nicht verstehen

          Ich habe trotzdem viel aus dem Fußball mitgenommen, gerade in so Sachen wie Disziplin. Wer jeden Tag morgens zur Schule geht, dann zur Hausaufgabenbetreuung, zum Training und abends zuhause lernt, der gewöhnt sich diesen Rhythmus an. Ich merke, wie mir meine Disziplin jetzt auch in der Uni hilft. Viele gehen abends weg, aber mir fällt es nicht schwer, zuhause zu bleiben, wenn ich lernen muss. In meinem Studium möchte ich in Richtung Zivilrecht gehen, aber was ich später genau machen will, kann ich noch nicht sagen. Mit TeBe sind wir jetzt Tabellenführer, wir haben einen Punkt Vorsprung. Es sieht ganz gut aus für den Aufstieg, würde mich echt freuen, wenn’s klappt mit der Oberliga.“

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