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Fußball : Rhein oder Main?

Bild: REUTERS

Wer ist im Ballungsraum Rhein-Main die Nummer 1? Eintracht Frankfurt empfängt am Samstag um 18.30 Uhr Mainz 05 zum Derby, das gar keins ist. Und dennoch geht es für die Eintracht um die Abwehr einer besonderen Herausforderung.

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          Für Michael Skibbe müsste Mainz 05 an sich mit unangenehmen Erinnerungen verknüpft sein. Am 30. August 1986 verlor der Trainer der Frankfurter Eintracht gegen genau diesen Gegner nicht nur ein DFB-Pokalspiel bei einem damals drittklassigen Team, sondern all seine Hoffnungen auf eine große Karriere als Spieler. In der 27. Minute bei jener 0:1-Niederlage musste Skibbe nach einem bösen Foul vom Feld – und er kam nie wieder zurück. Nach nur 14 Bundesligaspielen für Schalke 04 endete die Laufbahn des talentierten Mittelfeldspielers wegen eines Meniskusschadens im Alter von gerade mal 21 Jahren abrupt.

          Dennoch äußert sich der höfliche Skibbe vor dem Nachbarschaftsduell gegen Mainz 05 alles andere als verbissen. „Das ist eine ganz sympathische Bundesliga-Mannschaft. Eine Rechnung habe ich da nicht mehr offen.“

          Selbst der Eintracht-Trainer nutzte also nicht die Gelegenheit, um etwas Brisanz in das Duell der beiden rund vierzig Kilometer voneinander entfernt beheimateten Nachbarn aus dem Rhein-Main-Gebiet zu bringen. So treffen sich die beiden einzigen Bundesligaklubs aus der Region an diesem Samstag ohne größere Dissonanzen zu einem als Derby angekündigten Spiel. Dabei gibt es im Rhein-Main-Gebiet nur ein Derby mit Tradition, eines, das von der Rivalität zwischen den mainischen Nachbarn Frankfurt und Offenbach angeheizt wird.

          Bislang jubeln die Mainzer mehr als die Frankfurter

          Mainz dagegen liegt an einem anderen Fluss, in einem anderen Bundesland und ist erst in den letzten Jahren zu einem ernsthaften Gegner für die Eintracht gewachsen. „Dass es bislang so ruhig ist, liegt auch daran, dass wir beide derzeit keine großen Sorgen in der Tabelle haben“, sagt Eintracht-Vostandschef Heribert Bruchhagen. „Bei früheren Duellen ging es immer unmittelbar gegen den Abstieg.“ Entsprechend verkrampft verliefen die bislang vier Duelle in der ersten Liga: Alle endeten unentschieden, in der Frankfurter Arena gab es bislang in 180 Minuten nicht einmal ein Tor zu bejubeln.

          Herausforderer aus Mainz

          Über Treffer des eigenen Teams will sich Thomas Tuchel freuen. Der Trainer von Mainz 05, wie sein Gegenüber aufgrund einer Knieverletzung zum frühzeitigen Wechsel vom Spielfeld auf die Trainerbank gezwungen, plant den großen Coup des ersten Sieges einer Mainzer Mannschaft im Stadion des großen Frankfurter Nachbarn. „Im Moment stehen wir verdientermaßen vor der Eintracht“, sagt Tuchel. „Am Samstag wollen wir den Unterschied auf den Platz bringen und auch nach dieser Partie verdient vor Frankfurt stehen.“

          Die Mannschaft aus der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt hat vor allem mit Siegen und Teilerfolgen gegen die Spitzenmannschaften der Liga Ausrufezeichen gesetzt, während die Eintracht seit Jahren vornehmlich Punkte gegen Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte gewinnt. An dieser Situation konnte auch der vor Saisonbeginn verpflichtete Skibbe bislang nur wenig ändern. Bislang gelang den Hessen lediglich ein Überraschungscoup am ersten Spieltag in Bremen.

          Tradition als Last, Unbekümmertheit als Freude

          Dabei hatte sich die Eintracht von Skibbe einen Effekt erhofft, der in Mainz unter dem erst fünf Tage vor Saisonbeginn verpflichteten Tuchel eingetreten ist. Skibbe sollte offensiven Schwung in die Mannschaft bringen. „Die Zuschauer sollen sich schon morgens darauf freuen, dass wir am Nachmittag spielen“, verkündete Skibbe forsch und versprach ein „Offensivspektakel“. Stattdessen droht die Eintracht auch im vierten Bundesligajahr in Folge die Aussagen ihres Vorstandschefs zu bestätigen. Bruchhagen redete immer wieder davon, dass die Machtverhältnisse in der Bundesliga „zementiert“ seien, die Eintracht auf Jahre hinaus zwischen Platz zehn und vierzehn anzusiedeln sei. Vor dem Nachbarschaftsduell nun ging er im Gespräch mit dieser Zeitung in die Offensive. „Warum sollten wir nicht mal überraschend Sechster werden?“ Bruchhagen, ein Bremser? „Das Bundesligageschäft“, sagt der in Personalunion als Sportlicher Leiter tätige Vorstandschef, „ist so ernsthaft und jeder Arbeitstag bei der Eintracht ist so schwierig, dass man nicht einfach als Gute-Laune-Onkel, als Gute-Laune-Bär rüberkommen kann“.

          Die Mainzer Emporkömmlinge sind frei von allzu unrealistischen Erwartungen ihrer Anhänger, die selbst die beiden vergangenen Jahre in der Zweitklassigkeit klaglos hingenommen haben. Die Ansprüche werden jedoch auch in Mainz steigen. Derzeit wachsen sie gar auf einem Acker vor der Stadt in den Himmel. Bis 2011 entsteht dort eine Arena, die dem Klub die Konkurrenzfähigkeit beispielsweise mit dem Rivalen aus Frankfurt ermöglichen könnte. Derzeit kann die Eintracht bei einem Personaletat von 25 Millionen Euro noch deutlich stärker in die Mannschaft investieren als die Nachbarn, die mit 15 Millionen auskommen. Nach Fertigstellung des Stadions können die Mainzer mit fast 35 000 Zuschauern und 30 Logen deutlich mehr Geld verdienen als bisher. „Aber selbst dann werden wir die Eintracht nicht überholen, weil Frankfurt eine ganz andere Stadt mit anderen Möglichkeiten ist“, sagt der Mainzer Präsident Harald Strutz. Dass die „Nullfünfer“ aktuell vor der Eintracht in der Liga gelistet sind, ist für Bruchhagen perspektivisch betrachtet nur eine Momentaufnahme. „Aber das darf natürlich kein Dauerzustand werden.“

          Wer ist im Ballungsraum die Nummer eins? Eintracht Frankfurt empfängt den FSV Mainz 05 zum Derby, das gar keines ist.
          Von Daniel Meuren
          und Ralf Weitbrecht

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