https://www.faz.net/-gtm-16ejy

Fußball-Nationalmannschaft : Ein Bayern-Block ist Löws Lösung

Wer darf nach Südafrika: Bis zum 1. Juni muss Joachim Löw seinen WM-Kader nochmal verkleinern Bild: dpa

In der schwierigsten WM-Vorbereitung der deutschen Fußball-Geschichte setzt Bundestrainer Joachim Löw auf sieben Münchner. Die spannendste Frage ist: Wird Butt die Nummer 1? Härtefall Hitzlsperger darf nicht mit zur WM.

          3 Min.

          Von null auf eins? Der verblüffende Aufstieg von Hans-Jörg Butt, der sich während der Fußball-Weltmeisterschaft bis vor drei Tagen noch als Sommerurlauber wähnte, könnte in der Nationalelf gerade erst begonnen haben. Nachdem Bundestrainer Joachim Löw den Bayern-Torhüter am Donnerstag neben Manuel Neuer und Tim Wiese bei der Nominierung seines erweiterten WM-Kaders wie erwartet in die südafrikanische Reisegruppe aufgenommen hat, überraschte er mit der Ankündigung, das nach der Absage von René Adler über die neue Nummer eins das letzte Wort noch nicht gesprochen sei.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Wir werden uns in aller Ruhe unterhalten, wie es aussieht“, sagte Löw, „jetzt ist dafür nicht der Zeitpunkt.“ Schon allein die Vorstellung, dass Butt im Fernduell mit Neuer und Wiese weitere Fakten schaffend am 24. Mai als deutscher Meister, Pokalsieger und Champions-League-Gewinner mit dem Rest des großen Bayern-Blocks zur Nationalmannschaft ins zweite Trainingslager nach Südtirol nachreist, mochte sich Löw am Nominierungstag gar nicht ausmalen. Er grinste lieber.

          Das Münchner Momentum ist nicht das einzige gute Argument für den Bundestrainer mit Blick auf die WM - und für Butt in der plötzlich ganz offenen Torwartfrage. Angesichts eines WM-Kaders, der ausgesprochen jung und bayerisch daher kommt, könnte die Erfahrung des 35 Jahre alten Bayern-Torhüters noch ein Zusatzplus sein. „Jeder, der bei der WM ist, will auch spielen. Und das war auch schon so, als ich vor zwei Jahren zum FC Bayern gekommen bin“, sagte Butt über seine Fähigkeit, Chancen zu nutzen, wenn sie sich ergeben.

          Tor: Manuel Neuer (FC Schalke 04)

          Thomas Hitzlsperger als schwierigste Entscheidung

          Den 21 Jahre alten Holger Badstuber vom FC Bayern und den Hamburger Dennis Aogo (23) nominierte Löw jedenfalls ohne Länderspielerfahrung für die Verteidigung, den Stuttgarter Christian Träsch (22), der erst eine Partie absolvierte, fürs Mittelfeld. „Der Kader ist das Resultat von monatelangen, wenn nicht jahrelangen Analysen, die wir gemacht haben. Wir haben in diese Spieler absolutes Vertrauen“, sagte Löw.

          Von den 27 Spielern, die der Bundestrainer vorläufig nominierte, müssen sich aber noch vier Feldspieler bis zum offiziellen Meldeschluss am 1. Juni von ihrem WM-Traum verabschieden, fünf weitere Nachwuchskräfte wurden nur für das Länderspiel in der kommenden Woche gegen Malta berufen.

          Die wohl schwierigste Entscheidung traf Löw, indem er Thomas Hitzlsperger eine weitere Enttäuschung zumutete. Der EM-Stammspieler verlor in dieser Saison erst sein Kapitänsamt in Stuttgart, dann seinen Platz in der Mannschaft, und auch der Wechsel zu Lazio Rom endete auf der Ersatzbank. Hitzlsperger schickte nun nur eine SMS zur Nationalelf, in der er dem Team Glück wünschte.

          Bundestrainer Löw: „Wir haben ein wirklich gutes Gefühl“

          Wie in einer Fußball-Regierungserklärung sprach der Bundestrainer in Stuttgart davon, „dass ich ziemlich sicher bin, dass es noch niemals so schwierig und kompliziert war“, eine deutsche Mannschaft auf die WM vorzubereiten. Der Kader sei genau nach seiner Philosophie und dem tragenden Prinzip Geschlossenheit formiert. „Wir haben ein wirklich gutes Gefühl, mit diesem Kader zum Turnier zu fahren“, sagte Löw und sprach optimistisch „von acht Wochen Gemeinsamkeit, 50 anspruchsvolle Trainingseinheiten und hoffentlich sieben hochbrisanten Spielen“. Das würde bedeuten: Endspiel.

          Damit kennen sich die Bayern wieder aus, davon können sie in diesem Jahr gar nicht genug bekommen. Neben Butt und Badstuber sind nun auch Lahm, Schweinsteiger, Müller, Klose und Gomez bei der WM dabei. Der Bayern-Block soll in Südafrika zu Löws Lösung werden, der angesichts der sonstigen Schwierigkeiten nur zu gerne auf den Bayern-Trittbretteffekt setzt. „Das ist gut, weil die Bayern sehr dominant aufgetreten sind, vor allem international. Sie strotzen vor Selbstbewusstsein“, sagte der Bundestrainer über die Blockbildung, mit der die Nationalelf traditionell gute Erfahrungen gemacht hat.

          „Am Telefon habe ich versucht, einen auf cool zu machen“

          Von Butt erhofft sich Löw Ruhe und Erfahrung, von Müller im Sturm nahezu unbesehen einen Qualitätssprung und von Neuling Badstuber eine Alternative auf der vakanten Innenverteidigerposition. Der Bundestrainer lobte ihn gleich so sehr, als wäre der Aufsteiger aus der Bayern-Jugend auch ohne Einsatz schon fast nicht mehr wegzudenken neben Mertesacker. „Er spielt sachlich, ruhig und ist auch taktisch besser geworden. Er macht sehr wenig Fehler und spielt mit einer Abgeklärtheit auch in den wichtigen Spielen.“ Das sind ziemlich genau jene Fähigkeiten, die auf dieser Position in der Nationalelf arg fehlten.

          Aber was heißt zuletzt? Seit November haben die EM-Zweiten nur ein einziges Länderspiel (0:1 gegen Argentinien) bestritten, was neben den zerrissenen Trainingslagern in Sizilien und Südtirol für Löw die Vorbereitung so unerfreulich macht. Er hätte in diesem Jahr nur zu gerne Badstuber, Müller, Kroos oder auch Aogo im Nationaltrikot weitere Erfahrungen sammeln lassen. Aber so hatte er immerhin den Überraschungseffekt auf seiner Seite. Aogo sagte nach dem Anruf von Löw gleich den Mallorca-Urlaub ab. „Am Telefon habe ich versucht, einen auf cool zu machen“, sagte Aogo, „aber hinterher habe ich mich riesig gefreut.“ Last Minute kann wirklich ganz schön sein.

          Weitere Themen

          Borussias neuer „Heiland“? Video-Seite öffnen

          Haaland vor Heimdebüt : Borussias neuer „Heiland“?

          Der junge Stürmer aus Norwegen wird von vielen BVB-Fans beim öffentlichen Training beobachtet – sein Debüt am Wochenende hat große Hoffnungen geweckt. Ist Erling Haaland der neue „Heiland“ für die Borussia?

          Deutschland gibt sich noch einmal einen Ruck

          Handball-EM : Deutschland gibt sich noch einmal einen Ruck

          Nicht das Beste, sondern das Nötigste zum Schluss: Die Handballspieler besiegen Tschechien zum Ende der Hauptrunde. Nun geht es mit einem guten Gefühl auf die weite Reise nach Schweden – zum Spiel um Platz fünf bei der EM.

          Topmeldungen

          Johnson vs. Trump : Die Ironie des Brexits

          Eigentlich sollten die britisch-amerikanischen Beziehungen nach dem Brexit enger werden. Doch Boris Johnson legt sich gleich an drei Fronten mit dem amerikanischen Präsidenten Trump an – und bleibt auf Linie mit Berlin und Paris.

          Über Krebs sprechen : Mama, stirbst du jetzt?

          Eltern, die schwer krank werden, wollen das oft ihren Kindern verheimlichen, um sie nicht zu belasten. Doch schont das die Kinder wirklich?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.