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Fußball made in Germany : Begehrteste Ware des teuersten Marktes der Welt

„So viel Geld bin ich nicht wert”: Dimitar Berbatow wird gejagt von englischen Top-Klubs Bild: REUTERS

Lange schien die englische Premier League die deutsche Bundesliga zu ignorieren. Mittlerweile hat jeder Spitzenklub von der Insel seine Importe. Die Begeisterung für die Spieler „made in Germany“ treibt bisweilen auch skurrile Blüten.

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          Auf dem teuersten Fußballmarkt der Welt ist er derzeit die begehrteste Ware. Mindestens zwei der Top-Klubs der Premier League, Manchester United und FC Chelsea, sind unverhohlen an Dimitar Berbatow interessiert. Auch Arsène Wenger, der Trainer des FC Arsenal, lobt den bulgarischen Stürmer über den grünen Klee: „Er hat immer Zeit auf dem Platz, und wenn du gegen ihn spielst, ist er stets da, wo du ihn nicht haben willst.“ Deshalb wollen ihn nun alle haben.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Berbatow sagt, er sei wütend über all die Transferspekulationen, die sich bis auf eine englische Rekordsumme von 30 Millionen Pfund hochgeschaukelt haben. „Eine solche Hysterie ist dumm“, sagt er und beteuert, bei Tottenham Hotspur bleiben zu wollen. „So viel Geld bin ich nicht wert.“ Doch der Markt ist heiß, und in England hat sich spät, aber nachhaltig die Meinung durchgesetzt, dass aus Deutschland auch im Fußball gute Exporte kommen. Nicht unbedingt deutsche Spieler, aber doch Qualität made in Germany.

          „Unser Kind heißt Dimitar - auch, wenn es ein Mädchen wird“

          Berbatow spielte fünf Jahre in Leverkusen, und als Bayer für den eleganten Stürmer 2006 über 16 Millionen Euro bekam, sah das wie ein glänzendes Geschäft für den Bundesligaklub aus. Doch Berbatow hat in England nur eine Saison gebraucht, um den Marktwert mehr als zu verdoppeln. Den größten Sympathiegewinn verbuchte er bei einem gewissen Ian Preedy, der dank der Tore des in seinem fiktiven Team spielenden Bulgaren beim „Fantasy Football“ der Zeitung „Sun“ 125.000 Pfund gewann und darauf seiner Freundin sagte, „dass wir unser nächstes Kind Dimitar nennen. Auch wenn es ein Mädchen ist.“

          Nur noch Bankangestellter in London: Jens Lehmann

          Dabei schien man in England die Bundesliga jahrelang fast zu ignorieren. Die Boom-Liga stillte den unersättlichen Bedarf an Ausländern eher in Frankreich, Portugal, den Niederlanden, Skandinavien oder in Osteuropa - auch weil in England kein deutscher Trainer arbeitete, der die Kenntnis seines Heimatmarktes hätte nutzen können. Erst der Elsässer Wenger änderte das, er holte 2003 Jens Lehmann, dann Alexander Hleb und Tomas Rosicky. Dem folgte in den letzten beiden Jahren, gepuscht von der Wiederaufwertung des deutschen Fußballs durch die WM, ein regelrechter Bundesliga-Boom auf der Insel.

          Viel Freue an Samba bei den Blackburn Rovers

          Überraschend daran ist, wie schnell sich einige Bundesliga-Abgänger in der stärksten Liga der Welt durchgesetzt haben - und das durchweg bei einem der acht führenden Klubs. Roque Santa Cruz etwa, nach acht satten Jahren von den Bayern ausgemustert, hat für die Blackburn Rovers in 25 Spielen 14 Mal getroffen. Er wurde nach acht Toren allein im Dezember als „Spieler des Monats“ in der Premier League ausgezeichnet.

          Sein Mannschaftskollege Christopher Samba, letzten Winter aus Berlin gekommener Kongo-Franzose, wurde auf Anhieb zur ersten Wahl in der Innenverteidigung von Blackburn. Er hat fünf wichtige Tore erzielt, zuletzt den Ausgleich beim 2:1-Sieg am Sonntag in Bolton. Für Trainer Mark Hughes war er ein Schnäppchen. Zentralverteidiger von Sambas Qualität kosten auf dem englischen Markt sonst mindestens das Zehnfache der 600.000 Euro, die er Hertha BSC bezahlte.

          Ist Schottland eine Sackgasse für deutsche Spieler?

          Auch ein anderer Berliner, der mit Helmut Rahn entfernt verwandte Deutsch-Ghanaer Kevin Prince Boateng, hat sich schnell etabliert. Als er für knapp acht Millionen Euro im Sommer zu Tottenham kam, mahnte er sich noch zur Geduld: „Ich kann froh sein, wenn ich in der ersten Saison zehn Spiele mache.“ Nun hat er schon 13 Einsätze im Mittelfeld der Spurs erhalten. Von einem Platz in der Premier League ist es meist nur noch ein kleiner Sprung bis zum Nationalteam, selbst bei einem Robert Huth (der zuletzt aber, von Verletzungen zurückgeworfen, in Middlesbrough etwas in der Versenkung verschwunden ist).

          „Wenn ich mich hier profiliere“, fand Boateng, „habe ich wahrscheinlich eine bessere Chance auf die Nationalelf.“ Einer, dessen Karriere im Nationalteam Ende 2005 abbrach, Andreas Hinkel, begründet seinen Wechsel von Sevilla zu Celtic Glasgow sogar ausdrücklich mit der Hoffnung, damit seine Länderspielkarriere neu anzufachen: „Wenn ich dort gut spiele, dann bin ich automatisch wieder dabei.“ Schottland galt früher als Sackgasse, Spieler wie Thom, Albertz, Klos oder Nerlinger gerieten dort aus dem Blickfeld des Nationaltrainers, doch auch das könnte sich ändern.

          Nur bei Olic und Petric sahen die Engländer nicht hin

          Jeder englische Top-Klub hat inzwischen seine Bundesliga-Importe. Bei Arsenal ist Lehmann nicht mehr gefragt, aber Hleb und Rosicky sind Fixsterne. Manchester United bezahlte den Bayern 25 Millionen Euro für Owen Hargreaves. Chelsea holte nach Michael Ballack, der sich nach langer Verletzungspause langsam durchsetzt, von den Bayern auch Claudio Pizarro (der bisher aber ähnlich glücklos agiert wie letzte Saison Khalid Boulahrouz, der, für 13 Millionen Euro aus Hamburg gekommen, nach einem Jahr nach Sevilla abgeschoben wurde).

          Im stargespickten Kader des FC Liverpool ist Andrej Woronin, im Sommer aus Leverkusen gekommen, noch keine feste Größe. Doch beim FC Everton hat sich der aus Dortmund geliehene Südafrikaner Steven Pienaar als große Verstärkung erwiesen. Und beim Aufsteiger der Saison, Manchester City, erlebt der deutsche England-Veteran, der seit fast zehn Jahren auf der Insel spielende Dietmar Hamann, einen dritten Frühling.

          Für englische Scouts ist die Bundesliga längst Pflichtprogramm. „Es ist von allen Ligen die, die der englischen Liga am ähnlichsten ist“, sagt Samba. Zu blöd nur, dass die Engländer ausgerechnet vor ihrem Spiel des Jahres ihre Bundesliga-Hausaufgaben nicht gemacht hatten. Jedenfalls wussten sie zu wenig über zwei Herren namens Olic und Petric. Die beiden Kroaten, der eine Hamburger, der andere Dortmunder, gaben Englands EM-Hoffnung den Rest. Und sorgten nebenbei dafür, dass der britische Bundesliga-Boom weitergehen dürfte.

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