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Fußball-Kommentar : Showdown in Neckarelz

Dreieinhalb Millionen bei Pocher: Zahlen, so verrückt wie bei Ronaldo Bild: dpa

Was ist noch Wahrheit, was Fiktion im deutschen Sommerpausen-Fußball? Vor dem Start der neuen Bundesligarunde sorgen die Fans hierzulande für Zahlen, die ähnlich verrückt klingen wie die von Cristiano Ronaldos Vorstellung in Madrid.

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          Wer braucht schon einen Cristiano Ronaldo, wenn es auch mit Arango, Bobadilla und Marx geht? 100.000 Menschen, so viele wie zur Präsentation des portugiesischen Fußballwunders bei Real Madrid, kamen am Wochenende zur Saisoneröffnung von Borussia Mönchengladbach. 100.000 waren es auch auf Schalke, immerhin 50 000 in Berlin und Stuttgart. Selbst Bayer Leverkusen lockte 30.000 Gäste auf den Flugplatz Kurtekotten, obwohl es auch dort – wie bei Partys dieser Art üblich – weniger um Fußball als um Konsum, seichte Gewinnspiele und ein bisschen Volksnähe in Form einer Autogrammstunde gegangen sein dürfte. Verrückte Zahlen, auf ihre Art nicht weniger phantastisch als die Transfersummen, die in den vergangenen Wochen auf dem Welt- wie auch auf dem nationalen Markt zusammengekommen sind.

          Dass der Fußball und die Bundesliga auch in Krisenzeiten brummen (zumindest an der Oberfläche), ist keine Überraschung. In der vergangenen Spielzeit stellte die Liga ihren siebten Besucherrekord nacheinander auf, und alles deutet darauf hin, dass es in der neuen Spielzeit nicht viel anders aussehen wird: Bei den verkauften Dauerkarten ist schon jetzt eine neue Rekordmarke erreicht, zwei Drittel der Klubs haben den Verkauf der Saisontickets gestoppt.

          Fußball als Doku-Soap seiner selbst

          Erstaunlich ist jedoch, in welchem Maße sich die Kundschaft in der Sommerpause – in Ermangelung des echten Produkts – auch von manchem Fußball-Surrogat in den Bann ziehen ließ: Dreieinhalb Millionen Zuschauer bei Sat.1 sahen am Samstag Oliver Pochers Juxspiel gegen den FC Bayern München – es war die beste Sportquote des Tages. Am Freitag hatte RTL das Testspiel der Bayern in Köln gleich ganz unsportlich als „Poldi-Party“ deklariert, die 90 Fußballminuten zwischen jeweils 30 Minuten Countdown und Highlights gepackt und damit praktisch das komplette Abendprogramm bestritten. Der Fußball als Doku-Soap seiner selbst?

          Die Poldi-Dokusoap: Hier im Supermarkt
          Die Poldi-Dokusoap: Hier im Supermarkt : Bild: dpa

          Was noch Wahrheit und was schon Fiktion ist, könnte man sich auch angesichts des Ballyhoos um das Pokalspiel der Bayern an diesem Sonntag bei der SpVgg Neckarelz fragen. Ein Fachblatt präsentiert seinen Lesern schon seit einigen Wochen die Rubrik „Neues aus Neckarelz“. Dort erfährt man etwas über ein E-Jugend-Spiel zwischen beiden Klubs vor 34 Jahren (2:1 für Neckarelz!) oder über das aktuelle Trainingslager der sechstklassigen Kicker – ausgerechnet in jenem Gasthof, in dem sich anno 1990 schon der FV Weinheim vor dem Pokalcoup gegen die Bayern vorbereitet hatte! Wartet da schon die nächste Sensation auf uns? Die Ankündigung der Neckarelzer Verantwortlichen, wonach man in den nächsten Tagen über eine Siegprämie verhandeln werde, passte da gut ins Bild. Die Realität, das ist klar, wird anders aussehen. Dafür aber gewiss auch viel mehr Spaß machen als so manche Inszenierung.

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