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Fußball-Kommentar : Der Fall Hopp

Gleichschritt war einmal: Rangnick und Hopp (r.) Bild: dpa

Der Abschied von Trainer Ralf Rangnick von der TSG Hoffenheim offenbart die wahren Machtverhältnisse im Klub aller „50+1“-Regeln zum Trotz. Der Verein ist Hopp.

          Der Abschied von Trainer Ralf Rangnick ist ein Abschied, wie ihn die Bundesliga noch nicht erlebt hat. Die Nachricht aus dem Kraichgau platzt in die Winterpause wie ein Neujahrsknaller – ein Knaller allerdings, der so nur in Hoffenheim zünden konnte. Klubfinanzier Dietmar Hopp hat entschieden, den Brasilianer Luiz Gustavo für rund 15 Millionen Euro an den FC Bayern zu verkaufen. Seinem Trainer hat er davon nichts erzählt, denn der war strikt dagegen. Aus Gründen der Selbstachtung hat Rangnick nach mehr als vier Jahren in Hoffenheim für sich ein Fußball-Kapitel beendet, das sich wie kaum ein anderes im deutschen Fußball ums Kapital dreht – und damit um die Frage, wer in einem Verein entscheidet. Die erste Trennung des Jahres ist daher auch eine Zäsur.

          Hopp besitzt offiziell kein operatives Mandat in Hoffenheim. Der Gustavo-Deal hat nun die ohnehin bekannten Machtverhältnisse in Hoffenheim belegt, die es nach dem Geist des Bundesliga-Grundgesetzes aber nicht geben darf. Die sogenannte „50 plus 1“-Regel hat zum Ziel, dass Vereinsgremien die Mehrheit in einem Klub stellen. Kein Investor soll in und mit einem Verein machen können, was er will. Es ist die Ironie der deutschen Fußballfinanz-Geschichte, dass ausgerechnet in dem Augenblick, in dem der Finanzier Hopp aufs Geld schaut, und nicht mehr den Mäzen spielt, seine faktische aber durch Buchstaben und Geist der Statuten nicht gedeckte Allmacht offensichtlich wird.

          In der Vergangenheit waren die Interessen von Hopp und Hoffenheim identisch. Hopp hat nach eigenen Angaben über die Jahre hinweg einen dreistelligen Millionenbetrag in sein Fußball-Projekt investiert. Die Steigerung der sportlichen Qualität war das offensichtliche Ziel. Da musste er keinen Widerspruch fürchten – jedenfalls nicht in Hoffenheim, nur von der Konkurrenz. Mit dem Verkauf des Brasilianers Gustavo an den FC Bayern aber tritt der ansonsten in der Branche altbekannte Zielkonflikt zwischen solider Finanzierung und sportlichen Ambitionen erstmals auch in Hoffenheim in den Mittelpunkt. Hopp hat ihn gelöst wie ein Unternehmer, nicht wie ein Gönner.

          Zu den Akten: Für Rangnick ist Hoffenheim erledigt

          Der Verein ist Hopp

          Hopp hat immer betont, dass sich Bundesligafußball auch finanziell lohnen kann. Er wollte nie ein Abramowitsch sein, der nur die Schecks zückt. Der Ausbildungsverein de Luxe, der junge Spieler auch für Topvereine anbietet, ist sein Hoffenheimer Geschäftsmodell. Vor Gustavo ist der Klub auf diese Weise auch schon so mit Carlos Eduardo verfahren. Gustavo kostete eine Million Euro und bringt nun fünfzehn, Eduardo erzielte ein nicht ganz so gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis – aber genau so soll Hopps Refinanzierung dauerhaft funktionieren. Der Gönner ist und bleibt auch Geschäftsmann.

          Hoffenheim reagiert auf den Interessenkonflikt geschäftlich kühl wie eine Firma, die bundesligataugliche Nachwuchskräfte für den deutschen und europäischen Markt produziert. Der sportliche Leiter quittiert angesichts von unterschiedlichen strategischen Vorstellungen den Dienst im „beiderseitigen Einvernehmen“, sein Assistent übernimmt. Widerspruch in der Organisation ist nicht zu vernehmen. In einem Fußballverein, in dem es Opposition und Tradition gibt, würde ein Fall Gustavo/Rangnick, der eigentlich ein Fall Hopp ist, nicht ohne demokratische Turbulenzen abgehen. Geahnt hat man immer, nach welchem Grundsatz das Reich Hopp in mitten einer demokratischen Fußballwelt regiert wird: Der Verein bin ich.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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