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Fußball in Deutschland : Der Bundesliga-Fan will Fußball pur

Wer wird in dieser Saison deutscher Fußball-Meister? Bild: Picture-Alliance

Die große Fußballwelt wird immer unübersichtlicher. Doch die Bundesliga ist nah, greifbar, ein Stück Heimat. Man braucht das in diesen Zeiten, in denen Funktionäre und Milliardäre das populärste Spiel der Welt immer mehr zu kontrollieren versuchen.

          Vor einem Jahr drohte der Bundesliga ein Abstieg. Die Nationalmannschaft war von der Weltmeisterschaft in Russland mit dem schlechtesten Resultat ihrer Geschichte zurückgekehrt. Der Videobeweis hatte in seiner ersten Saison wegen mangelnder Transparenz und erratischer Anwendung viele verwirrt, ja verärgert. Und an der Tabellenspitze drohte abermals Langeweile. Bayern München hatte die Meisterschaft zum sechsten Mal nacheinander gewonnen. Und in Gestalt des Hamburger SV und des 1. FC Köln waren auch noch zwei der populärsten Vereine abgestiegen. Viele befürchteten eine triste Saison.

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          Doch so schlimm wurde es gar nicht, im Gegenteil. Mit Borussia Dortmund erstand dem plötzlich wankenden Serienmeister ein echter Gegner. Teams wie Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt spielten mit neuen Trainern mutigen Angriffsfußball. Und die Bayern taten dem Rest Deutschlands den Gefallen, sich ein paar Monate lang selbst zu schwächen, mit kläglichen Leistungen im Herbst, einer peinlichen Pressekonferenz der Klubführung, in der Artikel 1 des Grundgesetzes bemüht wurde, und einer Mitgliederversammlung, in der Hoeneß-Gegner eine nordkoreanische Fahne mit den Worten „Not my president“ präsentierten. Am Ende raufte man sich in München wieder zusammen und holte auf der Zielgeraden den Titel. Doch es wurde die spannendste, unterhaltsamste Saison seit vielen Jahren. Und die Zuschauerzahlen blieben die besten Europas.

          Natürlich ist nicht alles gut geworden. Nur nicht so schlecht wie gedacht. Der Rückstand auf die englischen und spanischen Spitzenklubs ist größer geworden, in der Champions League wie auf dem Transfermarkt. Seit Jahren ist es Bundesligaklubs nicht mehr gelungen, Weltklassespieler im besten Fußballalter zu verpflichten, ausgereift und auf dem Zenit ihres Könnens. Die letzten, in ihrer besten Zeit, waren Franck Ribéry und Arjen Robben, die nun, mit Mitte dreißig, gegangen sind. Doch vielleicht überschätzt man die Wirkung internationaler Konkurrenzfähigkeit auf nationales Interesse. WM-Debakel und Champions-League-Pleiten scheinen der Nachfrage der Deutschen nach ihrem ältesten Unterhaltungsklassiker nicht viel anhaben zu können.

          Die Institution Bundesliga wirkt so stabil, so sehr in der Mitte der Gesellschaft verankert, dass sie nahezu alle Ausschläge der sportlichen Konjunktur schadlos aushält. Nicht nur dem reinen Fußballpublikum liefert sie eine Grundversorgung an Gesprächsstoff jeder Art, jedes Niveaus, von banal bis fundamental. Vom Transfer-Tratsch bis zur Taktik-Kryptographie, vom Palaver über Aufstellungen bis zur Erregung über mikroskopische Handspiele, von der Kunstkritik rätselhafter Tintensymbolik auf tätowierten Männerkörpern bis zum Fremdschämen für peinliche Äußerungen wie die des Schalker Aufsichtsratschefs Clemens Tönnies über die Fortpflanzung von Afrikanern – jeder, der will, findet in diesem prallen Programm etwas, über das er mitreden kann.

          Bundesliga-Tippspiel 2019/2020
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          Die Liga ist nah, greifbar, ein Stück Heimat. Man braucht das in diesen Zeiten, in denen Funktionäre und Milliardäre das populärste Spiel der Welt immer mehr zu kontrollieren, zu globalisieren versuchen. Die große Fußballwelt wird immer unübersichtlicher. Die nächste Europameisterschaft, im Sommer 2020, richten nicht, wie bisher, ein oder zwei Länder aus, sondern zwölf, darunter eins in Asien, Aserbaidschan. Die nächste Weltmeisterschaft, 2022 in Qatar, wird nicht mehr wie gewohnt zur Sommerzeit zum hereinwehenden Geruch von Grillgut ins Wohnzimmer flimmern, sondern zu dem von Adventskerzen. Die übernächste, 2026 in Nordamerika, wird von 32 auf 48 Teilnehmernationen aufgebläht sein.

          Den Größenwahn der Welt hält man nicht auf. Doch daheim, in seiner Bundesliga, mag der Fußballfreund keine Veränderung, und sei sie noch so marginal. So werden die erst 2017 eingeführten Montagsspiele, gerade mal fünf von 306 Saisonpartien, Ende der nächsten Saison wieder abgeschafft. Auch bei der lautstarken Empörung des Publikums über die Versuche, Halbzeitpausen wie beim Pokalfinale 2017 mit seichtem Pop zu amerikanisieren, hat man genau hingehört und auf weitere Versuche verzichtet. Der Fan will Fußball pur.

          Wenn man das beachtet, gelingt diesem Sport bisher etwas, woran viele andere Unterhaltsangebote in Zeiten der Digitalisierung scheitern. Er zeigt Anpassungsfähigkeit, ohne den Kern seiner Popularität preiszugeben. Es ist die dem Fußball eigene Mischung aus atemloser Veränderung und sturem Beharren. Die Veränderungen sind personell, das Beharren ist strukturell. Allein zu Beginn dieser Saison gibt es acht neue Trainer in der Bundesliga, die am Freitagabend mit dem 2:2 von Meister FC Bayern gegen Hertha BSC begann. Doch die Fundamente, der Zeitrahmen, die Rituale, die Vereinssympathien, die Antipathien, die Farben, die Aufgeregtheiten über Banales, all das bleibt bisher nahezu unverändert. Selbst der Videobeweis wird einem Publikum, das immer mehr Zeit vor Bildschirmen verbringt, im dritten Jahr immer vertrauter vorkommen. So schafft der Fußball ein Unterhaltungsangebot für ein Publikum, das keine großen Veränderungen will, aber ständig Abwechslung. Der Fußball liefert beides.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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