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Fußball im Fernsehen : Journalisten in der Abseitsfalle

Wer wird künftig Fußball zeigen? Bild: ddp

Um die kostbare Fernsehware Bundesliga zeichnet sich ein Bieterkampf ab. Es wird viel Geld im Spiel sein. Die journalistischen Standards künftiger Fußballberichte im Fernsehen werden dabei eher eine Nebenrolle spielen.

          Noch ist die Bankgarantie für Leo Kirch in Höhe von fünfhundert Millionen Euro nicht bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) eingetroffen. Noch ist deren Ausschreibungstext für den Erwerb der Fernsehfußballrechte an der Bundesliga von 2009 an nicht fertiggestellt, geschweige denn versandt. Noch ist über die Beschwerde des Bezahlsenders Premiere beim Bundeskartellamt gegen die Pläne von DFL und Leo Kirchs Firma Sirius nicht entschieden. Noch ist die gemeinsame Produktionsfirma von Sirius und DFL nicht gegründet, die vom kommenden Jahr an die Spiele der Bundesliga journalistisch und redaktionell aufbereiten soll, um sie dann den Kanälen des Pay-TV, den Kabelnetzbetreibern und den Anbietern von Internetfernsehen zu offerieren.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Noch also ist vieles nur spekulativ zu erörtern - gleichwohl erhitzt der für die kommenden Wochen und Monate sich abzeichnende Bieterkampf um die kostbare Fernsehware Bundesliga schon längst die Gemüter und wird noch für geraume Zeit zu täglich neuen Phantasievorstellungen, Vermutungen und Mutmaßungen führen. Aktuell spekuliert wird etwa über die Summe, die die ARD künftig für den Erhalt ihres samstäglich-vorabendlichen Kulturgutes namens „Sportschau“ zu zahlen bereit ist - hundertdreißig statt bisher hundert Millionen Euro oder doch etwas, vielleicht gar entschieden mehr? Spekuliert wird darüber, ob der frei empfangbare Privatsender RTL auch mit aufs Spielfeld will. Und spekuliert wird nicht zuletzt über das Ausmaß, in dem sich der einzelne Spieltag der Bundesliga zerstückeln lässt, um möglichst viele, nicht untereinander konkurrierende Live-Übertragungen möglich zu machen, die dann ihrerseits der DFL, vor allem jedoch dem DFL-Partner Sirius zu höheren Einnahmen verhelfen.

          Drei Milliarden Euro für die DFL

          Tatsache ist, dass Leo Kirchs Firma der DFL für sechs Spielzeiten von 2009 an jährlich fünfhundert Millionen, in toto also drei Milliarden Euro zu überweisen hat, dass dafür jeweils zu Jahresbeginn eine Bankbürgschaft zu erbringen ist - und dass der Zwischenhändler Sirius naturgemäß bestrebt sein muss, den an die DFL überwiesenen Betrag durch Weiterverkauf seiner Ballware zumindest auszugleichen, am besten aber gewinnbringend zu übertreffen. Klar ist schließlich auch, dass deshalb in Zukunft die Fernsehvermarktung des Profifußballs in Deutschland sechzig Millionen pro Jahr mehr erbringen muss - bisher erzielt die DFL durch den Rechtemix an Premiere, ARD, ZDF und DSF 440 Millionen Euro.

          Der Zauberbegriff zur Ertrags- und letztlich auch Gewinnmaximierung hört sich ziemlich bürokratisch an, hat es aber ins sich. Er lautet: „Diversifikation des entgeltpflichtigen Live-Bereichs“. Mit ihrer noch zu gründenden Produktionsfirma, heißt das zunächst, werden Sirius (51 Prozent der Anteile) und DFL (49 Prozent) die Bundesliga höchstselbst fernsehjournalistisch darbieten - sie werden also die Livebilder von den Spielen ebenso liefern wie den Reporterkommentar, die Interviews mit Spielern, Trainern und Managern sowie die jeweilige Spielanalyse in Vor- und Nachberichten. Aus dem Zwischenhändler Sirius wird so auch ein Fußball-Produzent - und aus der DFL, die die deutschen Profivereine der ersten und zweiten Liga vertritt, ein Berichterstatter in eigener Sache. Der jeweilige Reporter also ist ihr Angestellter, ebenso der Moderator im Studio und der Interviewer am Spielfeldrand - und die prominenten Exfußballer, die als Experten auftreten, zieren die Honorarliste der DFL, also die ihres eigenen Interessenvertreters.

          Zuschauer als Zwangsabnehmer

          Ist bei einer solcher Konstellation die journalistische Unabhängigkeit gewahrt, ja überhaupt noch möglich? Ist es nicht eher wahrscheinlich, dass die künftige Bundesliga-Berichterstattung im Fernsehen dem Sprichwort folgen wird: „Wes' Brot ich ess', des' Lied ich sing“? Wird, was ein Grottenkick war, künftig nicht nur schön bebildert, sondern aufgrund institutioneller Verquickung von Ereignis und Ereignisnachricht auch grundständig schön geredet? Was etwa würden wir von einem großen Buchverlag halten, der danach strebte, mit seinen Produkten auch gleich deren Kritik zu liefern - und wir wären die Zwangsabnehmer?

          Das so entstandene Eigenprodukt jedenfalls, dies ist der zweite Schritt, muss dann jeder weitere Rechtnehmer so ausstrahlen, wie er es erhält - allerdings nur dann, wenn er seinerseits die eigenen Kunden für den Empfang bezahlen lässt. Konkretes Beispiel: Der Bezahlsender Premiere bekäme für einen hohen dreistelligen Millionenbetrag zwar ein mehr oder weniger exklusives Senderecht für die Bundesliga, hätte auf den Inhalt der jeweiligen Sendung aber keinerlei Einfluss, weil er seine Zuschauer für den Empfang zur Kasse bittet. Die ARD, das ZDF, aber auch ein Privatsender wie RTL könnten, haben sie ihren Rechte-Obulus erst einmal entrichtet, mit der von Sirius und DFL gelieferten Ware dann zumindest in Grenzen machen, was sie wollen, weil sie eben zum Kontinent des „Free TV“ gehören. Sie hätten auch das Recht, eigene Reporter zu stellen und die Vor- und Nachberichte redaktionell selbst zu gestalten.

          Ein Monopol-Monopolist

          Der Entscheidung von DFL und Sirius, künftig selbst als Erzeuger eines redaktionellen Produkts aufzutreten, lag wohl die Idee zugrunde, das gegenwärtige Quasi-Monopol von Premiere bei der Live-Berichterstattung zu brechen. Legitim ist die Frage, ob da nicht ein Monopolist den anderen schlicht verdrängt - und darüber quasi zu einem Monopol-Monopolisten wird, der über beides verfügt: über den Fußball selbst und über dessen fernsehjournalistische Präsentation. Vor allem diese Frage ist es denn auch, die Premiere vom Bundeskartellamt geklärt wissen möchte. Die behördliche Antwort auf diese Frage sollte freilich alle Fans des Fußballs interessieren.

          Es wird heiß hergehen in den kommenden Monaten - und es wird viel Geld im Spiel sein. Die journalistischen Standards künftiger Fußballberichte im Fernsehen werden dabei eher eine Nebenrolle spielen. Diese Nebenrolle aber sollte uns sehr wichtig sein.

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