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Fußball-Glosse : Dialekt der kompromisslosen Verteidigung

  • -Aktualisiert am

„Bum-Bum in der 6. Liga”: Ailton Bild: dpa

Während Bayern-Spieler van Bommel für seine rhetorischen Fähigkeiten ausgezeichnet wird, macht sein Trainer van Gaal mit seinen Deutsch-Kenntnissen Furore. Einzig Ailton hält mit verbaler Bodenständigkeit den echten Fußball am Leben.

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          In Zeiten von Wettskandalen, Schiedsrichteraffären und Diskussionen um Tor-Kameras ist der strapazierte Fußballfan für alles dankbar, was den unverfälschten und ursprünglichen Fußball am Leben hält. Als Meister der verbalen Bodenständigkeit gilt seit jeher der brasilianische Kugelblitz Ailton, der es in Bremen, Hamburg, Duisburg und auf Schalke immerhin auf 106 Bundesliga-Treffer und eine Torjägerkanone brachte. Beliebt bei den Fans war er ohnehin und auch Journalisten wussten stets, woran sie waren: „Ein Schuss. Ein Tor. Das ist Ailton.“

          Inzwischen ist Ailton freilich mehr Maskottchen als Torjäger. „Ich mache jetzt Bum-Bum in der 6. Liga“, kündigte der Unverbesserliche an, bevor er unterklassig beim KFC Uerdingen anheuerte. An seiner unverblümten Wortgewandtheit änderte dies wenig. „Ich muss 35 Jahre alt, ich habe lange gespielt Fußball. Aber ich noch nie gesehen eine Spiel genau heute“, befand er nach seinem ersten Einsatz im sportlichen Nirgendwo - einem 1:1 gegen den Wuppertaler SV II. Und der Italiener Giovanni Trapattoni erlangte mit seiner Wutrede anno 1998 noch größere Popularität, die weniger der inhaltlichen Kritik, sondern vielmehr der sprachlichen Ungeschicklichkeit geschuldet war, seinen Ärger zu artikulieren.

          Lucio und die Waschmaschine

          Rein funktional genügt Spielern und Trainern ein derartiges Kauderwelsch - und dennoch sind sie auf ein Vokabular angewiesen, das über die Grundbegriffe Hintermann, Pass und Linie hinausreicht. Linguisten der Universität Dortmund haben ein Buch entwickelt, das den Spielern sowohl die korrekten Bezeichnungen aller am Ballspiel beteiligten Körperteile nahe bringt als auch grundlegende Konversationen beim Warmmachen ermöglicht: „Sieh mal, Dimitri! Das Stadion ist ausverkauft. Es herrscht eine tolle Atmosphäre!“ - „Ja, stimmt. Ich glaube der Nationaltrainer sitzt auf der Tribüne. Ich bin ziemlich aufgeregt.“

          Lucio: Kein Mann für die Waschmaschine
          Lucio: Kein Mann für die Waschmaschine : Bild: REUTERS

          Das Werk vermittelt nur das Vokabular für den Alltag eines Profifußballers, der sich einzig und allein um den grünen Rasen dreht. Als der ehemalige Leverkusener Verteidiger Lucio in einem älteren Lehrbuch das Bild einer Waschmaschine erblickte, konnte er damit wenig anfangen: „Lass mich damit zufrieden.“ Ein Lucio betätigt sich nicht an Waschmaschinen, sondern an gegnerischen Angreifern. Besonders fein artikulieren muss er sich da natürlich nicht, es genügt der Dialekt der kompromisslosen Verteidigung.

          Sprite statt Champagner für Ailton

          Auch der Bayern-Sechser Mark van Bommel räumt gerne robust und rustikal vor der eigenen Abwehrreihe auf. Nach getaner Arbeit gibt er sich offenbar umso kultivierter und wurde nun für seine kommunikativen Kompetenzen geehrt. Die „Vrijen Universiteit Amsterdam“ untersuchte anhand von Fernsehinterviews die Sprachgewohnheiten von sechsundzwanzig niederländischen Nationalspielern. Van Bommel erhielt viel Lob: Er sei rhetorisch stark, benutze keine Floskeln und analysiere Spiele unmittelbar nach dem Abpfiff sehr sachlich.

          Sachlichkeit ist auch für van Bommels Trainer in München ein wichtiges Gut: Louis van Gaal kann seinen Ärger über unvorbereitete oder provokante Journalistenfragen nur schwer verbergen. Der Niederländer selbst glänzt dagegen mit Fortschritten in Sachen Sprachfertigkeit: Vor wenigen Wochen wurde der Coach hierzulande als „Sprachwahrer des Jahres 2009“ ausgezeichnet.

          Van Gaal besteht auf Deutsch als Amtssprache innerhalb der Mannschaft, paukte im vergangenen Sommer eine Woche lang Verben und Worte - und bereitete seine erste Pressekonferenz intensiv mit einer Privatlehrerin vor. Es scheint nur konsequent, dass van Gaal unlängst öffentlich damit liebäugelte, die deutsche Auswahl zu trainieren. Von Nationalmannschaft und Sprachpreisen ist Ailton noch weiter entfernt als von der fußballerischen Erstklassigkeit. Das traurige Zwischenfazit: „Bundesliga ist Champagner. 6. Liga ist nur wie Sprite.“

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