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Fußball-Derby in Hamburg : In voller Alarmbereitschaft

  • -Aktualisiert am

Im Blickfeld der Polizei: Anhänger des FC St. Pauli, hier im März 2019 Bild: dpa

Das Duell zwischen dem FC St. Pauli und dem Hamburger SV ist eines der brisantesten im deutschen Fußball. Während der HSV um den Aufstieg kämpft, plagen St. Pauli Abstiegssorgen. Präsident Göttlich ist dennoch optimistisch.

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          Stetigkeit, Sachlichkeit – Begriffe, die man nicht unbedingt mit dem FC St. Pauli in Verbindung bringt. Präsident Oke Göttlich will diese tragenden Säulen im Klub-Gebäude unbedingt einziehen. Ein stetes Hire and Fire soll durchbrochen werden, denn unterschiedliche hauptamtlich Verantwortliche haben in den vergangenen Jahren zu keiner sichtbaren Verbesserung in der Enge der zweiten Liga geführt. Deswegen: Weniger Spieltagsabhängigkeit, mehr Entwicklung im Kerngeschäft.

          2. Bundesliga

          Dieser Wille, diese Ambition ist spürbar im Verein, der an manchen Stellen immer noch stark in der Vergangenheit verankert ist. Nicht nur „braunweiße DNA“ also braucht es oder allein modernes Management, um den FC zukunftsfit für das dritte Jahrzehnt im Bundesliga-Fußball zu machen. Das Beste aus beiden Welten schwebt Göttlich vor.

          In allen wirtschaftlichen Kennzahlen ist der FC St. Pauli im Jahr fünf unter dem 44 Jahre alten Präsidenten ein kerngesunder Klub. Verlässlich meldet sich der Verein zu Wort, wenn es um Missstände im Fußball-Business geht. Den Großen ist der FC gern ein Pfahl im Fleische. Diese Rolle will Göttlich nicht aufgeben. Es ist nur schwierig, im großen Ganzen Gehör zu finden, wenn der Alltag so kompliziert ist.

          Vor dem Derby an diesem Samstag (13.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Bundesliga und bei Sky) beim Hamburger SV steht der FC St. Pauli in Sichtweite der Abstiegsplätze. Wieder eine Saison, die den Fans, aber auch den Verantwortlichen als verschenkt vorkommen muss. Göttlich sagt: „Es stört uns ungemein, dass wir die vorhandenen sportlichen Ambitionen nicht erfüllen, die wir haben.“ St. Pauli, ein dauerhafter Underperformer trotz bester Möglichkeiten, was Stadion, Zuspruch und Finanzen angeht? In etwa so ist die öffentliche Meinung. Müsste da nicht alle zehn Jahre mal ein Aufstieg in die Bundesliga möglich sein? Göttlich entgegnet: „Ich kenne keinen im Verein, der etwas dagegen hätte. Wir beschäftigen uns aber nur mit dem Hier und Jetzt.“

          Allerdings gähnt den Verein gerade die Dritte Liga an. Mit Trainer Jos Luhukay liegt der Punkteschnitt deutlich unter dem seines Vorgängers Markus Kauczinski. Luhukay ist ein klarer Typ, der den Spielern ihre Leistungsdefizite vorhält, um Verbesserungen zu erreichen. In der Fußballbranche gilt Luhukay als gerade, als ungewöhnlich ehrlich. Das hat vor dem Derby auch HSV-Trainer Dieter Hecking hervorgehoben. Damit mag sich Luhukay manchmal selbst im Wege stehen. Allerdings nicht bei Göttlich und Sportchef Andreas Bornemann. Niemand verkennt die Lage, versichert der Präsident: „Wir sind in voller Alarmbereitschaft. Wir sind aber zu einhundert Prozent überzeugt, dass wir mit diesem Trainer unsere kurz- und mittelfristigen Ziele erreichen. Es ist nicht unser Ansatz, uns von Jos Luhukay zu trennen. Wir wollen uns mit ihm fußballerisch weiterentwickeln.“

          Noch vom Präsidenten gestützt: St. Paulis Trainer Jos Luhukay

          Bevor der Verein Luhukay im April 2019 holte, ächzten beim Kiezklub viele, dass eine Abkehr vom unattraktiven Fußball unter Kauczinski her müsse. Aktiv, mutig, unterhaltsamer sollte das Spiel werden. Saisonübergreifende Statistiken belegen die inhaltliche Neuausrichtung: Viele Chancen wurden über die bisherigen 23 Spiele kreiert, wenig gegnerische zugelassen. Wenn da nur die Tabelle nicht wäre! Trotzdem soll es mit Luhukay weitergehen. Nach vier entlassenen Trainern und Sportchefs wollen Haupt- und Ehrenamt in der St.-Pauli-Führung den scheinbar leichtesten Weg umschiffen: Luhukays Entlassung.

          Richtiger Ansatz, fehlende Punkte

          Göttlich weiß natürlich, dass er viel bessere Argumente für den 56 Jahre alten Trainer und den Gesamtweg des Vereins hätte, wären da mehr als dürftige 23 Punkte. Eine Verletztenserie hat Luhukay das Arbeiten in der Vorrunde erheblich erschwert – er hat zweimal deutlich darauf hingewiesen, mehr als das: Im Klub herrsche eine leistungssportfeindliche Wohlfühlatmosphäre, klagte Luhukay damals vor dem Auswärtsspiel bei Arminia Bielefeld im September 2019. Das hat viele gegen ihn aufgebracht. Da redet der Trainer die Spieler schwach. Aber manchen Fans gefiel das ungewöhnlich Ehrliche an dieser Rede auch: „Wir wollen den Trainer sehen!“, riefen sie auf der Fantribüne nach dem 1:1 in Bielefeld vor gut sieben Monaten.

          Sein Ansatz, den Verein wachzurütteln, ist im Grunde richtig, nur ist er eben zu bescheiden mit Punkten unterlegt, als dass ihn jeder gut findet und mitgehen will. Luhukay band so viele Talente ein wie kaum ein Trainer vor ihm. Den großen Kader managt er marktüblich nach Leistung und Bereitschaft, nicht nach Beliebtheit. Internes, ebenso marktübliches Murren, inklusive. St. Paulis Hoffnung: Dass der gesunde Kader die Qualität zum Klassenverbleib vorzuweisen hat. Luhukay wird sich darauf nicht ausruhen, so die Forderung des Vorstands an ihn. Einem schwachen Jahr in der zweiten Liga soll ein viel Besseres folgen – mit Luhukay.

          Ein Versprechen für die kommende Serie kann niemand abgeben. Luhukay wird sich auch nicht mehr zu einem Menschenfänger entwickeln. Mit ein wenig mehr Empathie wären seine Botschaften besser zu verdauen. Andererseits schätzt man beim FC St. Pauli des Trainers Bodenständigkeit – den Fakt etwa, dass er sich beim 2:0-Sieg im Derby-Hinspiel gegen den HSV nicht feiern ließ, sondern nüchtern analysierte. Göttlich sagt: „Jos ist wohltuend bodenständig. In der Branche ist das eine seltene Eigenschaft, weswegen seine erfolgreiche Karriere vergleichbar wenig oberflächlichen Applaus erhält.“ Er lässt mitschwingen, was er davon hält. Und man hört heraus, dass es, vorsichtig gesagt, eine sehr spezielle Aufgabe ist, diesen immer noch etwas anderen Verein in all seinen auch nebensportlichen Facetten zu führen. Zumal als Ehrenamtlicher.

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