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Nichtabstiegskampf in Hamburg : Alles eine Frage der Mentalität

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Chaos im Verein, Leidenschaft auf dem Platz: Hamburgs Lewis Holtby (vorne) und Aaron Hunt. Bild: dpa

Tristesse in Hamburg, wohin man schaut: Dem HSV droht der erste Abschied aus der Bundesliga, der FC St. Pauli bangt um einen Platz in Liga zwei. Den Nichtabstiegskampf gehen die Klubs dennoch sehr unterschiedlich an.

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          Zehn Millionen Euro Fernsehgeld oder nur noch 800.000 Euro? In der kommenden Woche will der FC St. Pauli informieren, wie es von der Saison 2018/19 an weitergeht. Es sollen Pläne und Perspektiven vorgestellt und diskutiert werden. Nicht nur die Einnahmen aus dem TV-Topf differieren schließlich erheblich zwischen den beiden Ligen, auch die Spielergehälter wären andere und nicht zuletzt die generelle Aussicht für einen ganzen Klub, der in vielem erstklassig arbeitet, sportlich aber der Drittklassigkeit näher ist. Die Botschaft ist: Nur die Ruhe!

          Selbst wenn die Mannschaft nach dem 1:3 in Regensburg wirkt, als taumele sie führungslos Richtung Abstieg, arbeiten die Verantwortlichen des Kiez-Klubs alle Szenarien in einem geordneten Prozess ab – vom Chaos-Klub keine Spur. Rettung in der regulären Runde, Relegation oder Abstieg, alles muss bedacht werden, und das machen sie auch. Dabei haben sich die Macher des Kiez-Klubs sogar überlegt, wer in dieser pikanten Lage redet: Präsident Oke Göttlich soll erst nächste Woche zum großen Ganzen sprechen, auch der kaufmännische Geschäftsführer Andreas Rettig kommt dann zu Wort.

          Noch ist die Hoffnung groß, mit einem Sieg am Samstag (13 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Liga und bei Sky) gegen Greuther Fürth den Startschuss zum Anti-Abstiegs-Endspurt zu setzen. „Wir haben es in der Hand“, das ist die Haltung beim FC, und deswegen haben sich Göttlich und Rettig bisher mit publikumswirksamen Aufweckaktionen zurückgehalten. Damit wolle man Trainer Markus Kauczinski und Sportchef Uwe Stöver stärken, heißt es. Nur: Es wirkt schon so, als sprächen derzeit ausschließlich Personen vom und über den FC St. Pauli, die erst seit ein paar Monaten in Hamburg sind. Mancher vermisst ein starkes Wort starker Persönlichkeiten. Alleingelassen fühlen sich Kauczinski und Stöver deswegen nicht, ist zu hören, denn im Hintergrund bekämen sie volle Rückendeckung von Göttlich und Rettig für das tägliche Wirken. Demnach soll Ewald Lienen auch im Falle einer Niederlage am Samstag keine Lösung für die letzten beiden Spiele sein.

          Die Stimmung stimmt, die Leistungen auf dem Platz oft nicht: Die Spieler von St. Pauli, Cenk Sahin, Daniel Buballa und Christopher Buchtmann (von links).

          Der „geordnete Prozess“ ist das eine, die Reaktion der Fans das andere. Sie mögen ihren FC St. Pauli und das, wofür er steht, sehr. Wenn nur der Fußball nicht wäre. Drei mickrige Heimsiege und wieder Nichtabstiegskampf? Der FC ist schuldenfrei, er hat in kluger Weise sein Stadion gebaut, er mischt sich ein, ist mehr als ein Fußball-Klub – aber im Kerngeschäft patzen die Verantwortlichen (und die Spieler) seit Jahren. Das ist mehr als nur Verletzungspech, und besonders ärgert es die treuen Seelen auf den Tribünen, dass der Aufstieg sogar in einer Saison mit solch schwacher Konkurrenz misslingt. Dass am Ende einer hoffnungsvoll begonnenen Serie nun vielleicht sogar der Abstieg steht, ist bei den Bedingungen, die St. Pauli bietet, ein starkes Stück. Aber treue Fans gäbe es auch in der dritten Liga, und alle großen Sponsoren wären beim bitteren Gang nach unten weiterhin an Bord.

          Keine Ruhe beim HSV

          Ruhe beim Hamburger SV? Das ist eine naive Vorstellung angesichts der tatsächlichen Verhältnisse. Und doch könnte man in diesen Tagen sagen, dass sich einiges beruhigt hat, seit Heribert Bruchhagen, Jens Todt und Bernd Hollerbach vor sieben Wochen gehen mussten – obwohl der HSV dem ersten Abstieg aus der Bundesliga entgegensieht und die Schuldensituation schwierig ist, vorsichtig gesagt.

          Kurz zusammengefasst: Es gibt einen Trainer, der eine Spielidee vermittelt, er hat viele Spieler, die in der zweiten Liga eine ordentliche Mannschaft mit Aufstiegsabsichten bilden könnten, da ist also ein Team, das zumindest viertelstundenweise wieder Fußball spielt. Die Stimmung im Volksparkstadion begeistert Zugereiste, und, ganz wichtig: Die DFL hat dem HSV die Lizenz für beide Ligen ohne Bedingungen und Auflagen erteilt. Und sogar ohne Klaus-Michael Kühne – müsste man hinzufügen, denn die Lizenzpapiere aus Frankfurt hat der HSV fernab einer Bindung an irgendwelche Versprechen des Milliardärs erhalten. Daraus sind Vorstand Frank Wettstein und Aufsichtsrat Bernd Hoffmann ziemlich stolz.

          Doch beim Namen „Hoffmann“ endet die Ruhe. Niemand weiß, was der Aufsichtsratsvorsitzende will. Ziemlich sicher scheint, dass er – in welcher Liga auch immer – mit einem anderen Trainer als Christian Titz und einem ihm gewogenen Sportvorstand weitermachen will. Eigentlich entscheidet beim HSV der Vorstand über den Trainer, also derzeit Frank Wettstein. Doch da der Chef des Kontrollgremiums den Vorstand einsetzt, kann Wettstein nicht einfach machen, was er will. Jedenfalls haben Titz und Bernhard Peters, der Direktor Sport, auch bei Hoffmann in den vergangenen Wochen Punkte gesammelt, und zuletzt haben er und Wettstein öfter miteinander geredet. Die Lizenzerteilung hat die beiden so verschiedenen Männer einander nähergebracht, und viele im Verein hoffen, dass Hoffmann auf Wettstein hört und Titz und Peters weitermachen lässt.

          Die Botschaft, die von der Mannschaft ausgesendet wird, gefällt den Fans. Gefühlt ist der x-mal totgesagte HSV wieder im Aufwind, fährt mit großem Selbstvertrauen zum Spiel nach Wolfsburg an diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky), und das am Ende einer Saison mit vielen Krisen und drei Trainern. Unterhaltungsvermögen besitzt dieser Klub schon, das muss man ihm lassen. Aber der HSV wäre eben auch nicht der HSV, wenn in Person Hoffmanns nicht einer da wäre, der im Hintergrund Politik macht und das halbwegs stabile Haus zum Einstürzen bringen könnte – mit neuen Plänen, neuen Figuren, in der ersten oder zweiten Liga. Wobei er, was den Erfolg betrifft, sicher nur die besten Absichten hat.

          Ruhe gibt es nie beim HSV, nur relative Ruhe. Das ist das Faszinierende an diesem Klub, der immer für eine Schlagzeile taugt, wobei die meisten Anhänger eine stinknormale Saison mit Platz neun in der Endabrechnung herbeisehnen. Das allerdings gilt nur für den Fall des Klassenverbleibs.

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