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Heimvorteil ist weg : Wie ist denn nun der Geisterfußball in Corona-Zeiten?

Gladbacher Notlösung: Pappkameraden als Fußballfan-Dekoration. Bild: dpa

Vier Bundesliga-Spieltage ohne Zuschauer sind gespielt. Die Datenanalyse zeigt: Der Fußball hat sich weniger verändert als befürchtet. Die Spieler sind unerwartet fit. Doch für die Fans gibt es einen beruhigenden Trend.

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          Auf den wenigen Transparenten, die derzeit in den Bundesligastadien die gespenstische Leere auf den Rängen unterbrechen, findet sich eine Botschaft besonders häufig: „Ohne Fans ist Fußball nichts.“ Tatsächlich lässt sich nach inzwischen vier Geisterspieltagen festhalten, dass der Fußball ohne Fans zumindest anders ist. Und für jene Anhänger, die von ihrem Einfluss auf den Ausgang des Spiels überzeugt sind, hat diese Veränderung etwas Beruhigendes: Der Heimvorteil ist ohne Fans offenbar auf der Strecke geblieben. Die Heimteams scheinen ohne die Unterstützung von den Rängen sogar benachteiligt.

          Bundesliga
          Pirmin Clossé
          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nur gut 22 Prozent der seit dem Neustart ausgetragenen Spiele haben die Heimmannschaften gewonnen. Vor Corona waren es in der laufenden Saison 43 Prozent, im Gesamtschnitt der Vorsaison gar 46 Prozent. Nun stehen nach dem 4:2-Sieg von RB Leipzig beim 1. FC Köln lediglich acht Heimsiegen 18 Auswärtssiege gegenüber. „Und das lag nicht daran, dass nun zufälligerweise schwache Teams überproportional oft zu Hause gegen deutlich bessere antreten mussten“, sagt Karsten Görsdorf, Geschäftsführer des Instituts für Spielanalyse, das sich mit der wissenschaftlichen Analyse von Spielsportarten beschäftigt. Vielmehr seien acht der 18 Auswärtssiege rein von der Datengrundlage her nicht zu erwarten gewesen, wohingegen lediglich einer der acht Heimsiege eine Überraschung gewesen sei.

          Zudem hätten sich favorisierte Heimteams vielfach mit unerwarteten Unentschieden begnügen müssen. Empirisch ist das bei einer statistisch betrachtet geringen Fallzahl noch kein abgesicherter Wert, wie Görsdorf betont. „Aber als Indiz ist der Trend bemerkenswert“, sagt der Sportwissenschaftler aus Potsdam.

          Fans klatschen nicht mehr zur Niederlage

          Denn obwohl es zunächst plausibel klingt, dass der Heimvorteil ohne Unterstützung des Publikums flöten geht, war das nach dem bisherigen Stand der Heimvorteilsforschung keineswegs zu erwarten. Schließlich tendieren die Studien, die sich dem Phänomen mit statistischen Methoden genähert haben, dazu, den Heimvorteil vermehrt auf andere Faktoren als auf die Zuschauer zurückzuführen. Fans wurden sogar eher als Hemmnis bewertet, da sie den Druck auf die Heimmannschaft erhöhten – durch eine höhere Erwartungshaltung oder Pfiffe und andere Missfallensbekundungen bei ungünstigem Spielverlauf. So belegt es beispielsweise der Sportpsychologe Professor Bernd Strauß von der Universität Münster in seiner Studie mit dem plakativen Titel „Wenn Fans ihre Mannschaft zur Niederlage klatschen“.

          Das empirische Übergewicht von Heimsiegen wurde in der Wissenschaft stattdessen eher mit anderen externen Faktoren erklärt. Bei Strauß etwa damit, dass das Heimteam keine Reisestrapazen hat oder die Bedingungen im eigenen Stadion bis hin zum Spielfeld besser kennt. Andere Untersuchungen legten ihren Fokus derweil darauf, welchen Einfluss Zuschauermassen auf die Schiedsrichter haben: So wurde nachgewiesen, dass im Schnitt mehr Nachspielzeit gewährt wird, wenn eine Heimmannschaft zurückliegt, als wenn sie führt. Das deutet auf eine unterbewusste Neigung der Unparteiischen hin, einem in Rückstand befindlichen Heimteam noch eine kleine Zusatzchance zum Ausgleich zu eröffnen.

          Eine Forschergruppe bestehend aus den Sportökonomen J. James Reade und Carl Singleton sowie Dominik Schreyer hat bei Geisterspielen schwindenen Heimvorteil sogar außerhalb der derzeitigen Sondersituation nachgewiesen. Bei der Betrachtung aller 191 vor der Corona-Krise ausgetragenen Geisterspiele auf europäischem Topniveau – wegen Vereinssanktionen, etwa im Europapokal, der italienischen und französischen Ligen – ließ sich feststellen, dass auch dort der Anteil der Heimsiege um zehn Prozentpunkte unter der üblichen Quote von 46 Prozent lag.

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