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Fußball-Bundesliga : Schalker Geschwätz von gestern

  • -Aktualisiert am

Mal so, mal so: Horst Heldt ändert öfters seine Meinung Bild: Picture-Alliance

Geläutert, verlängert, verpflichtet: Der Kader „auf Schalke“ nimmt Formen an. Die Personalpolitik von Manager Horst Heldt sorgt dabei aber für Diskussionen – nicht nur in Gelsenkirchen.

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          Vor knapp zwei Wochen hatte André Breitenreiter ein wenig ungeduldig gewirkt. Er wartete auf neue Spieler, die ihn dabei unterstützen, die Mannschaft des FC Schalke 04 auf Vordermann zu bringen. „Als Trainer würde ich mir wünschen, dass sie so schnell wie möglich kommen“, sagte Breitenreiter, der selbst neu ist im Revier. Es hat ein bisschen gedauert, doch dann stieß ein Spieler nach dem anderen zu dem Ensemble, das die blamable Rückrunde der vergangenen Saison vergessen machen soll.

          Erst heuerte der routinierte Rechtsverteidiger Sascha Riether vom Absteiger SC Freiburg an, nun verkündete der Revierklub die Verpflichtung des Stürmers Franco Di Santo, der im vergangenen Spieljahr mit dreizehn Toren erfolgreichster Angreifer von Werder Bremen war. Und Sidney Sam ist plötzlich auch wieder da. Der als kapriziös geltende Flügelmann galt vor kurzem noch als unerwünschte Person „auf“ Schalke, fand aber keinen Abnehmer und erhält nochmals die Chance, den schlechten Eindruck zu korrigieren, den er mehr noch als andere hinterlassen hat. Darüber hinaus verlängerten die Gelsenkirchener den Vertrag mit Talent Leroy Sané vorzeitig bis 2019 – obwohl angeblich die Tottenham Hotspurs eine Ablösesumme von 19 Millionen Euro für den Jungstürmer geboten hatten.

          Eindrucksvolle Belege

          Während der Wechsel des ablösefreien Riether unspektakulär vonstatten ging, liefern die beiden anderen „Neuen“ Diskussionsstoff - und eindrucksvolle Belege dafür, dass die Beteiligten im Profifußball nicht selten dem Motto folgen: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Beim Trainingsstart nach der Sommerpause hatte Di Santo noch in Aussicht gestellt, seinen bis Juni 2016 befristeten Vertrag zu verlängern. „Viele Vereine wollten mich, aber ich habe allen gesagt: Ich will lieber bei Werder bleiben. Wir sind in Gesprächen und nah beieinander.“

          Nicht nah genug, um das lukrativere Angebot aus Gelsenkirchen abzulehnen. Am Samstagabend gab der FC Schalke bekannt, dass Di Santo einen Vierjahresvertrag unterzeichnet hat. Der 26 Jahre alte Argentinier machte von einer Klausel Gebrauch, die es ihm erlaubt, Bremen gegen Zahlung einer Ablöse von sechs Millionen Euro zu verlassen, in etwa so viel Geld, wie Schalke für den Transfer Jefferson Farfáns nach Abu Dhabi erhält.

          Trügerisches Idyll: Di Santo (vorne links) am 18. Juli im Bremer Trikot - kurz darauf erzürnte sein Wechsel zu Schalke die Werder-Fans

          So etwas kommt vor in diesem Geschäft, in dem die Dauer der Zusammenarbeit zu einer flexiblen Größe geworden ist. Was die Bremer allerdings irritiert, ist der späte Sinneswandel Di Santos. Werder-Geschäftsführer Thomas Eichin sagt, es sei abgesprochen gewesen, der Spieler werde „frühzeitig signalisieren“, was er vorhabe. „Jetzt ist alles sehr, sehr kurzfristig. Von diesem Verhalten bin ich alles andere als begeistert.“ Die Werder-Fans sind es sicher auch nicht. Um ihren Groll in Grenzen zu halten, äußerte sich auch Di Santo noch am Samstagabend in einer Art Abschiedsbrief, der über soziale Netzwerke verbreitet wurde. „Ich erwarte nicht, vollkommen verstanden zu werden, hoffe aber, in Erinnerung zu bleiben als ein Spieler, der trotz vieler Schwierigkeiten immer das Beste gegeben hat“, schrieb er – und erklärte Werder seine Liebe.

          Aber von Luft und Liebe kann man ja nicht leben. Also entschied sich Di Santo für die bessere Perspektive, die er in Gelsenkirchen sieht. „Im Leben muss man ab und zu Entscheidungen treffen, die schwerfallen, nun musste ich es tun, da es ein weiterer Schritt in meiner Karriere und für meine persönliche Entwicklung ist“, sagte er. Vielleicht auch das erste Saisonspiel im Blick - Schalke tritt in Bremen an -, versuchte Horst Heldt sofort, dem Eindruck entgegenzutreten, Schalke habe einen Söldner verpflichtet, dem Geld wichtiger sei als Gefühl. „Wenn es ums Geld gegangen wäre, hätte er nach England gehen müssen“, sagte der Manager der Zeitung „Bild am Sonntag“. Doch der Angreifer wolle „international spielen bei einem emotionalen Traditionsverein - da sind wir die Nummer eins in Deutschland“.

          Sam hatte sich von der Aura der vermeintlichen Nummer eins unter den Traditionsvereinen in seinem ersten Jahr auf Schalke nicht sonderlich beeindrucken lassen. Der oft verletzte frühere Nationalspieler präsentierte sich weit entfernt von dem Anspruch, voller Hingabe zu „malochen“, sich also bis zur Schmerzgrenze zu verausgaben. Heldt hatte Sam - wie den namhafteren und noch höher bezahlten Kollegen Kevin-Prince Boateng - zwei Spieltage vor Ende der vergangenen Saison vom Dienst freigestellt und angekündigt, beide würden nicht mehr für Schalke spielen, weil ihre Leistung unzureichend sei und ihre Anwesenheit dem Betriebsklima schade.

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          Bei der Vorstellung Breitenreiters bekräftigte Heldt seinen Standpunkt. „Es bleibt dabei, dass wir mit beiden Spielern in der kommenden Saison nicht weiter zusammenarbeiten möchten.“ Fünf Wochen später ist Sam wieder an Bord, mit dem Einverständnis des Trainers und der Mannschaft. Zwischendurch war er, kurz vor einem Wechsel nach Frankfurt, bei der Eintracht durch den Medizincheck gefallen; ein Gleitwirbel soll die Frankfurter zum Rückzug bewogen haben. Zuletzt genügte ein reumütiger Anruf bei Trainer Breitenreiter, um die Resozialisierung in die Wege zu leiten. Der Fußball-Lehrer reagierte einfühlsam, ließ aber auch wissen, dass den guten Vorsätzen „Taten folgen müssen“.

          Ist Sam das zuzutrauen, vier Wochen nach Beginn der Vorbereitung? Auf jeden Fall - wenn man seinem ehemals schärfsten Kritiker Heldt glauben darf. „Sidney hat einen Test absolviert und war bemerkenswert fit. Er hatte einen Wert, den er bei uns so noch nicht gehabt hat. Das zeigt, dass er im Urlaub gut gearbeitet hat. Darauf lässt sich gut aufbauen.“ Werte und Worte - wie schnell sich auf Schalke alles wenden kann.

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