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Trainer Marsch entlassen : Riss im RB-Imperium

  • -Aktualisiert am

Nicht länger Trainer in Leipzig: Jesse Marsch Bild: dpa

Erst Salzburg, dann ab nach Leipzig – das funktionierte im Fall von Trainer Jesse Marsch nicht. Der Wunschkandidat beim Fußball-Bundesligaklaub heißt nun Edin Terzic.

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          Die Worte, die Oliver Mintzlaff am späten Freitagabend wählte, erreichten Jesse Marsch auf direktem Wege. Marsch, wegen einer Covid-Erkrankung immer noch verhindert, saß daheim vor dem Fernseher und hörte, wie sein Vorgesetzter die 1:2-Niederlage bei Union Berlin einschätzte. Mintzlaff wählte die Worte „katastrophal“ und „desolat“, ehe er am Mikrofon des übertragenden Senders DAZN grundsätzlich wurde: „Wir haben 18 Punkte aus 14 Spielen, das ist für unseren Anspruch zu wenig. Wir haben einen Kader, der sicherlich zu den drei, vier besten in der Bundesliga zählt. Das ist auch unser Anspruch. Wir werden nicht den Kopf in den Sand stecken, bis Weihnachten warten und hoffen, dass es im neuen Jahr besser wird. Wir müssen uns Gedanken machen.

          Bundesliga

          Gedanken haben sich der Leipziger Geschäftsführer und seine Mitarbeiter dann mit dem Ergebnis gemacht, dass Marsch ab sofort nicht mehr Cheftrainer von RB Leipzig ist. Beim abschließenden Spiel am Dienstag in der Champions League gegen Manchester City (18.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League sowie bei DAZN), bei dem es für die Leipziger um die Qualifikation für die Europa League geht, wird Achim Beierlorzer die Mannschaft betreuen. Ein Nachfolger für Marsch soll „zeitnah“ präsentiert werden, hieß es von Seiten des Klubs.

          Die Niederlage bei Union brachte Mintzlaff zur endgültigen Erkenntnis, dass keine Besserung in Sicht ist. In Berlin verlor RB das dritte Bundesliga-Spiel hintereinander und hinterließ den Eindruck, von der Spitzengruppe weiter entfernt zu sein als je zuvor. Der zwischenzeitliche Treffer durch Christopher Nkunku war nur einem schweren Aussetzer von Unions Torwart Andreas Luthe geschuldet, die Gegentore durch Taiwo Awoniyi und Timo Baumgartl waren Ausdruck der gegenwärtigen Leipziger Verunsicherung.

          Schwere Infektion bei RB

          Bei der abschließenden Bewertung seiner Arbeit kam Marsch auch nicht mehr zugute, dass die Mannschaft mitunter berauschenden Fußball zeigte wie kürzlich beim 5:0 in Brügge. Eher bestärkten solche Auftritte die Verantwortlichen um Mintzlaff darin, was dieser Kader eigentlich zu leisten imstande wäre.

          Die Symptome, an denen RB seit Saisonbeginn krankt, haben sich längst zu einer schwereren Infektion entwickelt. Der Mannschaft mangelt es in allen Teilen an Stabilität und vor allem am Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten. Marsch hatte den Transformationsprozess unterschätzt, den er der Mannschaft unterzog. Hatte das Team unter Julian Nagelsmann verstärkt an Lösungen mit dem Ball gearbeitet, wollte Marsch die Zeit zurückdrehen und wieder eine Balljagd kultivieren, wie sie in den frühen Leipziger Jahren unter der Aufsicht von Ralf Rangnick en vogue war.

          Dafür ließ er deutlich intensiver trainieren als sein Vorgänger. Es dauerte nicht lange, bis sich ein Teil des mit EM-Fahrern gespickten Kaders zumindest wunderte ob der neuen Vorgehensweise. Noch weniger Verständnis aber brachten sie für den von Marsch verordneten Stilbruch auf. An Nagelsmanns Ballbesitzfußball hatten vor allem Stützen wie Emil Forsberg, Dani Olmo, Kevin Kampl oder Angeliño Gefallen gefunden. Das Gleiche galt für die defensive Dreierkette, die Marsch zuerst wieder zur Viererkette machte, ehe er auf Anraten der Mannschaft wieder zum alten System zurückkehrte.

          Die vielen Änderungen sorgten nicht nur für Unmut, sondern auch für Hilflosigkeit. Führungskräfte wie Kapitän Peter Gulacsi deuteten immer wieder an, dass die Mannschaft sich mit den neuen, alten Vorgaben nicht wohl fühle. „Die Mannschaft war nicht zu 100 Prozent bereit, dieser Überzeugung und den Matchplänen zu folgen“, sagte Mintzlaff am Sonntag in der Fernsehsendung „Doppelpass“.

          Schließlich ist der Kader nicht mehr wie früher für ein radikales Pressing zusammengestellt. Am deutlichsten sichtbar wurde das an Stürmer André Silva. Der war für mehr als 20 Millionen Euro aus Frankfurt gekommen, wo er in der vergangenen Saison 28 Tore erzielt hatte. In Leipzig aber fremdelte er ob der laufintensiven Aufgaben, die Marsch an ihn stellte. Die Deutlichkeit, mit der sich bald schon Sieger und Verlierer des Trainerwechsels herausstellten, war selbst für Profiverhältnisse ungewöhnlich. Während Nkunku Tor um Tor schoss, war auch der Spanier Angeliño nur ein Schatten seiner selbst, um nur zwei Personalien zu nennen.

          Marschs Mängelliste ist lang, zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Amerikaner zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt nach Leipzig kam. Neben dem erfolgreichen und beliebten Trainer Nagelsmann hatten den Klub im Sommer die Verteidiger Dayot Upamecano und Ibrahima Konaté verlassen. Kurz vor Ende der Transferfrist folgte Kapitän Marcel Sabitzer seinem Trainer nach München. Bei Sabitzer hatte sich wie schon im Fall von Nagelsmann der Eindruck aufgedrängt, dass die Leipziger Verantwortlichen nicht um jeden Preis versuchten, die führenden Angestellten zu halten. Eine schwerwiegende Fehleinschätzung.

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          Marsch fand eine Mannschaft vor, die ihre wichtigsten Führungskräfte gerade verloren hatte. Zu den Mitarbeitern, die im Sommer gegangen waren, zählte außerdem Sportdirektor Markus Krösche. Sein Posten ist fünf Monate nach seinem Abschied immer noch nicht besetzt. Vieles bei RB Leipzig befindet sich derzeit im Vakuum, nicht nur auf dem Feld.

          Vorerst wird Achim Beierlorzer als Trainer verantwortlich sein, eine längere Anstellung als Chef ist nicht geplant. Mintzlaff sagte, RB wollte „spätestens zur Rückrunde“ einen neuen Trainer präsentieren. Zu den Kandidaten gehören der umworbene Edin Terzic, er gilt dem Vernehmen nach als Wunschlösung. Auch Roger Schmidt und Zsolt Löw kommen als Alternativen infrage. Beide wurden an den Red-Bull-Standorten Leipzig und Salzburg ausgebildet und verkörpern den typischen RB-Stil. So wie Jesse Marsch. Dessen glücklose Zeit in Leipzig dürfte den Verantwortlichen dort jedoch gezeigt haben, dass hoch qualifizierte Trainer auch im RB-Imperium nicht im Überfluss vorhanden sind.

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