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Fußball-Bundesliga : Hoffenheim entlässt Stanislawski

  • -Aktualisiert am

Holger Stanislawski muss Hoffenheim verlassen Bild: dapd

Fußball-Bundesligaklub 1899 Hoffenheim trennt sich nach dem Pokal-Aus gegen Greuther Fürth von Trainer Holger Stanislawski. Nun soll es Markus Babbel richten.

          Als die Fürther Sieger ihren erstmaligen Einzug ins Halbfinale des DFB-Pokalwettbewerbs noch immer ausgelassen feierten, kehrte auch der Mann kurz aufs Spielfeld zurück, den die am Mittwochabend noch dagebliebenen Anhänger der TSG Hoffenheim trotzig hochleben ließen: Mochte der Bundesliga-Achte durch ein Tor von Olivier Occean (44. Minute) soeben mit 0:1 am Zweitliga-Vierten Greuther Fürth gescheitert sein, so galten die Sprechchöre dennoch Trainer Holger Stanislawski.

          Der hob kurz den Arm zum Dank für diese Treuekundgebung von der Hoffenheimer Basis und wollte sich danach nicht weiter zu seiner persönlichen Befindlichkeit äußern. Er habe, sagte er später, „das zur Kenntnis genommen“ und werde es „still genießen“. Sein letzter Kontakt zu denen, die Volkes Stimme verkörpern, durfte als Abschiedsgruß interpretiert werden, denn tags darauf trennten sich die Wege zwischen den Hoffenheimern, die auch auf der Suche nach sich selbst sind, und Stanislawski, der nie so richtig im Kraichgau angekommen ist.

          Holger Stanislawski wird in Hoffenheim als Trainer entlassen

          „Wir schätzen Holger Stanislawski als Mensch und als fachkundigen Trainer“, hob 1899-Manager Ernst Tanner am Donnerstagmorgen hervor, „doch nach einem langen, konstruktiven Gespräch mit ihm sind wir zu dem Entschluss gekommen, die Zusammenarbeit im Interesse aller Beteiligten zu beenden. Die jüngsten sportlichen Entwicklungen (Pokalaus und nur ein Sieg aus den vergangenen zehn Ligaspielen) waren hierfür sicherlich ausschlaggebend.“

          Nachfolger Babbel?

          Als Nachfolger des 42 Jahre alten Hamburgers ist der Münchner Markus Babbel im Gespräch, der nach der Hinrunde beim Bundesliga-Rivalen Hertha BSC gehen musste. Babbel soll schon am Samstag beim Hoffenheimer Auswärtsspiel in Bremen auf der Bank sitzen. Für Freitag (11.30 Uhr) hat der Klub eine Pressekonferenz angesetzt.

          Nachfolger von Stanislawski (r.)? Markus Babbel (l.) ist im Gespräch

          Es herrschte am Mittwoch eine gedrückte Atmosphäre in der Sinsheimer Rhein-Neckar-Arena. So etwas wie Endzeitstimmung breitete sich unter den sportlich Verantwortlichen aus, nachdem der Hoffenheimer Mäzen vor dem Pokal-Viertelfinalduell von oben herab gesprochen hatte. Seine Worte klangen bedrohlich genug, um nicht einfach zur Tagesordnung übergehen zu können.

          „Ich sehe keine Linie im Spiel der Mannschaft“, hatte Dietmar Hopp der „Bild“-Zeitung anvertraut, „es ist keine Entwicklung zu erkennen. Ich bin in großer Sorge.“ Sieht man vom kämpferischen Bemühen der Mannschaft ab, fehlte dem Spiel der Hoffenheimer auch in diesem Pokalviertelfinale jede Struktur – was nur zum Teil damit zusammenhing, dass Innenverteidiger Compper von Schiedsrichter Fritz schon nach 36 Minuten die Rote Karte wegen eines Wischers durch das Gesicht des Fürthers Fürstner vorgehalten bekam.

          Abstiegskampf nicht mehr tabu

          Stanislawski, der dem Aufsteiger und umjubelten Herbstmeister der Saison 2008/09 etwas von der verloren gegangenen Popularität zurückgeben sollte, hat es nach einer verheißungsvollen Anfangsphase im vergangenen Sommer nicht verstanden, seinem Team eine neue Prägung zu geben. Allzu oft mutete seine vor sich hin werkelnde Mannschaft sogar seelenlos an. Am Mittwoch hat der sprunghafte Fußballlehrer seine „Jungs“ mal wieder über Gebühr gelobt, weil sie „genauso leidenschaftlich“ aufgetreten seien wie die besseren Fürther.

          Nichts gelernt? Dietmar Hopp

          Vier Tage vorher, nach dem mauen 2:2 in der Liga gegen den FC Augsburg, hatte Stanislawski noch ohnmächtig gewettert, dass „der eine oder andere gar keine Bereitschaft hat, sich an taktische Dinge zu halten und defensiv mitzuarbeiten“. Hopp fürchtete seitdem („Augsburg – das war ein Tiefschlag, aber leider kein Einzelfall“), dass sein sportliches Lebenswerk in Gefahr sei. Das Wort Abstiegskampf ist längst nicht mehr tabu.

          Hopp wie ein Getriebener

          Während der am Donnerstag entlassene Trainer schon häufiger so klang, als hätte er Heimweh nach seiner alten Liebe FC St. Pauli und der Sportdirektor um Geduld „in einer schwierigen Phase“ bat, da der Verein seinen Personaletat (auf 30 Millionen Euro) senken müsse und deshalb (nach dem sukzessiven Weggang von vormaligen Stützen wie Ba, Carlos Eduardo, Ibisevic oder Luiz Gustavo) „wahnsinnig an Qualität eingebüßt habe“, wollte Hopp nicht mehr stillhalten.

          Er, der 240 Millionen Euro in sein Projekt Hoffenheim gesteckt hat und damit einen Bundesligaklub aus der grünen Kraichgauer Wiese stampfte, ist längst nicht mehr der Big Spender in einem längst vergilbten deutschen Fußballmärchen. Hopp fordert im Zeichen seiner neuen Sparsamkeit unter Verweis auf die Financial-Fairplay-Regeln der Europäischen Fußball-Union vehement einen neuen Jugendstil ein. Auch er wirkte zuletzt wie ein Getriebener und offenbarte dabei wenig Feingefühl.

          Weil sich der 71 Jahre alte Hopp zuletzt an Tanner vorbei massiv in den Sportbetrieb eingemischt hat und dabei die Ausleihe von Angreifer Srdjan Lakic vom VfL Wolfsburg zu Hoffenheim persönlich betrieb, ist unterdessen auch die Autorität des Managers angekratzt. Wie sicher dessen Arbeitsplatz sei, wird auch schon diskutiert. In diesem Klima des Misstrauens und der Niedergeschlagenheit können sportliche Spitzenleistungen nur schwer gedeihen.

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