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Hamburg gegen Bremen : Das Not-Derby der Bundesliga

  • -Aktualisiert am

Zwischen Hamburg und Bremen geht es um die besseren Plätze – im Tabellenkeller. Bild: dpa

Hamburg gegen Bremen, Letzter gegen Drittletzter, Gisdol gegen Nouri: Die beiden neuen Trainer passen zum Image ihrer Klubs. Bewegt haben sie vor dem direkten Duell bisher aber wenig.

          Diesmal war es kein gemeinsames Lagerfeuer, die Boote blieben im Schuppen, und den Schießstand in Malente haben die Profis des Hamburger SV auch nicht wieder besucht. Markus Gisdol nahm seine Spieler am Donnerstagabend mit nach Garbsen, einen Ort, den der Geislinger bisher kaum gekannt haben dürfte. Dort schauten sie sich zusammen im Kino den Actionfilm „Deepwater Horizon“ an; in der Hauptrolle Mark Wahlberg. Das Thema nach wahren Begebenheiten aus dem Jahr 2010: Wie lösche ich eine explodierende Ölplattform. Gut ausgesucht!

          Was im Mai 2015 unter Trainer Bruno Labbadia in den schon legendären Retter-Camps im schleswig-holsteinischen Malente in Sachen Teambuilding so gut geklappt hatte, dass sich der HSV tatsächlich in Tateinheit mit einer gehörigen Portion Glück rettete, wird in diesem Jahr in ähnlicher Form schon nach elf Spieltagen aufgetischt. „Wir haben hier die Möglichkeit, eng beieinander und nur bei uns zu sein“, sagt Trainer Gisdol zum dreitägigen Umzug aus Hamburg ins niedersächsische Barsinghausen, „manchmal ist es gut, wenn der Kopf nicht zum Nachdenken kommt.“ Was für eine schöne Formulierung! Wer in elf Spielen drei Punkte gesammelt hat, sollte wirklich nicht zu viel über Statistiken oder Prognosen in Sachen Klassenverbleib nachdenken.

          Trainingslager in der Provinz sind der Standardausrüstung von Trainern der Marke Retter zuzuordnen. Sie haben es im Rückenmark, Altstars aus dem Kader zu schmeißen und dafür Talente hochzuziehen, die Taktik grundlegend zu verändern (Dreierkette!), den Kapitän abzusetzen und auf den schlechten Fitnessstand der Mannschaft hinzuweisen - natürlich, ohne ein schlechtes Wort über den Vorgänger zu verlieren. Markus Gisdol ist eigentlich kein Retter, zumindest sieht er sich nicht so, aber er spielt seit seinem Einstieg beim HSV Ende September unaufhörlich dessen Klaviatur. Alle Sofortmaßnahmen hat der 47 Jahre alte Fußballlehrer schon ergriffen. Das zeigt, wie groß die Not beim HSV ist. Niemand soll Markus Gisdol vorwerfen, er habe nicht alles versucht.

          In einem spontan wirkenden, tatsächlich wohl aber geplanten Ausbruch hat er sich nach dem 2:5 gegen Dortmund sogar gegen die Vereinsführung und das Umfeld gestellt, als er die zu hohen Erwartungen kritisierte, die die Spieler nun lähmten: „Für uns geht es einzig und allein um den Abstiegskampf!“ Es dürfte einzigartig in der Geschichte der Liga sein, dass ein Trainer im Schnelldurchlauf alle bisher bekannten motivationalen und strukturellen Möglichkeiten aufgebraucht hat, um eine Veränderung im Denken und Wirken seiner Mannschaft herbeizuführen. Aber der HSV ist, um es mit Gisdol zu sagen, eben ein Brett.

          Immer noch Letzter: der neue Hamburger Trainer Markus Gisdol.

          Zu diesem Brett gehört, dass der Verein weiterhin einen Sportchef sucht (der Karlsruher Jens Todt ist jetzt frei) und Vereinsboss Dietmar Beiersdorfer bei jeder weiteren Niederlage der Entlassung einen Schritt näher kommt - schon kursiert der Name Felix Magath in der Stadt. Der ganz normale Hamburger Wahnsinn also. Sollte nun an diesem Samstag (15.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) im 101. Nordderby gegen Werder Bremen die zarte Pflanze Hoffnung des glücklichen 2:2 bei der TSG 1899 Hoffenheim weiter gedeihen und eine Woche später beim SV Darmstadt 98 ihr Wachstum fortsetzen, hätte der zupackende Gisdol vieles richtig gemacht. Was man schon jetzt sagen kann: Er hat sich hier mit niemandem lieb Kind gemacht und unbequeme Wahrheiten ausgesprochen. Solche Wahrheiten machen einsam. Bisher hält er das aus.

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