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Fußball-Bundesliga : Grimmige Generäle und ein bisschen Rudi Carrell

General und Zuchtmeister: Bayern Münchens Wunschtrainer Louis van Gaal Bild: dpa

Holländische Trainer genießen einen legendären Ruf, und zwar nicht erst seit Louis van Gaal mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht wird. Vier Gründe sprechen für sie. Allerdings konnte noch keiner die deutsche Meisterschaft gewinnen.

          3 Min.

          Vier holländische Trainer waren bei der Weltmeisterschaft 2006 im Einsatz, drei bei der letzten Europameisterschaft. Nun sind sie auch in der Bundesliga gefragt wie nie. Louis van Gaal steht vor dem Wechsel zum FC Bayern. In Wolfsburg tauchen auf den üblichen Kandidatenlisten auffällig viele holländische Namen auf, wie die früheren Europameister Rijkaard, van Basten und Koeman.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Werbung für seine Landsleute macht Martin Jol mit seiner Arbeit - er ist in einer starken Debütsaison zum Hamburger Publikumsliebling geworden. Aber Fred Rutten scheiterte in Schalke schon nach neun Monaten. Und immer noch hat keiner der bisher 13 niederländischen Bundesliga-Trainer eine deutsche Meisterschaft gewonnen. Was macht sie dennoch so begehrt?

          Vier Gründe für niederländische Trainer

          Erstens: die Lockerheit, zumindest im Auftreten. Guus Hiddink, Leo Beenhakker, aber auch ein Jol, van Marwijk oder Arie Haan stehen für das Image des Trainer-Holländers: sprachkundig, mediengewandt, kontaktfreudig, positiv. Viele lustige Vögel sind darunter, oder zumindest wirken sie in Deutschland so - weil sie mit ihrem Humor und ihrem Akzent immer ein bisschen an Rudi Carrell erinnern. Aber es gibt auch in Holland die grimmigen Generäle, die unlustigen und unlockeren Zuchtmeister, und gerade hierzulande scheint man eine Vorliebe für sie zu hegen: Rinus Michels, Dick Advocaat, Huub Stevens kamen in die Bundesliga, eine Serie, die mit van Gaal fortgesetzt werden könnte.

          Fußball-Lehrer wie Bert van Marwijk stehen auch in der Bundesliga im Fokus der Öffentlichkeit

          Zweitens: die Fachkenntnis. Die niederländische Trainerausbildung gilt als eine der besten und gründlichsten der Welt. Großer Wert wird seit jeher auf die technische und taktische Schulung der Spieler gelegt, deshalb sind niederländische Trainer meist sehr gute „Entwickler“. Und sie sind geprägt vom schnellen, offensiven, flexiblen Fußball der großen Ära von Spielmacher Johan Cruyff und Trainer Rinus Michels, dem „totalen Fußball“, dessen Qualitäten heute mehr denn je gefragt sind - und mit ihm die holländischen Trainer.

          Drittens: die Mobilität. Wenn ein deutscher Trainer ins Ausland geht, sieht er immer aus wie einer, der zu Hause keinen guten Job kriegt, wie Lothar Matthäus zuletzt in Israel oder Berti Vogts in Aserbaidschan. Wenn ein Niederländer ins Ausland geht, ist das ein logischer Fortschritt für seine Karriere. Denn daheim gibt es kaum Spitzenjobs. Das ist auch eine Folge der zunehmenden Zweiklassengesellschaft im Europa der Champions League. Früher boten wenigstens Ajax Amsterdam, Feyenoord Rotterdam und PSV Eindhoven gute Arbeitsmöglichkeiten. Aber längst sind diese Klubs international nicht mehr konkurrenzfähig. Und nun gibt es sogar ausländische Konkurrenz für die wenigen Trainerjobs an der holländischen Sonne. So hat Steve McClaren, der sich in England nicht mehr sehen lassen kann, seit er als Nationaltrainer in der Heimat die EM verpasste, Zuflucht im holländischen Exil gefunden und dort mit Twente Enschede hinter van Gaals Meisterteam Alkmaar den zweiten Champions-League-Platz errungen. Das große Ajax ging leer aus, und Marco van Basten, der frühere Weltstar und „Bondscoach“, musste zurücktreten.

          Viertens: die Erfolge. Frank Rijkaard gewann mit dem FC Barcelona 2006 die Champions League, Dick Advocaat 2008 den Uefa-Pokal, und Guus Hiddink wurde beim FC Chelsea in dieser Woche nur von einem unfähigen Schiedsrichter um die Chance gebracht, Europas wichtigste Klubtrophäe zum zweiten Mal nach 1988 (mit Eindhoven) zu gewinnen. Gerade für den Mann, der als Midas der Branche gilt, seit er Südkorea ins Halbfinale der WM führte, als der, der alles zu Gold machen kann, sind verpasste Endspiele beinahe schon zum Schicksal geworden - mit Eindhoven unglücklich in der Nachspielzeit des Halbfinals 2005 gegen den AC Mailand, zuvor mit Südkorea 2002 gegen Deutschland, zuletzt mit Russland 2008 gegen Spanien. Vor allem aber eine Halbfinal-Niederlage wird „immer die schlimmste für mich bleiben“: die im Elfmeterschießen gegen Brasilien 1998, mit einem großartigen Team nach einem der besten Spiele der WM-Geschichte.

          In der Bundesliga sind große Holländer meist ziemlich klein geworden

          So viel gewonnen haben sie, genau besehen, also gar nicht immer, die niederländischen Trainer - das Image ist oft besser als die Resultate. In großen ausländischen Ligen hatten sie nur in Spanien meisterlichen Erfolg, von Cruyff bis Rijkaard. Gerade in der Bundesliga sind große Holländer meist ziemlich klein geworden.

          Selbst der legendäre Michels, der Schöpfer des Teams, das 1974 den WM-Titel knapp verpasste, und des Europameister-Teams von 1988, scheiterte kläglich und litt bis zu seinem Tod 2005 darunter. In Köln wurde er zwar Pokalsieger, aber, verhasst bei den Spielern, die sich von ihm „wie Sklaven behandelt fühlten“ (Torwart Toni Schumacher), wurde er am zweiten Spieltag der nächsten Saison entlassen. Und in Leverkusen war der Job, den er als Europameister 1988 angetreten hatte, schon nach neun Monaten vorbei. Auch der Landsmann Aad de Mos blieb eine sehr kurze Episode in der Bundesliga - als erfolgloser Nachfolger Otto Rehhagels bei Werder Bremen. Und Dick Advocaat führte trotz gewaltiger Ausgaben (sieben Spieler in der Winterpause) Borussia Mönchengladbach nur zu vier Siegen in 18 Spielen und damit um ein Haar in die zweite Liga.

          Eins wird Louis van Gaal sicher nicht: Meister der Herzen

          Am nächsten dran am holländisch-deutschen Meisterstück war eindeutig Huub Stevens. Der Mann, der 1997 den Uefa-Cup nach Schalke geholt hatte, durfte sich 2001 mit seinen Spielern und Zehntausenden Fans im Gelsenkirchener Parkstadion fünf Minuten lang als Meister fühlen. Dann aber nur noch als Meister der Herzen. Zumindest davor ist sein bald in München erwarteter Landsmann sicher. Eins wird Louis van Gaal mit dem FC Bayern bestimmt nicht: Meister der Herzen.

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