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Fußball-Bundesliga : Gladbacher Klassenkampf

  • -Aktualisiert am

Immerhin bekommt er die Chance auf den Kampf gegen den Abstieg: Trainer Frontzeck Bild: REUTERS

Borussia Mönchengladbach stemmt sich gegen den Abstieg - und zwei Oppositionsgruppen gegen die Vereinsführung um Präsident Königs. In den kommenden Monaten könnte es hinter den Kulissen auf einen Dreikampf jeder gegen jeden hinauslaufen.

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          Ihr Saisonziel haben die Mönchengladbacher Borussen verfehlt, so viel steht schon vor dem Rückrundenstart der Fußball-Bundesliga fest. Die Verantwortlichen im Präsidium und in der Geschäftsführung hatten ihr kickendes Personal mit der Vorgabe in die Saison geschickt, so erfolgreich zu spielen, dass sich die Frage des Klassenverbleibs gar nicht erst stellen werde. Inzwischen geht es nur noch um diese Frage.

          Vor den Gladbachern liegt ein schwieriges Jahr, vielleicht das schwierigste in ihrer langen Bundesligageschichte. Mit zehn Punkten startet die Borussia als Tabellenletzter an diesem Samstag beim 1. FC Nürnberg in die zweite Serie. Der Rückstand auf den Relegationsplatz beträgt fünf Zähler, zu Rang 15 fehlen noch zwei Punkte mehr. Gesteigert wird das Reizklima durch zwei Oppositionsgruppen, die den ihrer Meinung nach zu selbstherrlichen Vereinspräsidenten Rolf Königs stürzen oder wenigstens schwächen wollen.

          Suche nach dem Weg aus der Dauerkrise

          In gewisser Weise kämpfen bei Borussia Mönchengladbach alle gegen den Abstieg: die Mannschaft auf dem Rasen, dazu Trainer Michael Frontzeck und sein Verbündeter, Sportdirektor Max Eberl, die versuchen, eine wenig gelungene Personalpolitik zu korrigieren und Gladbachs dritten Abstieg aus der Bundesliga zu verhindern. Und schließlich Königs, dem Kritiker vorwerfen, sein sportlicher Sachverstand stehe in keinem gesunden Verhältnis zu seinem Einfluss auf die Vereinsführung. Gladbach sucht im Nebel den Weg aus einer sportlichen Dauerkrise, die seit mehr als einem Jahrzehnt anhält.

          Gladbacher Dreigestirn: Trainer Frontzeck (Mitte) mit Sportdirektor Eberl (links) und Vizepräsident Bonhof

          In einem Punkt weicht das Management allerdings vom Grundmuster früherer Jahre ab. So prekär die Lage sein mag – die sportlich Verantwortlichen dürfen weitermachen. Diesmal bekommt der Trainer die Chance, mit Hilfe neuer Spieler alles zum Guten zu wenden. In der Winterpause hat Gladbach drei Profis verpflichtet. Martin Stranzl, zuletzt bei Spartak Moskau angestellt, soll helfen, die schwächste Abwehr der Liga zu stabilisieren, der erst 20 Jahre alte Havard Nordtveit, der in der vergangenen Saison ein mäßiges Intermezzo in Nürnberg hatte, soll vor der Viererkette im Mittelfeld für Ordnung sorgen, und Mike Hanke soll dem Sturm Durchschlagskraft verleihen.

          Frontzeck selbstbewusst wie eh und je

          Dass ein Durchschnittsstürmer, der in Hannover nicht mehr gebraucht wird, den Gladbacher Angriff beleben soll, zeigt, wie schlecht es um die Mannschaft bestellt ist. Hinzu kommt Mohamadou Idrissou (so hoffen zumindest Frontzeck und Eberl), ein exzentrischer, zuweilen vorlauter Stürmer, der zur Selbstüberschätzung neigt. Idrissou ist zwar schon ein halbes Jahr im Klub, gelobt aber, von nun an als seriöser Profi seine Arbeit zu verrichten. „Er hat eine klare Ansage bekommen. Hier stellt niemand mehr sein Ego über die Mannschaft“, sagt Frontzeck, der andere Abtrünnige wie den Rabauken Raul Bobadilla aus dem Aufgebot entfernt hat.

          Bei aller Rückendeckung sieht das Präsidium Frontzeck und Eberl in einer Bringschuld – und fordert sie auch öffentlich ein. „Wir haben im Sommer ihre Verträge verlängert und ihnen Vertrauen geschenkt. Auf Vorschlag von Max Eberl haben wir auch jetzt am Trainer festgehalten“, sagt Königs. „Diesen Vertrauensvorschuss müssen beide zurückzahlen. Sie dürfen ihre Fürsprecher, also uns im Präsidium, nicht enttäuschen.“ Frontzeck begegnet diesem Anspruch selbstbewusst wie eh und je.

          Kategorien wie „Dankbarkeit“ oder „Zurückzahlen“ seien für ihn nicht von Belang, sagt der Fußball-Lehrer, „sie haben für mich mit Fußball nichts zu tun“. Frontzeck schöpft Mut aus den Ergebnissen der Vorbereitung. Die Borussia blieb ohne Gegentor – ein Erfolg für eine Mannschaft, die in siebzehn Bundesligarunden 47 Treffer hinnehmen musste. „Wir haben uns ein gutes Gefühl erarbeitet“, sagt der Trainer, „das wollen wir natürlich mit nach Nürnberg nehmen.“

          Oppositionsgruppen nutzen Abstiegskampf zum Wahlkampf

          Ein gutes Gefühl wollen sich auch zwei Oppositionsgruppen verschaffen, die den Abstiegskampf zum Wahlkampf nutzen. Sie wollen den Mitgliedern mehr Einfluss verschaffen, wie sie sagen. Königs und seine präsidialen Mitstreiter hätten zu viel Macht und zu wenig (sportlichen) Sachverstand. Das wollen die „Mitgliederoffensive 2007/2011“ und die von Vertretern der regionalen Wirtschaft gegründete „Initiative Borussia“ mittels Satzungsänderungen auf der nächsten Hauptversammlung ändern – wie es scheint aber nicht mit-, sondern gegeneinander.

          Die beiden Gruppen bilden eine Opposition ohne Gemeinsamkeiten. Sie sehen die Borussia „vom Mythos zur grauen Maus“ mutiert; ihr kleinster gemeinsamer Nenner besteht darin, Königs und die ihm ergebene Führungscrew in die Schranken zu weisen. Während die „Offensive“ ein wenig naiv damit wirbt, „unsere Borussia den Mitgliedern zurückgeben“ zu wollen, meint die „Initiative“, die das unternehmerische Element stärken will, ein wenig großspurig, sich „Branchenprimus Bayern München als Vorbild“ nehmen zu müssen. In den nächsten Monaten könnte es hinter den Kulissen zwischen Präsidium, „Initiative“ und „Offensive“ auf einen Dreikampf jeder gegen jeden hinauslaufen.

          Königs will sich „am Klassenerhalt messen lassen“. So oder so dürfte der Abstiegskampf für den 69 Jahre alten Präsidenten nach dem letzten Spieltag weitergehen, es sei denn, er tritt zurück. Ausgeschlossen scheint das nicht mehr. „Wenn es darum geht, dem Verein strukturell eine andere Ausrichtung zu geben und alles auf den Kopf zu stellen, werde ich mir diese Frage stellen“, sagt er.

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