https://www.faz.net/-gtm-ag8fe

Wut, Ablehnung, sogar Hass? : Geladene Stimmung in Gladbach

  • -Aktualisiert am

So ein Tag: Marco Rose nach dem Heimsieg gegen die Bayern 2019 Bild: Huebner

Marco Rose dürfte bei seiner Rückkehr in den Borussia-Park den Zorn der Fans zu spüren bekommen – auch, weil sich mit seinem Nachfolger Adi Hütter kein Gefühl der Erneuerung einstellt.

          3 Min.

          Eine gehörige Portion Respekt mischt sich beim Gedanken an den Samstagabend in die Worte von Max Eberl. Der Mönchengladbacher Borussia-Park wird rund um das Gastspiel des BVB (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga sowie bei Sky) von Emotionen erfüllt sein, die es lange nicht gab in einem Bundesligastadion. Wut, Ablehnung und vielleicht sogar Hass werden Marco Rose entgegenschlagen, nachdem der Dortmunder Trainer im Sommer von der einen Borussia zur anderen wechselte.

          Bundesliga

          „Es ist das erste Spiel wieder von größerer Brisanz“, sagt Eberl, der nicht so genau weiß, was die besonders verbohrte Fraktion der Mönchengladbacher Anhänger plant. „Ich verstehe die Fans, die wahrscheinlich ihren Unmut zeigen wollen, es herrscht Meinungsfreiheit, man kann das tun“, sagt er, Verlautbarungen aus der Kategorie „unterste Schublade“ werde „man nicht gänzlich verhindern können“. Erst wenn es „in Richtung persönliche Bedrohung geht, dann würden Grenzen überschritten werden“.

          Damit wird am Samstag die dunkle Seite des Fußballs in den Bundesligaalltag zurückkehren, obwohl die Ultras sich weiterhin daran halten, erst nach Abschaffung aller in der Pandemie eingeführten Sonderregeln wieder als feste Gruppen in Erscheinung zu treten. Doch der Zorn auf Rose ist weiterhin stark, wie Thomas Ludwig, der Vorsitzende des FPMG Supporters Club, in einem Interview auf der Homepage des Fanprojekts sagt: „Die Zeit heilt zwar alle Wunden, aber mit Sicherheit sitzt der Stachel der Enttäuschung noch lange Zeit sehr tief bei uns.“ Dennoch wünsche er sich von den Rose-Kritikern „kreative Ergüsse“ und „keine Gewaltaufrufe oder sonstige Auswüchse in die falsche Richtung“.

          Zustand des Energiemangels

          Das ist ein schmaler Grat, denn der Ton ist rau. „Kein Söldner steht über dem Verein – sofort raus mit dem charakterlosen Schwein!“ stand auf einem Transparent, das nach Bekanntwerden von Roses Wechselplänen im Februar am Trainingsgelände hing. Seither scheint die Wut kaum abgeklungen zu sein, was nicht zuletzt daran liegt, dass sich auch drei Monate nach der Ankunft des neuen Trainers Adi Hütter kein Gefühl einer Erneuerung einstellt. Im Gegenteil, die Schwere aus den letzten Rose-Monaten ist geblieben – nicht zuletzt in den Leistungen der Mannschaft, die mit vier Punkten auf dem drittletzten Tabellenplatz steht.

          „Was wir spielerisch zeigen, hat zu wenig Dynamik“, sagt Hütter, der immerhin die Aktionen mit dem Ball „teilweise sehr ordentlich“ findet. Was fehle, sei das „schnelle Umschalten, die Aggressivität nach vorne. Das ist, was wir absolut verbessern müssen.“ Im ersten Jahr mit Rose, als der Klub die Champions League erreichte und dort im Herbst 2020 mitreißende Spiele gegen Inter Mailand, Real Madrid und Schachtar Donezk bot, zählten Umschaltmomente und Willensstärke in den Zweikämpfen noch zu den Stärken der Mannschaft, die sich personell kaum verändert hat.

          Doch während der bleiernen Zeit mit Rose, dem Untreuen, ist der Klub in einen Zustand der Energiemangels hineingeraten, aus dem er sich auch nach Hütters Ankunft bisher nicht befreien konnte. Eberl kritisiert nun die Spieler, die sich möglicherweise nicht entschlossen genug gegen diese Dynamik wehren.

          Volles Engagement, noch ohne durchschlagenden Erfolg: Adi Hütter
          Volles Engagement, noch ohne durchschlagenden Erfolg: Adi Hütter : Bild: dpa

          Am Ende des vergangenen Spieljahres war es so, „dass Marco Rose das Alibi war“, sagt der Sportdirektor. Anschließend „war es die Transferperiode“, in der „die Jungs sich nicht komplett frei machen“ konnten, weil über rund ein Dutzend angeblich umworbener Gladbacher Spieler spekuliert wurde. Einige wussten nicht, wie ihre eigene Karriere weitergehen würde, das war belastend. Bis zu einem gewissen Punkt hat Eberl sogar Verständnis für die Profis, die Ungewissheit über das künftige Gesicht der Mannschaft hat ihn selbst genervt. „Ein Mensch ist nicht frei von Themen, die um einen herum sind, das sind keine Maschinen, das sind Menschen“, sagt er. Aber jetzt ist die Zeit der Alibis vorbei.

          Hütter nennt auf die Frage nach den Gründen für den schwachen Saisonstart auch noch ein paar weitere Aspekte: Weil viele der EM-Teilnehmer noch lange Urlaub hatten, sei die Sommervorbereitung unbefriedigend verlaufen, zudem waren in den ersten Saisonwochen Schlüsselspieler wie Ginter, Pléa, Stindl, Bensebaini, Embolo, Lainer, Thuram sowie Hofmann verletzt. Und gerade Lainer, Thuram, Bensebaini und Embolo spielen eine besondere Rolle bei der Erzeugung der Dynamik, die dem Trainer fehlt.

          Bensebaini und Embolo kehren gegen den BVB womöglich genauso zurück wie der prominenteste Zugang Manu Koné. Vor allem jedoch stehen die Gladbacher vor der Frage, ob sie die Energien, die mit Roses Rückkehr im Stadion entstehen werden, für eine gute eigene Leistung nutzen können oder ob sie sich wieder einmal ablenken lassen.

          Bekannt ist, dass viele Spieler nur wenig mit dem Groll ihrer Anhänger anfangen können. „Ich finde, Marco Rose hat keine Pfiffe verdient“, sagte Jonas Hofmann in einem Interview mit der Bild-Zeitung. Der Trainer sei „ein super Mensch, hat mit Gladbach Vereinsgeschichte geschrieben und erstmals die K.-o.-Runde der Champions League erreicht“. Ähnlich denkt Eberl, der sich auf das Wiedersehen mit Rose freut. Die gegenseitige Sympathie der beiden ist trotz der Trennung geblieben. Aber es sind eben auch kritische Transparente und wütende Sprechchöre zu erwarten, womit im Borussia-Park viele Gladbacher mit zum Teil widersprüchlichen Gefühlen unterwegs sein werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Polens Streit mit der EU : Alle Zeichen stehen auf Sturm

          Ministerpräsident Morawiecki stellt Polen als Opfer finsterer Machenschaften dar. Eine Annäherung im Streit mit der EU rückt damit in weite Ferne. Die meisten sind sich einig: Polen ist an den Rand Europas gerückt.
          Julian Reichelt

          Der Fall Julian Reichelt : Was uns der Rauswurf des Bild-Chefs sagt

          Der Bild-Chefredakteur Julian Reichelt ist seinen Job los. Bei seinem Betragen ist das nur angemessen. Springer-Chef Döpfner hält ihn indes für einen „Rebellen“. Das ist der falsche Begriff.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.