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Mainzer Torwartschule : Das Glück der Entwicklung

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Nummer eins der Mainzer: Robin Zentner Bild: Imago

Mainz 05 schafft das Kunststück, seine drei Torhüter in der eigenen Jugend ausgebildet zu haben. Die Mainzer Torwartschule gilt als die vielleicht beste der Bundesliga. Was ist ihr Geheimnis?

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          Der Auftrag war klar formuliert: „Christian Heidel hatte mir gesagt, der Verein wolle für Torhüter keine Ablösesummen mehr bezahlen – meine Aufgabe sei es, den Nachwuchs entsprechend auszubilden.“ Das war 2014, und seither arbeitet Sven Hoffmeister als für das Nachwuchsleistungszentrum des FSV Mainz 05 zuständiger Torwarttrainer daran. Er hat die Talente unter seinen Fittichen, bis sie entweder den Bruchweg verlassen oder den Sprung in den Profikader schaffen. Dann übernimmt sie Stephan Kuhnert, seit 1988 Torwarttrainer der Rheinhessen.

          Bundesliga

          Wie akribisch Hoffmeister die Anweisung des damaligen Managers und heutigen Sportvorstands Heidel umsetzt, belegt nicht nur die Tatsache, dass der Verein das Kunststück fertigbringt, seine drei Torwartpositionen ausschließlich mit aus der eigenen Jugend hervorgegangenen Leuten zu besetzen. In der vorigen Saison waren es Robin Zentner, Finn Dahmen und Marius Liesegang; zur neuen Spielzeit rückt der bisherige Stammkeeper der U 23, Lasse Rieß, an die dritte Stelle.

          Florian Müller, der vor einem Jahr das Duell mit Zentner knapp verloren hatte, zunächst zum SC Freiburg verliehen wurde und nun für eine Ablöse in Höhe von etwa fünf Millionen Euro zum VfB Stuttgart wechselte, verlängert die Liste der in Mainz ausgebildeten Schlussleute, die nun andernorts in Profiligen spielen. Dazu zählen auch Christian Mathenia (1. FC Nürnberg), Loris Karius (FC Liverpool/Union Berlin), Jannik Huth (SC Paderborn) und Lennart Grill (Bayer Leverkusen). „Es ist schade, wenn solche Jungs uns verlassen“, sagt Hoffmeister, „aber es freut mich auch, wenn sie in anderen Vereinen eine gute Rolle spielen. Auch das ist eine Bestätigung unserer Arbeit. Und wir sind in der luxuriösen Situation, die entstehenden Lücken gleich wieder schließen zu können.“

          „Hermann Gerland für Torhüter“

          Was hinter dieser Entwicklung steckt, was das Geheimnis der Mainzer Torwartschule ist, darüber möchte der 51-Jährige nicht gerne reden. „Sonst ist es ja kein Geheimnis mehr.“ René Adler habe es allerdings unlängst in einem Interview mit der Zeitschrift Kicker ganz treffend ausgedrückt. Darin sprach der ehemalige Nationaltorhüter von Stephan Kuhnert als Unikat, als „Hermann Gerland für Torhüter“, der Widerstände einbaue, das Herz am rechten Fleck habe und „mit seinen Jungs durchs Feuer marschiert“. Während Kuhnert mit den Profis „auch mal freestyle trainiert“, achte Hoffmeister eher auf Technik und saubere Abläufe: „Die beiden ergänzen sich hervorragend. Das macht die Mainzer Schule aus.“

          Adler weiß, wovon er spricht. 2017 kam er als 32-Jähriger ablösefrei vom Hamburger SV an den Bruchweg. Wegen mehrerer Verletzungen bestritt er innerhalb der nächsten beiden Saisons zwar nur noch 17 Pflichtspiele, was wiederum den jungen Kollegen Müller und Zentner zum Vorteil gereichte. Von der Arbeit der Disziplintrainer aber profitierte auch er mit der Erfahrung von 250 Bundesligaeinsätzen noch.

          Hoffmeister, der seinerzeit mehrere Monate ins Profitraining eingebunden war, erinnert sich, im Umgang mit dem Routinier zunächst etwas unsicher gewesen zu sein. „Ich wusste nicht, ob ich berechtigt bin, ihm etwas zu sagen“, erzählt er. Doch mit seinem Vorschlag, das Techniktraining zu intensivieren und erst später an der Schnelligkeit zu arbeiten, sei er auf offene Ohren gestoßen. „René hatte seine Ausbildung ja in Leverkusen durchlaufen, wo ebenfalls sehr viel Wert auf die technische Schulung gelegt wurde. Damit waren wir auf einer Wellenlänge.“

          Finn Dahmen ist gerade Europameister mit der deutschen U 21 geworden
          Finn Dahmen ist gerade Europameister mit der deutschen U 21 geworden : Bild: dpa

          Talente zu erkennen gehört ebenfalls zu den Fähigkeiten, die ein NLZ-Trainer mitbringen sollte. Bei Torhütern ist dies einen Tick schwieriger als bei Feldspielern, weil beispielsweise die Körpergröße eine wichtigere Rolle spielt. „In die Glaskugel reingucken kann ich nicht“, sagt Hoffmeister. Er hält nichts davon, dass manche Eltern die Knochen ihrer Sprösslinge vermessen zu lassen, um frühzeitig über deren Wachstum informiert zu sein. „Okay“, sagt Hoffmeister, „dann weiß ich, wie groß der Junge mal wird. Aber ich weiß nicht, ob er auch in die Breite wächst, ob er in drei Jahren noch Bock auf Fußball hat, ob ihm die Freundin wichtiger ist als Training, ob er lieber feiern geht oder schlicht verletzungsanfällig ist.“

          Und wann lässt sich das Potential eines angehenden Toptorhüters abschätzen? „Wir wissen relativ früh, ob einer das Zeug dazu hat. Noch nicht von der U 9 bis zur U 12, aber in diesem Alter sehen wir zumindest, wie sich ein Kind zum Ball bewegt und ob es ein Gespür für unterschiedliche Situationen hat.“ Dies sei die Grundvoraussetzung – „und dann findet ein Prozess statt, der im Idealfall nach einem langen Weg zu einer Profikarriere führt“.

          Auch er ging den Mainzer Weg: Loris Karius schaffte es bis ins Finale der Champions League
          Auch er ging den Mainzer Weg: Loris Karius schaffte es bis ins Finale der Champions League : Bild: dpa

          Finn Dahmen zum Beispiel, gerade Europameister mit der deutschen U 21 geworden, war 14 Jahre alt, als Hoffmeisters Bauchgefühl sagte, dass dieser Junge einmal in der Bundesliga landen werde. „Finn hatte die Beweglichkeit und die technischen Voraussetzungen, er wusste genau, wann er zum Ball gehen musste, er konnte die Situationen einschätzen, wusste, ob er flach oder hoch angreifen muss.“ Die Ahnung trog den Trainer nicht. Dahmen hat vorige Saison in Spielen gegen einige der schwersten Gegner – Bayern München, Borussia Dortmund und den VfL Wolfsburg – seine Bundesligatauglichkeit nachgewiesen. „Und technisch ist er einer der besten und saubersten Jungs, die ich je trainiert habe.“

          Sven Hoffmeister verhehlt nicht, dass ihn ein Lob des deutschen U-21-Torwarttrainers Klaus Thomforde für die Ausbildung, die er Dahmen und Grill hat angedeihen lassen, stolz macht. Nicht minder freut es ihn aber, wenn der A-Jugendliche Tristan Mohn nach seinem Debüt in der U 23 berichtet, dank der gemeinsamen Arbeit in wichtigen Situationen einen Plan gehabt zu haben. Mohn sei im Übrigen der Nächste, der an die Tür zum Profikader klopfen werde, sagt Hoffmeister. Nicht nur Christian Heidel wird das freuen.

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