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1899 Hoffenheim : Im Rückwärtsgang nach vorn

  • -Aktualisiert am

So knien die Kraichgauer: Bei der TSG jubeln sie wieder, allen voran Jannik Verstergaard (vorn) Bild: dpa

Hoffenheim dreht die Zeit zurück und gräbt die alte Spielphilosophie aus. Nach vielen Irrwegen ist der Klub aus dem Kraichgau wieder bestens aufgestellt. Doch beim Spiel gegen den HSV (15.30 Uhr) gilt: Bloß nicht in die Falle tappen!

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          Alles schon mal da gewesen. Vor sechs Jahren hatte die TSG 1899 Hoffenheim nach sieben Spieltagen der Fußball-Bundesliga schon mal 13 Punkte auf dem Konto. Rang zwei. Genau wie heute. Doch von Konstanz keine Spur. Der Verein aus der badischen Provinz war nach seinem phänomenalen Start 2008 tief abgetaucht, fast bis in die zweite Liga. Und jetzt? Ein neues Hoch.

          Wenn man Ralf Rangnick glaubt, dem Vater der Hoffenheimer Fußballidee, heute bei Red Bull unter Vertrag, dann ist die aktuelle Mannschaft der TSG für einen Platz unter den ersten fünf der Bundesliga gut. „Das ist nett von ihm“, sagt Trainer Markus Gisdol. „Aber das hat für uns keine Bewandtnis. Für uns ist wichtig, dass wir vernünftig weiterarbeiten.“

          Nur nicht abheben

          Nur nicht abheben, bloß nicht durchdrehen – Hoffenheim hat aus seiner Geschichte gelernt, aus Fehlern, die sie im Frühjahr 2013 um ein Haar zum Abstieg verurteilt hätten. Irgendwie haben sie es damals noch umgebogen, mit einem Sieg in Dortmund am letzten Bundesligaspieltag und dann gegen Kaiserslautern in der Relegation. „Wir haben das nicht vergessen“, sagt Alexander Rosen. Er hatte lange die Nachwuchsakademie des Vereins geleitet und ist im April 2013 zum „Leiter Profifußball“ ernannt worden. Gisdol und er traten an, die Zeit zurückzudrehen, die Hoffenheimer Spielphilosophie wieder auszugraben, die Idee wieder freizulegen, auf die Jugend zu setzen, auf ein klares Konzept.

          Peter Rettig, seit Oktober 2013 Vorsitzender der TSG-Geschäftsleitung, beschönigt die Fehler nicht, die nach Rangnicks Abschied im Jahr 2011 gemacht wurden. „Es gab zu viele verschiedene Manager und Trainer, die versucht haben, ihre Ideen umzusetzen. Dabei ist der Faden verlorengegangen. Keiner wusste mehr, in welche Richtung es gehen sollte, die Spieler nicht und auch nicht die Mitarbeiter.“

          Vater des jüngsten Hoffenheimer Erfolgs: Trainer Markus Gisdol
          Vater des jüngsten Hoffenheimer Erfolgs: Trainer Markus Gisdol : Bild: dpa

          Marco Pezzaiuoli, Markus Babbel, Holger Stanislawski, Marco Kurz – alles teure, identitätsraubende Missverständnisse auf dem Trainerposten. Trainertalent Gisdol, der schon zu Rangnicks Zeiten in der Hoffenheimer Nachwuchsabteilung arbeitete, hatten die Hoffenheimer übersehen. Gisdol ging als Assistent nach Schalke. Als er im April vergangenen Jahres zurückkam und mit Rosen daranging, den Hoffenheimer Karren aus dem Dreck zu ziehen, waren 47 Spieler im Profikader, nichts passte mehr zusammen, das Team, unter Rangnick 2008 noch die Sensation der Liga, war nur noch ein Haufen Elend.

          Gisdol und Rosen stehen für die Generation Leistungszentrum, für Trainer und Manager, die in den Nachwuchsakademien mit Jugendmannschaften groß geworden sind und mit Trainern und Funktionären alten Schlages nicht mehr viel gemein haben. Gisdol gilt als Musterbeispiel dieser neuen Generation. Fachlich bestens ausgebildet, extrem fleißig, gute Menschenführung und Personalentwicklung.

          „Die Anforderungen sind extrem gestiegen“

          „Es hat sich vieles geändert“, sagt Rosen. „Früher war es möglich, dass ein ehemaliger Spieler mal einen kurzen Lehrgang macht und danach Trainer wird.“ Heute ist das nur noch bei Klubs denkbar, die die Zeit verschlafen haben. „Die Komplexität und Entwicklungen in allen Bereichen des Fußballs lassen so etwas nicht mehr zu“, sagt Rosen. „Trainingslehre, Belastungssteuerung, die Schnelligkeit des Spiels, die taktische Entwicklung. Mannschafts- und Mitarbeiterführung, Kaderentwicklung, Medienarbeit – die Anforderungen sind extrem gestiegen.“

          Geschäftsführer Rettig war vor seiner Hoffenheimer Zeit in leitender Funktion bei Coca-Cola Deutschland und anschließend frei als Berater tätig. Über ein Beratungsmandat bekam er den Job bei der TSG und organisierte den Laden neu. „Im Kern sind Bundesligavereine mittelständische Unternehmen“, sagt er. „Strukturen und Prozesse sind absolut vergleichbar.“ Sein Ansatz: „Sportliche Probleme können auch das Ergebnis von strukturellen und unternehmerischen Führungsproblemen sein.“ Deshalb musste alles auf den Prüfstand. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass man in einem schnell wachsenden Unternehmen an einen Punkt kommt, an dem Strukturen und Prozesse aus dem Ruder laufen. Man muss sie dann wieder anpassen. Das habe ich getan.“

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