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Fußball-Aussteiger Tobias Rau : Die harte Reise ist vorbei

Der Student Tobias Rau schwärmt noch heute vom FC Bayern, von der Professionalität, sogar von der „familiären Atmosphäre“ in der Mannschaft. „Ich bereue die Entscheidung nicht, ich würde es jedes Mal wieder genauso machen.“ Rau tritt nicht nach; eine Abrechnung mit der Branche, wie sie Sebastian Deisler vorgelegt hat, käme ihm nicht in den Sinn. Aus der Ruhe bringt ihn einzig ein älteres Zitat Thomas von Heesens, der, als Rau nach Bielefeld kam, dort Trainer war. Mit den Worten „Mal sehen, ob ich's in die Mannschaft schaffe“ habe sich der Neuzugang vorgestellt, dessen Selbstvertrauen „superklein“ gewesen sei. „Das ist Quatsch“, entgegnet Rau. „Ich denke eher, dass ich vielleicht zu ehrgeizig war, weil ich die Signale von meinem Körper überhört habe.“

Eine Niete gezogen

Im Laufe seiner Spielerjahre gibt es immer seltener Nachrichten über Rau, und wenn, dann ist es meist dieselbe: dass er nicht spielen kann. Ein Kapselriss im Sprunggelenk, ein Muskelbündelriss, ein Innenbandriss im Knie, ein Kreuzbandriss, eine Zehenverletzung, eine Hüftverletzung, eine Mandelentzündung, eine Knochenhautentzündung, eine Prellung, Adduktorenprobleme, Rückenbeschwerden, eine Virusinfektion. Auf mindestens fünfundzwanzig schätzt er allein die Zahl der Muskelfaserrisse, die ihn oft Monate außer Gefecht setzten. Der Körper ist das Kapital eines Sportlers, und als solcher, sagt Rau, habe er das Gefühl, einen „Scheißkörper erwischt“ zu haben: „Ich habe irgendwie eine Niete gezogen.“

In Bielefeld sind die Erwartungen an den ehemaligen Nationalspieler riesengroß. Doch auch hier kommt er nicht in Tritt, verletzt sich wieder, fühlt sich vom Coach geschnitten. Um Rau aus seinem Tief zu holen, braucht es einen Jahrhundert-Trainer. Diesen Titel haben die Bielefelder Fans 2005 Ernst Middendorp verliehen. Als wir ihn erreichen, führt er gerade mögliche Nachmieter durch seine Wohnung auf Zypern. Bei Anorthosis Famagusta ist er nach kaum drei Monaten entlassen worden - Ausdruck eines Geschäfts, das, wie er klagt, „immer groteskere Formen“ annimmt. Als Middendorp im Frühjahr 2007 zum bereits dritten Mal Arminia-Coach wird, findet er eine verunsicherte Mannschaft vor. Darunter ein Tobias Rau, der, wie Middendorp feststellt, „dahinvegetiert“. Manche Spieler, sagt Middendorp heute, bräuchten mehr als andere das Vertrauen des Trainers, das Gefühl, dass sie auch Fehler machen dürften: Dies treffe „ganz extrem“ auf Tobias Rau zu.

Middendorp schenkt ihm sein Vertrauen. Fünf Spieltage vor Saisonende steht Rau nach elfeinhalb Monaten Pause wieder auf dem Platz. Die Arminia, stets mit Rau in der Startformation, gewinnt vier der letzten fünf Spiele und schafft den Klassenverbleib. Im Mai 2007 wird Raus Vertrag noch einmal um zwei Jahre verlängert. Doch nach einer Serie von Niederlagen muss Middendorp im Dezember gehen. Rau, nach wie vor im Clinch mit seinem kränkelnden Körper, verliert das Vertrauen, das des Trainers und das in sich selbst. Beim 0:2 in Hamburg am 15. Februar 2009 spielt Tobias Rau letztmals in der Bundesliga. In acht Jahren hat er es auf 93 Spiele gebracht, ein Schnitt von elfeinhalb Spielen im Jahr. Sein siebtes Länderspiel, das gegen die Schotten, bleibt sein letztes.

„Kein überragendes Talent“

Gut 5000 Spieler sind in sechsundvierzig Jahren Bundesliga eingesetzt worden, 873 Nationalspieler zählt der Deutsche Fußball-Bund seit 1908. Es sind elitäre Kreise, so dass Rau recht hat mit seiner Einschätzung, er habe „so viel erreicht wie die wenigsten“. Und doch bleibt die Frage, wieso es nicht noch mehr wurde. „Ich war kein überragendes Talent“, sagt er selbst, „ich musste mir immer alles erarbeiten.“ Doch war es wirklich nur eine Sache des Körpers? Was auch zu hören und zu lesen ist über Tobias Rau, es fallen dieselben Begriffe: Freundlich sei er, anständig, zurückhaltend, still und bescheiden. Nicht unbedingt Attribute, die man mit Weltklassespielern wie Kahn oder Lehmann, Matthäus oder Ballack verbindet. In einer Branche, in der „Drecksau“ ein Ausdruck des Respekts ist, gilt es leicht als charakterliches Defizit, nett zu sein. Doch Rau sagt, er könne sich „nicht vorstellen, dass ich durch mehr Kaltschnäuzigkeit und Egoismus weitergekommen wäre“.

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