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Hannover 96 : Nur der Aufstieg zählt

  • -Aktualisiert am

Zweitliga-Spitzenreiter: Hannover 96 will unbedingt aufsteigen Bild: dpa

Für den allmächtigen Vereinschef Martin Kind gehört Hannover 96 in die Bundesliga. Und der Klub sorgt zumindest abseits des Rasens wieder mit großen Namen für Schlagzeilen. Am Freitag (18.30 Uhr) geht es in Fürth beschaulicher zu.

          Auf seinem Schreibtisch im Büro landet Tag für Tag die gesamte Bandbreite. Spielt Hannover 96 gut und erobert sich den ersten Tabellenplatz der zweiten Liga, gehen Lobeshymnen ein. Läuft es nicht nach Wunsch, muss sich Martin Kind jede Menge Kritik gefallen lassen. Sie erreicht ihn direkt und in aller Schärfe. Warum? Weil der Vereinspräsident der Niedersachsen ständig damit beschäftigt ist, mit voller Absicht den Druck auf die Mannschaft und die Sportliche Leitung hoch zu halten. „Ich kann unseren Abstieg bis heute nicht akzeptieren. Der direkte Wiederaufstieg ist für uns alternativlos“, erklärt der 72 Jahre alte Funktionär und Unternehmer regelmäßig.

          Wer auch immer ihm schreibt: Kind antwortet persönlich, nicht per E-Mail, sondern von Hand. Er ist ein Mann der alten Schule, mit guten Manieren und klaren Vorstellungen. Er kennt die Kräfte öffentlicher Kritik, leidet manchmal selbst unter ihnen und macht sie sich zunutze. Seine Antwortschreiben an besorgte Fans, die Kinds hohe Zielvorgaben als kontraproduktiv einstufen, sind von Klartext geprägt. Er versichert jedoch: Was auch immer er medial und polternd einfordert, sei mit dem Trainer und den Spielern selbstverständlich abgestimmt.

          Knick begradigen

          Der Wille des Präsidenten ist bei Hannover 96 zum ständigen Begleiter für alle Beteiligten geworden. „Ja. Wir wollen wirklich aufsteigen. Aber wir haben auch eine Demut vor dieser Liga“, sagt Geschäftsführer Martin Bader. Mit dem hart erkämpften 1:0-Heimsieg gegen den 1. FC Kaiserslautern hat Hannover am Montagabend die Tabellenspitze übernommen, an diesem Freitagabend (18.30 Uhr/ live in Sky und F.A.Z.-Liveticker) muss 96 sie in Fürth verteidigen.

          Das Team um Torjäger Martin Harnik erzielt die meisten Treffer aller Zweitligaklubs und ist nach dem Erstligaabstieg im Mai 2016 auf einem guten Weg, diesen Knick in der Vereinshistorie zu begradigen. „Wir tun wirklich alles, damit es mit dem Aufstieg klappt“, verspricht Cheftrainer Daniel Stendel. Von ihm und den Spielern erwartet Kind, dass sie seinem Druck und den Tritten der Konkurrenz standhalten. Stendel ist erst 42 Jahre alt und als Trainer neu im Profigeschäft. Er versucht, möglichst locker über alle Hürden zu springen, die ihm der Chef hinstellt. „Ich mache im Moment genau das, wo ich hingehöre. Das treibt mich schon mein ganzes Leben an“, versichert Stendel.

          Ein ehemaliger Kanzler als Aufsichtsratschef

          Es liegt oft an Kind und seiner Art, dass der Rest von Fußball-Deutschland Hannover 96 als einen etwas anderen Sportverein wahrnimmt. Mit der Inthronisierung des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder als Aufsichtsratsvorsitzender ist gerade signalisiert worden, dass man gegen große Schlagzeilen und große Namen nichts einzuwenden hat.

          Geballte Macht: Klubboss und Anteilseigner Martin Kind mit Aufsichtsratschef Gerhard Schröder

          Und dann wäre da noch das Dauerthema um die Frage, wie viel Macht eine einzelne Person oder Firma in einem Klub der Ersten oder der Zweiten Bundesliga haben sollte. Kind ist seit 20 Jahren in der Vereinsführung von Hannover 96. Unter seiner Regie ist ein äußerst komplexes Firmengeflecht entstanden, das er als Präsident, Geschäftsführer, Gesellschafter und Mäzen bestimmt. Mit seinem aktuellen Antrag an die Deutsche Fußball-Liga (DFL), die Mehrheit an der Komplementärgesellschaft zur Hannover 96 GmbH & Co. KGaA übernehmen zu dürfen, wäre er endgültig der Allesentscheider. Er könnte den Klub streng genommen verkaufen oder Investoren aus dem Ausland die Tür öffnen. Aber in Hannover, so versichert es Kind glaubhaft, soll auf lange Sicht weiter Hochdeutsch und kein Chinesisch oder Ähnliches gesprochen werden.

          Ehrgeiz, Eitelkeit und Lokalkolorit

          Was Kind antreibt und warum er den Verein so konsequent weiterentwickelt, ist vor allem durch Ehrgeiz, Eitelkeit und Lokalkolorit begründet. Der Name des Präsidenten, der im richtigen Leben ein weltweit erfolgreiches Hörgeräte-Imperium leitet, steht für viele Ecken, Kanten und Erfolge. Hannover 96 ist Hausherr eines modernen Stadions voller Anziehungskraft. Der Zuschauerschnitt in der Hinrunde lag bei rund 35 000. Vor kurzem hat der Verein ein Nachwuchsleistungszentrum eröffnet, das durch 18 Millionen Euro Eigenkapital ermöglicht worden ist. Und es bleibt der Treue regionaler Gesellschafter sowie Sponsoren zu verdanken, dass in Hannover ein für Zweitliga-Verhältnisse prominent besetztes Team weiter angemessen bezahlt werden kann.

          Kind wäre nicht Kind, wenn er nicht ständig öffentliche Was-passiert-dann-Rechnungen aufstellen würde. Der Umsatz des Vereins ist laut seinen Berechnungen von 90 Millionen auf rund 45 Millionen Euro gesunken. Als Absteiger alle Kosten sofort drastisch zu reduzieren, hält er für gefährlich und aufgrund bestehender Verträge für nicht realisierbar. Also zieht er die Daumenschrauben weiter an. „Angesichts der Rahmenbedingungen, die wir hier geschaffen haben, gehört Hannover 96 in die ersten Liga“, beteuert Kind.

          Er ist 1997 als Retter des bis in die Regionalliga abgerutschten Vereins angetreten, hat ihn saniert und zu einer etablierten Adresse gemacht. Den jüngsten Abstieg in die zweiten Liga nicht korrigieren zu können, käme einer persönlichen Niederlage gleich. „Unser Abstieg“, so schreibt es sich Kind selbstkritisch in sein eigenes Arbeitszeugnis, „war berechtigt, weil wir Fehlentscheidungen getroffen haben. Wichtig ist, dass man daraus lernt.“

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