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Mainz 05 nach dem Debakel : „Es hat gescheppert“

Fordert eine Entschuldigung auf dem Platz: Der Mainzer Trainer Sandro Schwarz. Bild: dpa

Nach dem 0:8-Debakel in der Bundesliga in Leipzig vermeidet Mainz 05 die klassischen Reflexe. Trainer Schwarz will statt Alibiaktionen eine „Entschuldigung auf dem Platz“.

          2 Min.

          Früher, als Bundesligatrainer noch Werner Lorant oder Felix Magath hießen, da gab es noch den schönen Begriff des Straftrainings. Im modernen Fußball, die von Begriffen wie Umschalten oder Gegenpressing geprägt ist und zu einer Zeit, in der Regeneration und durch Daten untermauerte Belastungssteuerung den Fußball bestimmen, gibt es diesen Ansatz der Maßregelung von Fußballspielern nicht mehr. Und so sahen die zwei Dutzend Trainingsbeobachter am Trainingsgelände am Mainzer Bruchweg am Dienstag beim ersten Training nach dem 0:8-Debakel in Leipzig, der höchsten in der Profifußballgeschichte von Mainz 05, auch keine wie wild für Sprintübungen durch die Gegend gejagten Profis. Und der Trainer fiel nicht durch auf den Trainingsplatz geschriene Kritik auf. Stattdessen lobte Sandro Schwarz bewusst, wenn einem Spieler etwas gelang. Und ermunterte seine Spieler, wenn es geboten schien. Aufbauarbeit schien angesagt.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schwarz bekam dafür eine Trainingseinheit, in der seine Spieler sichtlich bedrückt wirkten, aber konzentriert bei der Sache waren. „Und es hat gescheppert“, sagte Schwarz. Die Intensität in den Zweikämpfen, einer der gröbsten Mängel in Leipzig, war da. Dreimal musste die medizinische Abteilung nach allzu kontaktfreudiger Zweikampfführung zur Pflege angeschlagener Spieler auf den Platz. „Es bleibt immer das Gleiche. Wir brauchen Trainingsintensität und noch mal zehn Prozent obendrauf am Wettkampftag“, sagte Schwarz lapidar. Der 41 Jahre alte Trainer sprach das am Dienstag recht gelassen aus, ohne die Situation in Mainz schön zu reden. „Es tut weh, das kriegt man nicht so einfach aus den Kleidern raus“, sagte er. „Das ist peinlich, beschämend. Das haben wir mit dem Team auch so kommuniziert und klargestellt. Aber wir werden jetzt nicht alles in Schutt und Asche reden. Wir kommen nicht aus einer Serie mit acht Niederlagen, sondern wir haben einmal 0:8 verloren.“

          Seine Mannschaft habe wie schon bei der 1:6-Niederlage in München vor gut acht Wochen, als sie nach einer 1:0-Führung und einem Unentschieden zur Pause untergegangen war, „unter Stress den Kopf verloren“. Jeder Einzelne sei in Leipzig so sehr mit sich beschäftigt gewesen, dass er seine Aufgabe im Kollektiv nicht mehr habe erfüllen können. „Und das wurde brutal bestraft“, sagt Schwarz. „Ich werde aber nicht die Qualität meiner Spieler in Frage stellen.“

          Damit blieb Schwarz seinem Weg treu, sich zumindest in der Öffentlichkeit vor seine Mannschaft zu stellen, nachdem Sportvorstand Rouven Schröder am Wochenende immerhin die Verantwortung fürs Debakel recht deutlich den Spielern zugeschoben und den Trainer explizit verteidigt hatte. Schwarz muss demnach weiterhin nicht um seinen Job fürchten, wie man es bei Mainz 05 kennt, wo klassische Reflexe wie eine Trainerentlassung nicht so ausgeprägt sind wie andernorts. Dabei lässt sich der Klub auch nicht beirren von zunehmender Trainerkritik in den sozialen Medien. „Ich weiß nicht, wieviele Leute das am Ende sind, die da schreiben. Wir lassen uns aber nicht treiben von Social Media und Fanforen“, sagte Schwarz. „Dass die Leute unzufrieden sind, kann ich nachvollziehen. Aber jeder muss für sich entscheiden, ob er dort seinen Senf dazugeben muss. Ich lese das nicht, bin aber gerne bereit, nach dem Training mit Fans am Platz zu diskutieren.“

          Von modernen Formen der Bestrafung durch eine Form der pekuniären Selbstgeißelung halten sie in Mainz derweil übrigens genauso wenig wie von Straftraining. Populistisch geäußerte Forderungen, dass die Spieler nach dem Vorbild des im eigenen Stadion mit 0:9 unterlegenen englischen Erstligaklubs FC Southampton ihr Gehalt spenden sollten beispielsweise für eine vereinsnahe Hilfsorganisation, bezeichnen sie in Mainz als „Alibi-Aktionen“. „Die richtige Entschuldigung ist mit Leistung auf dem Platz zu erbringen und nicht mit Worten oder sonst was“, sagt Schwarz. Am Samstag (15.30 Uhr) soll diese Entschuldigung gegen Union Berlin in 90 Minuten vorgetragen werden.

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