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Schmidt für Hjulmand : Zurück zu den Mainzer Wurzeln

Der Neue gibt die Richtung vor. Das Ziel seiner Mission lautet Klassenerhalt Bild: AP

Martin Schmidt muss die Klub-Philosophie schleunigst wieder beleben: Mit Pressing-Fußball soll der bisherige Nachwuchstrainer nach der Entlassung von Kasper Hjulmand den Abstieg verhindern.

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          Ausnahmsweise war also am Rosenmontag schon alles vorbei. An dem Tag, an dem in der Fastnachtshochburg Mainz der Straßenkarneval den Höhepunkt erreicht, musste Kasper Hjulmand zur Kenntnis nehmen, dass sein erster Trainerjob in der Fußball-Bundesliga Geschichte ist. Statt Helau hieß es für den 42 Jahre alten Dänen Adieu. Zuletzt 13 Spiele mit nur einem Sieg lösten beim Tabellen-Vierzehnten Mainz 05 große Nervosität aus. Der Vorsprung auf die Abstiegsplätze ist nur noch marginal. Bei dem Verein geht die Angst um, erstmals nach 2007 in die Zweite Bundesliga absteigen zu müssen.

          Deshalb entschloss sich Manager Christian Heidel mit seinen Vorstandskollegen in der Nacht von Sonntag auf Montag, die Reißleine zu ziehen und die Zusammenarbeit mit dem bis zum 30. Juni 2017 an den Klub gebundenen Coach zu beenden: „Wer unsere Klub-Philosophie und unsere Arbeitsweise kennt, weiß, wie schwer uns diese Entscheidung gefallen ist“, sagte Heidel. „Kasper Hjulmand ist ein Fußballfachmann, der ohne Zweifel Mannschaften entwickeln und weiterentwickeln kann. Im Abstiegskampf verschieben sich für uns jetzt aber die Kriterien, die uns zu einem Wechsel auf der Trainerposition bewogen haben.“

          Mainz 05 erhofft sich von der Beförderung des bisherigen U23-Trainers Martin Schmidt eine Rückkehr zum leidenschaftlichen Pressing-Fußball, der die Basis für den Erfolg der vergangenen Jahre war. Hjulmand hatte sich darauf fokussiert, seinem Team Ballbesitzfußball zu vermitteln. Tatsächlich zeigte seine Mannschaft nach einer völlig verkorksten Phase vor Saisonbeginn – mit dem Ausscheiden in der Europa-League-Qualifikation und dem Erstrunden-Aus im DFB-Pokal – vor Monaten einige gute Ansätze. In der Bundesliga blieb sie die ersten acht Spiele ungeschlagen und kletterte auf den vierten Platz. Hjulmand prägte damals den denkwürdigen Vergleich zwischen Mainz 05 und der Kohäsionskraft: Wie in einer Blume das Wasser nach oben steige, so könne sich Mainz überraschend hoch in der Bundesligatabelle bewegen.

          Zu brav für Abstiegskampf: Kasper Hjulmand

          Danach aber kamen Mannschaft und Trainer in den Sog der Erdanziehungskraft. Der Trainer erschien vielen im Klub plötzlich als zu ruhig und zu brav. Das hatte sich nach Ansicht der Verantwortlichen auch auf den Stil der Profis übertragen. Nur ein beherzter Auftritt vor Weihnachten mit der höchst unglücklichen 1:2-Niederlage gegen Bayern München hielt den Verein von früheren Trennungs-Überlegungen ab.

          Nun aber war es so weit, und Klub spekuliert auf die positive Wirkung der Berufung eines Mannes aus dem eigenen Revier. Diese trägt in der Bundesliga wegen des anhaltenden Erfolgs von Werder Bremen seit einigen Wochen die Bezeichnung „Skripnik-Effekt“, obwohl eigentlich die Mainzer selbst das Patent für diese Art der Umstrukturierung beanspruchen. 2009 hatten sie Thomas Tuchel vom A-Juniorentrainer zum Proficoach befördert und mit den folgenden Erfolgen einen Trend gesetzt.

          Schmidt will keine Tuchel-Kopie sein

          Martin Schmidt ist nun gewissermaßen ein Teil des Erbes von Tuchel. Der 47 Jahre alte Schweizer wurde 2010 auf dessen Wunsch hin an den Bruchweg gelockt. Tuchel hatte Schmidt bei einem Jugendturnier kennengelernt, wo dieser den Nachwuchs des Schweizer Erstligakubs FC Thun betreut hatte. Im Zuge von Schmidts Trainerausbildung beim Schweizer Nationalverband war der damalige Mainzer Cheftrainer sein Tutor. Die beiden gelten als Freunde und pflegten auch nach dem freiwilligen Abschied Tuchels in Mainz im vergangenen Sommer den Kontakt. Und so verwunderte es nicht, dass die erste Trainingseinheit die Beobachter deutlich an Übungsstunden aus der Tuchel-Ära erinnerte.

          Schmidt ist mehr als eine Kopie Tuchels. Er ist ein eigenständiger Charakter mit einer interessanten Vita. Der neue Mainzer Cheftrainer wuchs im deutschsprachigen Teil des Wallis auf, wo er sich in früheren Jahren in allen erdenklichen Abenteuersportarten übte, bei denen es „wild“ und meist „bergab“ zugeht, wie er einmal sagte. Als Fußballspieler stieg er mit dem FC Naters in die Nationalliga B auf, die Karriere wurde allerdings gebremst, da sich Schmidt siebenmal das Kreuzband riss – vornehmlich bei Ausflügen in Extremsportarten wie Speed Skiing oder einem Fahrradrennen in Saas Fee, bei dem es aus 3800 Metern Höhe auf Schnee die Skipiste hinabgeht.

          Sein Abenteurerleben finanzierte sich der KFZ-Mechaniker zunächst mit einer Autowerkstatt, ein Jahr lang arbeitete er in der deutschen Rennserie DTM. Mit seiner Schwester gründete er später ein Textilunternehmen. Die Trainerlaufbahn schlug er erst im Alter von Mitte Dreißig ein, mehr als ein Jahrzehnt später ist der in seiner Heimat weitgehend unbekannte Schmidt nun in der Bundesliga angekommen, nachdem er für Heidel bereits der Alternativkandidat bei Hjulmands Verpflichtung im zurückliegenden Sommer war. „Heidel hat mir damals in Gesprächen Wertschätzung gezeigt, aber auch gesagt, wo ich noch an mir arbeiten kann. Das habe ich mittlerweile getan“, sagte Schmidt im Herbst. Jetzt kann er es beweisen. Eine schöne Parallele mag ihm nun Mut geben: 2001 hatte Heidel schon einmal am Rosenmontag eine vereinsinterne Lösung gefunden nach der Beurlaubung eines Trainers. Damals wurde Jürgen Klopp vom Verteidiger zum Trainer befördert.

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