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Trauer um Trainer Lewandowski : „Er war als Mensch immer authentisch“

  • -Aktualisiert am

Sascha Lewandowski (1971-2016) Bild: dpa

Der ehemalige Bundesligatrainer Sascha Lewandowski ist im Alter von 44 Jahren gestorben. Die näheren Umstände sind bislang nicht geklärt. Weggefährten reagieren bestürzt.

          Diese Nachricht hat die ganze Bundesliga einen Tag vor dem Beginn der Europameisterschaft in Trauer versetzt. Wie am Donnerstag bekannt wurde, ist der Fußballtrainer Sascha Lewandowski am Mittwochnachmittag tot in seiner Bochumer Wohnung nahe dem Stadtpark aufgefunden worden, in der er gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin, einer Hörfunkjournalistin, gelebt hatte. Die Umstände des Todes sind unklar. Nach Informationen der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ liegen keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden vor.

          Die Staatsanwaltschaft Bochum machte am Donnerstag keine Angaben über den Stand der Ermittlungen. Ein Sprecher der Behörde teilte jedoch mit, die Staatsanwaltschaft habe beim Amtsgericht die Obduktion der Leiche beantragt. Sollte diesem Antrag stattgegeben werden, würde der Tote Anfang kommender Woche obduziert werden. Dann kann vielleicht auch die Frage geklärt werden, ob der Tod im Zusammenhang mit einem Erschöpfungssyndrom (im Volksmund: Burnout) steht, das Lewandowski im März dieses Jahres veranlasst hatte, seinen Vertrag beim Zweitligaverein Union Berlin aufzulösen.

          Zahlreiche Vereinsvertreter, aber auch Prominente wie Bundesjustizminister Heiko Maas oder der fußballinteressierte Entertainer Oliver Pocher äußerten sich in sozialen Netzwerken bestürzt über den Tod des Trainers, der 44 Jahre alt wurde. „Es ist furchtbar, dass er nun nicht mehr unter uns ist. Ich bin völlig schockiert“, sagte etwa Michael Schade, Geschäftsführer des Bundesligaklubs Bayer 04 Leverkusen. Lewandowski habe sich bei Bayer „große Verdienste erworben und Spuren hinterlassen“, sein Name sei „eng verbunden mit den sportlichen Erfolgen des Klubs in den vergangenen Jahren“.

          Der Fußballlehrer hatte in Leverkusen zunächst als Juniorentrainer gearbeitet und war im Frühjahr 2012 zum Cheftrainer aufgestiegen, konzentrierte sich auf eigenen Wunsch später – in leitender Position – jedoch wieder auf die Nachwuchsarbeit, ehe er die Werkself im Frühjahr 2014 als Interimstrainer in den abschließenden fünf Auftritten noch auf Platz vier der Bundesligatabelle führte und damit in die Play-offs der Champions-League-Qualifikation. Auch Rudi Völler äußerte sich tief betroffen. „Es ist für uns alle kaum vorstellbar, dass Sascha tot ist. Er war ein toller Mensch, der all seine Kraft und Leidenschaft in seine Arbeit einbrachte. Sowohl im Jugend- als auch im Lizenzspielerbereich hat Sascha phantastische Arbeit geleistet“, sagte der Leverkusener Sportdirektor.

          Obwohl Lewandowski in Leverkusen Erfolg hatte und in der Branche als großes Trainertalent galt, wirkte er im Scheinwerferlicht des Unterhaltungsbetriebes Profifußball nicht so recht glücklich. Die Arbeit und der Druck in diesem Geschäft haben Lewandowski, der zum Perfektionismus neigte, offenbar viel Kraft gekostet – zu viel, um weiter als Coach zu arbeiten. Dieser Erkenntnis musste er sich auf seiner letzten Station stellen. Ein halbes Jahr nach dem Einstieg als Cheftrainer bei Union Berlin ließ Lewandowski sich zunächst krank schreiben, beschloss aber im Einvernehmen mit der Vereinsführung im März dieses Jahres, den Vertrag aufzulösen, um sich ganz auf seine Genesung zu konzentrieren.

          Der Trainer machte kein Geheimnis daraus, dass die Ärzte bei ihm ein akutes Erschöpfungssyndrom festgestellt hatten. Lewandowski ließ die Öffentlichkeit wissen, warum er sich nicht mehr imstande fühlte, seine nervenaufreibende Arbeit fortzuführen: „Neben den gesundheitlichen Risiken muss ich auch akzeptieren, dass ich aktuell einfach nicht annähernd die Power habe, mit so viel Energie zu arbeiten, wie ich es als Cheftrainer gewohnt bin und wie die Mannschaft es verdient“, sagte er zu jener Zeit.

          Zuletzt hatte es den Anschein gehabt, als wäre Lewandowski auf dem Wege der Besserung gewesen. Das jedenfalls war vor ein paar Tagen noch aus einem privaten Umfeld zu hören. Und Lewandowskis vormaliger Chef Schade hatte sogar „gehofft, ihn im Sommer wieder auf einer Trainerbank zu sehen“. Schades Vorgänger als Bayer-Geschäftsführer, Wolfgang Holzhäuser, ein großer Förderer Lewandowskis, würdigte seinen früheren Weggefährten besonders einprägsam. Er könne sich „nicht erinnern, jemals so betroffen gewesen zu sein“, sagte Holzhäuser dieser Zeitung. „Sascha war als Mensch immer authentisch, er hat sich nie verstellt. Bei diesem Mann hatte ich nie das Gefühl, dass er etwas anderes gesagt hat, als er gedacht hat.“

          Diese Wesenszüge machten Sascha Lewandowski nicht gerade zu einem typischen Protagonisten des Berufsfußballs, aber im richtigen Leben hätte er damit weit kommen können, wenn dieses Leben nicht viel zu früh zu Ende gegangen wäre.

          Totale Erschöpfung: Burnout-Syndrom

          Burnout bedeutet so viel wie „ausgebrannt sein“. Das Erschöpfungssyndrom, an dem auch Fußballtrainer Sascha Lewandowski nach Angaben von Zweitligaverein 1. FC Union Berlin litt, bekommen meist Menschen, die über lange Zeit an ihrer Leistungsgrenze arbeiten. Sie überarbeiten sich in ihrem Beruf und stellen extrem hohe Erwartungen an sich selbst. Gerade weil Burnout vor allem ehrgeizige Menschen trifft, ist deren schleichendes Abgleiten in den Burnout oft nicht erkennbar.

          Ausgangspunkt ist oft Überengagement im Beruf, der zum Lebensinhalt wird. Der Betroffene verleugnet seine Bedürfnisse. Anzeichen sind häufige Flüchtigkeitsfehler, völlige Erschöpfung, chronische Müdigkeit, Energiemangel und Konzentrationsstörungen. Oft folgt ein reduziertes Engagement, einige Betroffene machen Schuldzuweisungen und werden aggressiv. Es kann aber auch zu Depressionen und Angststörungen kommen. Die Suchtgefahr steigt. Wer einem Burnout-Syndrom vorbeugen will, sollte sein Privatleben stärker pflegen, Konfliktstrategien erlernen, häufiger Kompromisse durchsetzen und sich gegen Überforderung im Beruf wehren. (dpa)

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