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Friedhelm Funkel : Abschied von einem Urgestein der Bundesliga

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Erste Trainerstation im Profifußball: Bayer 05 Uerdingen, hier im Jahr 1991 Bild: Imago

Für viele verkörperte Friedhelm Funkel die Sehnsucht nach dem alten Fußball ohne eingeflogene Starfriseure oder goldene Steaks. In Düsseldorf hielt er sich für unantastbar – und beendet nach der Entlassung seine Trainerkarriere.

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          Am Dienstagabend schien Friedhelm Funkels Welt noch in Ordnung zu sein. Da stand der 66-Jährige gut gelaunt auf der Bühne des Savoy Theaters in der Düsseldorfer Innenstadt und ließ sich von Hunderten geladenen Gästen feiern. Zum zweiten Mal in Folge war Funkel als „Düsseldorfs Trainer des Jahres“ ausgezeichnet worden. Erst für den Aufstieg der Fortuna in die Fußball-Bundesliga, dann für den überraschend starken zehnten Platz in der vergangenen Saison. „Verdient ist verdient! Friedhelm Funkel ist Düsseldorfs Trainer des Jahres. Herzlichen Glückwunsch, Coach“, schrieb Fortunas Presseabteilung in den sozialen Netzwerken. Ein Eintrag, der dem Verein nun so um die Ohren fliegt wie seinen Torhütern zuletzt die Bälle. Denn knapp dreizehn Stunden später lautete die nächste Nachricht: „Vorstand von Fortuna Düsseldorf stellt Friedhelm Funkel frei – Verein reagiert auf sportliche Krise.“

          Bundesliga

          Dass die Situation prekär ist, dürften nicht mal Funkel oder seine vielen Fans bestreiten. Nach nur einem Sieg aus neun Spielen stehen die Düsseldorfer ganz unten in der Tabelle. Bereits in der Vorwoche meldete die Deutsche Presse-Agentur, dass es für den Trainer eng werden könnte. Doch nach dem ordentlichen Auftritt beim 0:3 in Leverkusen, wo zumindest ein Punkt möglich gewesen war, setzte Funkel in kleiner Runde mit den Reportern zur Gegenrede an: „Das ist unseriös, das hat nichts mit fairem Journalismus zu tun.“ Auch die Vermutung, jemand aus dem Vorstand habe die Presse genutzt, um indirekt Druck aufzubauen, verneinte er: „Ich weiß, wie sie denken.“

          Eine fundamentale Fehleinschätzung. Dem Vernehmen nach soll der dreiköpfige Vorstand ohne Gegenstimme für die Freistellung votiert haben. Trotz der Vertragsverlängerung kurz vor Weihnachten. Doch seitdem gab es nicht nur zwei Niederlagen, seitdem trat auch Reinhold Ernst als Aufsichtsratsvorsitzender zurück. Ernst galt zwar nicht als größter Funkel-Fan, hielt aber die Hand über den Trainer, weil er Unruhe vermeiden wollte. Er hatte ja im Vorjahr den Volksaufstand erlebt, als der damalige Vorstand Robert Schäfer Funkel vor die Tür setzen wollte. Stattdessen musste Schäfer gehen, Funkel schien nun unantastbar – und verhielt sich so.

          Das ist vielen sauer aufgestoßen. Als größter Gegner gilt Sportvorstand Lutz Pfannenstiel, dessen Reputation als Kaderplaner jüngst arg in Mitleidenschaft gezogen wurde. Keiner seiner Transfers machte das Team besser. Was in seinen Augen daran liegt, dass Funkel den Neuen wenig Beachtung schenkte und stattdessen auf alte Vertraute wie Oliver Fink (37 Jahre alt) oder Adam Bodzek (34) setzte. Und auch wenn Pfannenstiel Funkel zum Abschied branchenüblich für seine Verdienste lobte, sagte er deutlich, dass sie im Vorstand „in der Konstellation nicht mehr an den Turnaround für den Klassenerhalt glauben“. Den soll nun Uwe Rösler schaffen, der klar als Pfannenstiels Mann gilt. Der Druck auf den Sportvorstand dürfte nicht kleiner werden.

          Letzte Trainerstation: Fortuna Düsseldorf im Januar 2020

          Für die Bundesliga bedeutet Funkels Ende den Verlust eines ihrer Urgesteine. Gleich am Mittwochmorgen sagte er gegenüber Sky: „Meine Trainerkarriere ist beendet.“ Seit 1973 war der Neusser ein prägendes Mitglied im deutschen Fußball-Zirkus, 17 Jahre als Spieler für Uerdingen und Kaiserslautern, danach 29 Jahre als Trainer in Neuss, Uerdingen, Duisburg, Rostock, Köln, Frankfurt, Berlin, Bochum, Aachen, München und Düsseldorf. Als Spieler lief er viermal für die Nationalmannschaft auf, wurde 1985 mit Uerdingen Pokalsieger und stand auch ein Jahr später beim „Wunder von der Grotenburg“ auf dem Platz, als die Krefelder aus einem 1:3 im Europapokalviertelfinale gegen Dynamo Dresden noch ein 7:3 machten. Als Trainer stieg er sechsmal in die Bundesliga auf – Rekord.

          Dennoch dauerte es, ehe er sich seinen heutigen Kultstatus erarbeitet hatte. Jahrelang galt er als „Feuerwehrmann“, der ein kriselndes Team vor dem Abstieg retten oder zurück in die Bundesliga führen soll. Funkels Fußball war selten spektakulär, sein Rezept bestand aus Disziplin, Kampfkraft und kompakter Defensive. Zweimal erreichte er das Pokalfinale, einen Titel gewann er nie. Den brauchte er allerdings auch nicht, um vor allem in Düsseldorf geliebt zu werden. Die damals zweitklassige Fortuna übernahm er 2016, verhinderte zunächst den Abstieg in die dritte Liga und führte sie schrittweise nach oben. Er tat das meist unaufgeregt und mit klaren Ansagen. Für viele Beobachter verkörperte er die Sehnsucht nach dem alten Fußball ohne eingeflogene Starfriseure, goldene Steaks und die immer gleichen Sprechblasen.

          Demut gehörte dennoch nicht zu seinen hervorstechenden Charaktereigenschaften. Funkel war sich seiner Popularität durchaus bewusst, inszenierte sich vor Fans und Medien geschickt als weiser Mann, der alles erlebt hat und dem man in jeder Lage vertrauen kann. Zuletzt verteilte er auch immer mehr Ratschläge an die Konkurrenz, kaum ein Ereignis, zu dem er keine Meinung hatte. Das wirkte schon sonderbar für einen Trainer, der seine eigene Mannschaft kaum noch zu Erfolgen führte. Und der trotzdem mit dem Selbstverständnis des Unantastbaren auftrat. Im Fortuna-Vorstand kam das alles andere als gut an. Und soll ihm neben der sportlichen Talfahrt nun zum Verhängnis geworden sein.

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