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Frauenfußball : Der Abstieg des VfL Wolfsburg

  • -Aktualisiert am

Zum Heulen: Die Wolfsburgerin Zsanett Jakabfi (li.) sucht Trost nach dem 0:3 in der Champions League gegen Chelsea. Bild: dpa

Schrumpffußball am Mittellandkanal: Die Frauen des VfL Wolfsburg waren Spitze in Europa. Inzwischen wird anderswo besser gespielt und gezahlt.

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          Das Trikot von Alexandra Popp sah nach dem Abpfiff wie gewohnt schmutzig aus. Aber in der Schlussphase einer misslungenen Partie war selbst ihr Elan auf ein Minimum gesunken. Die Art und Weise, mit der sich die Fußballfrauen des VfL Wolfsburg aus der Champions League verabschiedet haben, bleibt merkwürdig.

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          Auch die sonst so einsatzfreudige Popp hatte in der Schlussphase der Partie gegen den starken FC Chelsea resigniert. „Leere“: Mit diesem Wort fasst die Torjägerin Popp zusammen, was das Scheitern im Viertelfinale zur Folge hat. 1:2 im Hinspiel, 0:3 im Rückspiel. An solche Ausbeute werden sich die über Jahre erfolgsverwöhnten Wolfsburgerinnen international wohl gewöhnen müssen.

          Der Sockel, auf dem der nationale Champion seit Jahren thront, kommt bedenklich ins Wackeln. Die Konkurrenz aus England, Spanien und Frankreich hat nicht nur stark aufgeholt, sondern bereits rechts überholt. „Darauf habe ich lange gewartet. Das ist die Zukunft. Und das ist gut für den Frauenfußball in England“, sagte Emma Hayes.

          Die Trainerin des FC Chelsea hatte in den vergangenen Jahren so manche Niederlage auch gegen Wolfsburg einstecken müssen. Dank Stars wie der Australierin Samantha Kerr und der Dänin Pernille Harder meldet Chelsea jetzt Ambitionen auf den Champions-League-Titel an. Harder zählt zu den besten Spielerinnen Europas. Dass sie im vergangenen Sommer von Wolfsburg nach London gewechselt ist, hat ganz sicher nicht touristische Gründe.

          Jetzt ein „Alles-oder-nichts-Spiel“

          Die Gefahr, dass dem Seriensieger aus Wolfsburg innerhalb kürzester Zeit sehr viel entgleitet, wird an diesem Sonntag (14 Uhr/ARD) wieder greifbar. „Das Pokal-Halbfinale ist wieder ein Alles-oder-nichts-Spiel. Und dabei müssen wir die Nackenschläge verteilen“, findet Stephan Lerch. Das Heimspiel gegen Bayern München ist für den Wolfsburger Trainer die letzte realistische Chance auf einen Titelgewinn mit dem VfL.

          Lerch tritt auf eigenen Wunsch ab, übergibt zur neuen Saison an Tommy Stroot (bisher FC Twente Enschede) und möchte eigentlich noch für eine Änderung im Briefkopf seines Arbeitgebers sorgen. Aber das Team des FC Bayern München führt die Bundesliga souverän vor Wolfsburg an. „Wir sind nicht am Boden zerstört“, sagte Lerch nach der abermaligen Niederlage am Mittwoch gegen Chelsea. Ihm ist dennoch klar, dass ein Scheitern auch im DFB-Pokal vor allem Fragen an seiner Arbeit aufwerfen wird.

          Warum also ist Pernille Harder, die in beiden Duellen mit Wolfsburg ein Tor für Chelsea erzielt hat, vom Mittellandkanal an die Themse gewechselt? Weil dort ihre Lebensgefährtin Magdalena Eriksson spielt. Weil die sportliche und finanzielle Perspektive besser ist. Und weil eine Stadt wie London durchaus ein paar Vorzüge gegenüber Wolfsburg haben soll. Unter dem Trend, dass Europas beste Spielerinnen außerhalb der Bundesliga bessere Optionen finden, leidet auch der engagierte und zahlungskräftige VfL.

          Die Einschätzung von Ralf Kellermann dazu klingt herb, trifft aber ins Schwarze. „Wir kriegen keine Spielerinnen mehr aus dem oberen Regal“, gesteht der frühere Trainer und heutige Sportdirektor der Wolfsburger Fußballfrauen. Er hat in einem Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk einen Umbruch beim VfL angekündigt. Man könnte parallel auch von einem Absturz von der internationalen Bühne sprechen. Und von einem Schrumpfen auf Normalgröße.

          Ihre Meinung dazu, wie sich die Hackordnung im europäischen Frauenfußball neu sortiert, hat Pernille Harder mit einem zufriedenen Lächeln auf den Weg gebracht. „Das war ein unglaubliches Gefühl und ein unglaublicher Fortschritt“, sagte die Dänin nach dem Triumph mit Chelsea gegen Wolfsburg. Zu ihren Teamkollegen zählen unter anderen Melanie Leupolz, die im Sommer 2020 vom FC Bayern nach London gewechselt ist, und die deutsche Torhüterin Ann-Katrin Berger.

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          Wie bei den Männern gilt: Lukrative TV-Verträge bringen die Vereine in England in eine komfortable Situation. Ein deutscher Spitzenverein wie Wolfsburg macht der nationalen Konkurrenz immer wieder mal eine Leistungsträgerin abspenstig. Eine Etage höher läuft dieses Spielchen allerdings zunehmend zu Lasten des VfL und der Qualität seines Teams.

          Was dem VfL Wolfsburg bleibt, ist die Hoffnung auf Fehler von Bayern München und eine Neuausrichtung in eigener Sache. Wer beim internationalen Wettrüsten nicht mehr mithält, landet zwangsläufig in der Rolle des Entdeckers. Während der VfL Wolfsburg künftig Talente finden und weiterentwickeln will, darf der FC Bayern in Kürze unter Beweis stellen, wie weit er wirklich schon ist. Dem Halbfinale im DFB-Pokal folgt am 1. Mai das Halbfinale der Champions League – gegen den mit Harder, Leupolz und Berger aufbegehrenden FC Chelsea.

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